Essayist und AutorSchriftsteller Peter Schneider ist tot

Eines seiner wohl bekanntestes Werke schrieb Schneider bereits 1973. In "Lenz" setzte sich der 68er mit den Illusionen von Intellektuellen und ihrer Bedeutung auseinander. Es folgen weitere Romane, Drehbücher, Aufsätze. Sein Verlag würdigt ihn als wachen Geist und einen großen Stilisten.
Der Schriftsteller Peter Schneider ist tot. Er starb am gestrigen Dienstag im Alter von 85 Jahren, wie der Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln unter Berufung auf seine Familie mitteilte. "Wir verlieren einen loyalen Freund, einen wachen Geist und einen großen Stilisten." Schneider wurde in Lübeck geboren und lebte in Berlin. Er war ein hellsichtiger Essayist mit dem Mut zum Anecken und ein vielseitiger Autor, der in verschiedenen literarischen Gattungen zu Hause war. Er schrieb unter anderem Erzählungen, Romane, Drehbücher und Reportagen. Regelmäßig beschäftigte er sich in seinen Werken auch mit gesellschaftspolitischen Themen - und das über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert.
Bekannt wurde er mit seiner Erzählung "Lenz" (1973), die gerade für die Generation der 68er zur identitätsstiftenden Lektüre wurde. Darin setzt sich der Autor nicht zuletzt mit den Illusionen von Intellektuellen und Künstlern über ihre Bedeutung in der Gesellschaft und der deutschen Vergangenheit auseinander.
Zwei Jahre später folgte der Band "...schon bist du ein Verfassungsfeind", dessen Titel bald als geflügeltes Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch bei politischen Auseinandersetzungen eingegangen ist. Schneider schrieb das Buch 1975, nachdem ihm im Zuge des berüchtigten Radikalenerlasses für den öffentlichen Dienst der Eintritt in den Schuldienst verweigert worden war. Als überzeugter Linker durfte er nicht Lehrer werden.
Der Schriftsteller sah die 68er-Revolte durchaus nicht unkritisch. Für ihn war sie aber gleichzeitig mit einem notwendigen Aufbrechen verkrusteter Strukturen in der Gesellschaft und im Denken verbunden. Auch literarisch hat ihn das Thema nicht losgelassen. "Es ist nötig - und wird immer nötig sein und Mut erfordern - gegen selbst ernannte Herren der Welt und eine feige oder übergeschnappte Obrigkeit zu rebellieren", schrieb er im Epilog seines Buches "Rebellion und Wahn" (2008). "Aber noch mehr Mut gehört dazu, gegen die Führer in der eigenen Gruppe aufzustehen und zu sagen: 'Ihr spinnt! Ihr seid verrückt geworden!' - wenn ebendies der Fall ist."
Thematisch ließ sich der erfolgreiche Schriftsteller nicht festlegen: In "Mauerspringer" (1982) widmete er sich dem Leben im geteilten Berlin. Die Stadt war da längst zu seiner Wahlheimat geworden. In dem Buch prägte er bereits das Wort von der "Mauer im Kopf".
Sein autobiografischer Bericht über "Die Lieben meiner Mutter" (2013) stellte die frühen Nachkriegsjahre in den Mittelpunkt und eine Frau mit großem Freiheitswillen. Das Werk war gleichzeitig der Versuch, sich an seine Kindheit zu erinnern und an die Jahre, die er im bayerischen Dorf Grainau nicht weit von der Zugspitze entfernt verbracht hatte. Das Schreiben war ein fester Bestandteil seines Lebens. Das galt auch noch im hohen Alter: Erst im vergangenen Jahr erschien sein letzter Roman "Die Frau an der Bushaltestelle". Seit 1985 unterrichtete er auch als Gastdozent an amerikanischen Universitäten.
"Wir verlieren einen loyalen Freund, einen wachen Geist und einen großen Stilisten", teilte der Verlag mit. "Er hinterlässt ein Werk, das wie kaum ein anderes die Brüche, Hoffnungen und Transformationen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts dokumentiert." Sein Werk werde bleiben.