"Musste alles löschen"Dubai-Influencer beschwören im Gleichschritt ihre Sicherheit
Von Tobias HauserRaketen und Drohnen aus dem Iran treffen auch Dubai. Viele dort lebende Influencer sind erst geschockt - und betonen dann auf einmal allesamt ihre Zuversicht in Videos, die einander teils eins zu eins gleichen. Das wirft Fragen auf.
Wer sich dieser Tage angesichts der Angriffe aus dem Iran auf umliegende Länder die drängende Frage stellt, wie es den Influencern in der Wüstenmetropole Dubai geht, kann ganz beruhigt sein. Zumindest, wenn man deren Posts Glauben schenken darf. Die Insta-Auswanderer geben sich inzwischen allesamt große Mühe, ihre Sorglosigkeit und die Dankbarkeit für den Schutz durch die Führung des Emirats zu betonen.
Es sind häufig Videos, die sich quasi nicht voneinander unterscheiden. Viele von ihnen starten mit einer Aufnahme der Influencerin oder des Influencers, die sorgenfrei ihren Alltag in Dubai genießen. Wahlweise gibt es dazu noch Bilder eines abstürzenden Flugzeugs oder einer anfliegenden Rakete. Darüber der Text: "Du lebst in Dubai. Hast du keine Angst?" Dann ein Schnitt und der Schriftzug: "Nein, weil ich weiß, wer uns beschützt." Dazu in allen Videos dieselben Zeitlupen-Aufnahmen von Scheich und Dubai-Herrscher Muhammad bin Raschid Al Maktum und seinem Anhang in weißen Roben, die zu epischer Musik mit entschlossenem Blick durch die Gegend laufen, in die Kamera zwinkern oder gewichtig in die Ferne schauen.
Auch andere Videos gibt es, in denen die Instagram-Stars davon berichten, wie wenig Sorgen sie sich machen. In den Kommentaren findet sich vor allem eine Frage: Warum sagen eigentlich alle das Gleiche? Die Angriffe gelten nur US-Basen, der Regierung wird vertraut, es gibt keinen Anlass zur Beunruhigung - immer wieder werden diese Punkte wiederholt. Auch ein Video von Präsident Mohammed bin Sajid, der durch eine Mall läuft, teilen viele Accounts. Sie verweisen mit ähnlichen Worten darauf, dass man keine Pressekonferenzen, Schlagzeilen oder Statements brauche, wenn die Führung sich volksnah zeige und damit Ruhe und Vertrauen verbreite.
Anfangs war der Ton anders
Dabei war der Ton direkt nach den Angriffen bei einigen erst ein anderer. Anfängliche Posts, die Schäden zeigen, wurden wieder gelöscht. Mehrere Medien berichten von einer Story der Influencerin Zara Secret, die demnach schrieb: "Wir dürfen nichts posten! Ich musste alles löschen!" Auch dieser Beitrag ist inzwischen aus ihrem Profil verschwunden. "Bei uns ist alles den Umständen entsprechend in Ordnung. Ich weiß nicht, was ich sagen darf und was ich nicht sagen darf", sagte Influencerin Nathalie Bleicher-Woth. Deswegen habe sie Inhalte wieder gelöscht.
Der "Welt" gegenüber berichteten Dubai-Influencer und Einwohner von Zensur. Eine Influencerin, die dem Artikel zufolge lieber anonym bleiben will, stellte klar: "Bestimmte Themen dürfen in der Öffentlichkeit nicht stattfinden. Das weiß jeder. Die Leute halten sich an diesen Verhaltenskodex. Wir sind Gäste." Für ein "Angst-Narrativ" sei kein Platz, das wurde laut der Influencerin auch von der Regierung unmissverständlich so kommuniziert. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird vorgeladen, muss in U-Haft und kann das Visum oder die Arbeitslizenz verlieren und abgeschoben werden. Kritik an der Regierung, den Behörden und ihrer Arbeit stehen in den Emiraten unter Strafe. Wer "den Ruf, das Ansehen oder die Würde" der Emirate beschädigt, so heißt es, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft und eine Geldstrafe von umgerechnet bis zu 117.000 Euro.
Für die Vereinigten Arabischen Emirate geht es beim eigenen Image, das die Influencer eifrig polieren, um viel. Das Bild des luxuriösen und sorgenbefreiten Dubai und die daraus entstehenden gigantischen Tourismus-Einnahmen sind durch die Angriffe des Iran gefährdet. Und auch diejenigen, die wegen ihrer Posts vom schicken Leben profitable Werbedeals, Steuerfreiheit und kostenlose Luxusgüter genießen können, profitieren von Dubais Image. Neben Influencern zieht die Stadt auch Unternehmer, Vermögende und Selbstständige an, die von den niedrigen oder faktisch nicht vorhandenen Einkommensteuern profitieren.
Image ist wohl auch ein wichtiges Thema für Raschid Al Maktum. Das hat zumindest eine seiner Töchter in einem Video gesagt, "Alles, was meinen Vater kümmert, ist sein eigener Ruf", sagte Scheicha Latifa, die ihrem Vater vorwarf, er habe sie nach Fluchtversuchen entführen lassen. Ein britisches Gericht bestätigte das und stellte in einem Fall auch Folter fest. Für seinen Ruf würde er sogar töten, so Latifa im Jahr 2018. Auch eine andere Tochter ließ Raschid Al Maktum in der Vergangenheit entführen. Seiner Ehefrau drohte er mit dem Tod. Doch für die Influencer, die ihr Leben in Dubai inszenieren, ist Raschid Al Maktum der ausschlaggebende Grund, sich sicher zu fühlen - zumindest sagen sie das in ihren Videos.
