Franz Xaver Kroetz' wildes LebenDichter, Dramatiker - und doch immer Baby Schimmerlos
Dichter, Dramatiker - und doch immer Baby Schimmerlos
Franz Xaver Kroetz gehört zu den meistgespielten deutschen Dramatikern. Viele kennen ihn aber vor allem als "Baby Schimmerlos" in der Kultserie "Kir Royal". Nun wird er 80. Feierlichkeiten gehen ihm allerdings "am Arsch vorbei".
1986 schlüpft Franz Xaver Kroetz in Helmut Dietls TV-Mehrteiler "Kir Royal" in die Rolle des Klatschreporters Baby Schimmerlos, der die Münchner Schickeria mit seiner Kolumne aufs Korn nimmt. Bis heute gilt die sechsteilige Serie als Perle des Unterhaltungsfernsehens - und die Rolle wird Kroetz für immer anhaften.
Dabei ist er ursprünglich gar nicht dafür vorgesehen. Der 2015 verstorbene Helmut Dietl will eigentlich Nikolaus Paryla als Baby Schimmerlos. Doch dann passt dieser in den Augen des Kult-Regisseurs doch nicht. In Kroetz findet Dietl schließlich die Idealbesetzung. Obwohl er zunächst auch bei ihm etwas zu meckern hat. Kroetz erinnert sich im "SZ-Magazin": "Am dritten Drehtag kam der Helmut und meinte, du bist zu hart, du musst ein bisschen weicher werden, so wie der Helmut Fischer, und ich habe gesagt, willst du noch mal umbesetzen? Ich spiele es so, wie ich es mag. Ich kann sowieso nur mich spielen. Damit war's gegessen."
Obwohl er 2008 in Joseph Vilsmaiers "Die Geschichte vom Brandner Kaspar" einen großartigen Auftritt als Hauptdarsteller hat, bezeichnet Kroetz die Schauspielerei als "Deppenjob": "Du ziehst Klamotten an, die jemand anderer bestimmt, du sagst einen Text, den jemand anderer geschrieben hat, du mimst eine Stimmung, die ein anderer vorschreibt."
Trotzdem habe er genossen, dass das Land bei der Ausstrahlung von "Kir Royal" aufgehorcht und gedacht habe: "Ach, der Kroetz, schau an!" Er habe sich dann eingebildet, dass er auch leben könne wie Baby Schimmerlos. "Ich war in einem glitzernden Fahrwasser drin, mit meiner wunderschönen Frau, Tochter von Maria Schell."
Was ihn und seine Rolle aber definitiv eint: das Schreiben. Mit zwölf Jahren verfasst Kroetz erste kleine Gedichte und schreibt eine Zeitung über das Familienleben. Mit 15 geht er von der Schule ab, besucht die Neue Münchner Schauspielschule und wechselt zum Max Reinhardt Seminar nach Wien. "Ich war die Sensation, hab zwei Semester übersprungen, was keine Kunst war, ich hatte ja schon zwei Jahre in München. Nach einem Jahr als Genie bin ich rausgeflogen. Zum einen, weil ich eine faule Sau war und nicht mehr mitgekommen bin, zum anderen habe ich in der Regieklasse einem Professor Watschn angedroht," sagt er der "Süddeutschen Zeitung". Es folgen etliche Gelegenheitsjobs als Lagerarbeiter, Bananenabschneider in der Großmarkthalle, Kraftfahrer, einmal ist er ein paar Wochen Pfleger in einer Nervenheilanstalt. Nebenbei schreibt er unentwegt Theaterstücke.
Theatererfolge und "Bild"-Job
Ab 1967 spielen kleinere Bühnen Kroetz-Dramen, darunter "Julius Cäsar (Bearbeitung nach Shakespeare)" am Münchner Büchner-Theater sowie 1969 "Hilfe, ich werde geheiratet" an der Ludwig-Thoma-Bühne in Rottach-Egern, wo er auch als Schauspieler und Regisseur arbeitet. Dann geht es Schlag auf Schlag: "Wildwechsel" (Städtische Bühnen Dortmund), "Heimarbeit" (Münchner Kammerspiele), "Hartnäckig" (Münchner Kammerspiele), "Das Nest" (Modernes Theater München), "Bauernsterben" (Münchner Kammerspiele), "Der Dichter als Schwein" (Düsseldorfer Schauspielhaus).
Kroetz schreibt nicht nur Gesellschaftsdramen über Menschen, die an ihrer sozialen Situation verzweifeln, sondern auch karge, aufwühlende Volksstücke, die stets abseits der weißblauen Idylle spielen, wie "Stallerhof", das am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt wird. Bis 2007 hat er 61 Theaterstücke verfasst, die zur Aufführung kommen, mit den unveröffentlichten dürften es wesentlich mehr sein. Damit ist Franz Xaver Kroetz zeitweise der meistgespielte deutsche Dramatiker.
Er ist ein politischer Autor, kein Sozialromantiker, sondern ein bayerischer Kommunist. Er denkt, dass Literatur einen praktischen Nutzen haben soll, nicht nur einen ästhetischen. Er will die Welt verändern - und tritt der DKP bei, für die er bei den Bundestagswahlen 1972 und 1976 kandidiert. 1980 ist wieder Schluss mit den Kommunisten. Das hätte auch nicht so gut gepasst zur nächsten Kroetz-Kapriole: Er fängt als Autor der "Bild"-Zeitung an.
Er selbst bezeichnet sich als "Schreibinvaliden", der Beruf des Schriftstellers sei bei ihm "nur noch eine Verhaltensstörung, ein grausliches, tödliches Hobby, weil ich mich dabei zerfresse". Er sei nie sicher gewesen, "ob ich das letzte Arschloch bin oder zu Shakespeare gehöre".
Mit Bitterkeit gegen die Altersmilde
Privat findet er seine große Liebe in Marie Theres Relin, Tochter von Maria Schell und Nichte von Maximilian Schell. 1987 lernt er sie bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Ist die Liebe noch zu retten?" in München kennen. Kroetz ist einer der Experten. In der Pause schnorrt er bei der Schell-Tochter eine Zigarette.
1988 kommt Tochter Josephine zur Welt. Das Paar heiratet 1992. Zwei weitere Kinder werden geboren. Nach fast 20 Jahren die Trennung. 2006 schreibt die mittlerweile erwachsene Josephine, auch sie Schauspielerin und Autorin, von einer "glücklichen Scheidung". Ihre Mutter Marie Theres Relin bleibt ihrem Ex-Mann in Freundschaft verbunden. Ihre Beziehung arbeiten sie im gemeinsamen Buch "Szenen einer Ehe" mit Humor auf.
Am 25. Februar wird Franz Xaver Kroetz 80 Jahre alt. Groß feiern wird er womöglich nicht, denn Feierlichkeiten gehen ihm eigentlich "am Arsch vorbei", wie er sagt. Dafür feiert er jeden Tag ein bisschen, denn "ich trinke leidenschaftlich gern. Ich kann ohne eine halbe Flasche Rotwein am Tag nicht sein", verriet er in einem Interview mit der "Augsburger Allgemeinen".
Eventuell aufkommende Altersmilde bekämpfe er "mit viel Bitterkeit" oder bayerischer Angriffslust. Kroetz schreibt jeden Tag. Gedichte, seit Jahren an einem neuen Stück, "das meiste ist ein Schmarrn". Keine Memoiren, die habe er nach drei Jahren weggeworfen. Sein Wunsch für die Zukunft: "Dass ich einen Dachdecker für meine Jagdhütte finde. Dann, dass mein operiertes künstliches Knie hält. Und für mich sehr, sehr wichtig, dass ich weiterhin das Trinken vertrage", verrät er der "Augsburger Allgemeinen".