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Der Eiserne Schleudersitz GoT hinterlässt rostigen Nachgeschmack

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Das Ende der Serie "Game of Thrones" kann einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Viel wurde über das hastige Ende der TV-Serie "Game of Thrones" spekuliert - und noch mehr geklagt. Doch das wahre Problem liegt tiefer. Denn ob Herrscher oder Anwärter auf den Eisernen Thron, ihre Macht war von der ersten bis zur letzten Folge mit Gewalt begründet.

Eigentlich können wir den Schluss auch dieser Fernsehserie wieder in aller Ruhe zur Kenntnis nehmen und die geballten Fäuste langsam öffnen, bevor wir uns das nächste filmische Epos bei HBO, Netflix und Co. reinziehen. Drachen gibt es nicht, genauso wenig wie Zombies, sprechende Bäume oder Armeen ohne Helmpflicht. Kurz, das Drama um den so genannten Eisernen Thron von Westeros war ganz selbstverständlich eine Fiktion.

Trotzdem gibt es eine Moral, wie in jeder Geschichte. Eine Botschaft und eine Schlussfolgerung, die das Publikum mitnimmt in die Wirklichkeit. Und vielleicht auch eine Sehnsucht. Wer von uns nach neun Jahren "Game of Thrones" eine der Hauptfiguren bevorzugt, betrauert und gerne an der Macht gesehen hätte, darf sich in jedem Fall sicher sein, eine Schwäche für totalitäre Herrschschaftsformen zu besitzen - oder entwickelt zu haben.

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Die Schauspielerin Sophie Belinda Jonas spielt Sansa Stark.

(Foto: imago images / Cinema Publishers Collection)

Anders gesagt: Die Serie hinterlässt einen faden, rostig braunen Nachgeschmack, der nach der gigantischen Resonanz auf die sagenhafte Geschichte unangenehm an ihr haftet. Ein Problem, das am Ende auf das Publikum selbst zurückfallen könnte. Denn womöglich war alles ein großes Fernsehexperiment.

Eines, für dessen Bewerbung sich in den Drehpausen sogar die echte Königin von England einspannen ließ. Fotos zeigen sie neben einigen Hauptdarstellern und Prinz Philip, dem größten Nebendarsteller ihrer eigenen echten Regentschaft. Dass sie gequält auf den "Eisernen Thron" schaut, mag daran liegen, dass sie messerscharf erkannt hat, dass es das Symbol für eine willkürliche Macht ist - ein ungemütlicher Schleudersitz, von dem man sich als konstitutionell eingekreister und parlamentarisch abgefederter Monarch von heute deutlich distanzieren muss. Haben das die mehr als 30 Millionen Fans auch bemerkt?

Wo ist das Volk?

Kurz gesagt: Der Fernsehserie "Games of Thrones", die vom Macht- und Überlebenskampf in sieben Königreichen handelte, fehlte etwas. Und das war mehr als Schießpulver, Motorisierung, Elektrifizierung und iPhone, die erforderlich gewesen wären, um aus den durchaus Instagram-tauglichen Charakteren mit ihrem Hunger nach Einfluss, mit ihrer Gabe für gute Posen, mit ihren unterhaltsamen Dialogen und dramatischen Intrigen eine Geschichte der Gegenwart zu machen.

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Emilia Clarke zeigt sich als Daenerys Targaryen sehr freizügig.

(Foto: imago/Landmark Media)

Vielmehr fehlte eine Ebene, die man auch als Instanz, im Zweifel als Gott und im besten Fall als Volk bezeichnen darf. Sie sollte in keiner Gesellschaft fehlen, die sich sehen lassen kann - und das will hier wohl niemand bestreiten, angesichts der Qualität von Followern, zu denen selbst Barack Obama zählte. Er selbst weiß nur zu gut, was sich hinter dieser Instanz verbergen muss, die Politik- und Geschichtswissenschaftler auch "Legitimation" nennen.

Seit es Herrschaft gibt, lässt sich diese Legitimation auf eine Frage reduzieren: Was berechtigt den Herrscher eigentlich zu herrschen? Oder den Regierungschef zu regieren? Die Antwort darauf kann nicht lauten: Cercei Lannister herrscht, weil schon ihre Söhne geherrscht haben. Oder Jon Snow soll herrschen, weil sein Großvater irgendwann herrschte. Das würde ins Heute übersetzt bedeuten, dass Peter Kohl regieren soll, weil schon Helmut Kohl regiert hat. Oder dass Adolf Hitler an die Macht kam, weil dort schon sein Vater war.

Eher Renaissance als Mittelalter

Was man vielen Menschen der Gegenwart nicht vorwerfen darf, ist eine nicht gerade gute Kenntnis vom wahren europäischen Mittelalter, etwa wann es sich abspielte (Antwort: ca. 500 bis 1400). Dass die Serie eher eine Bühne für Figuren der Renaissance und der frühen autokratisch-absolutistischen Neuzeit bot und nicht des Mittelalters, erkennen die Kenner der historischen Epoche.

ACHTUNG!!!!, KEYS BEACHTEN!

Daenerys Targaryen und Jon Snow.

(Foto: HBO)

Genauso wenig darf man voraussetzen, dass das Publikum aus dem Effeff weiß, was noch mal Feudalismus und die sogenannte "Lehnspyramide" waren. Kurz gesagt, hing das damalige System am Glauben an "den Herrn, der über uns wohnt". Gott war nämlich der oberste Lehnsherr, der alles Recht und allen Besitz der Welt dem Treuhänder eine Etage tiefer anvertraut hatte, der sich Kaiser (oder König) schimpfte und der - das ist sehr wichtig! - an diesen gnädigen göttlichen Auftrag wirklich viele Jahrhunderte geglaubt hatte.

Deshalb sprach man auch vom "Gottesgnadentum", und abgesehen von den Scharmützeln mit den Päpsten, die sich in einer Art Zwischengeschoss als noch entscheidend näher am Herrn über uns wähnten, war es der fromme, feste und sichtbare Glaube an den Gott, der den weltlichen Herrschern die Macht und die Möglichkeiten gaben, Teile ihrer gottgegebenen Ausstattung weiter nach unten zu verpachten und dafür bis aus dem Keller der Gesellschaft Gegenleistungen einziehen zu dürfen.

Mehr als ein Schreckgespenst

Wer sich damals nach der Legitimation eines göttlichen Treuhänders erkundigte, wollte nicht in erster Linie wissen, wer dessen Erzeuger war, sondern ob dieser Erzeuger oder seine Vorfahren von Gott eingesetzt worden waren. Darin bestand - jedenfalls im Mittelalter - für die längste Zeit die Legitimation zu herrschen.

Bei Game of Thrones konnte man weder jene Gottesfurcht erkennen, noch war überhaupt ein ernsthaftes Bemühen der Autoren um eine substanzielle Göttlichkeit auszumachen. Zwar war gelegentlich von "Gebeten" die Rede. Auch wurde der "Glaube an die Sieben" als polytheistische Hauptreligion auf Westeros bezeichnet, während der tote Jon Snow mit Hilfe eines Lichtgottes wieder auferstehen durfte und damit zu einer Art Jesusfigur der Serie mutierte.

Doch selbst wenn man die christliche Religion mit ihren Heiligen ebenfalls als polytheistisch auffassen möchte, war der Herr über uns im Mittelalter mehr als ein mächtiges Schreckgespenst. Er war auf allen gesellschaftlichen Ebenen der einzige Lebenssinn für den mittelalterlichen Menschen, der Antrieb morgens aufzustehen und ein Leben lang für einen guten Platz da oben zu arbeiten.

Nichts mit Gott am Hut

Offenbar passte diese Motivation nicht in die Geschichte von Game of Thrones. Die treffendste Antwort auf die Frage nach der Legitimation ihrer Herrscher gab die Figur des unerschrockenen Ritters Bronn. Ein mutiger Überlebenskünstler und knallharter Opportunist, was ihn sogar zum Helden macht, weil er keiner der Hauptfiguren erlegen war. Gegenüber den Rittern und Brüdern Jamie und Tyrion Lannister brachte er das Herrschaftsprinzip sinngemäß auf den Punkt: Irgendwann hat einer eurer Vorfahren besonders effektiv gemordet.

Dieser Gedanke entspricht einer weit verbreiteten Auffassung vom Beginn allen Adels, aber sie vergisst, dass Gewalt keinen Herrscher auf Dauer legitimiert. Das musste nicht zuletzt auch Daeneris Targaryen, die Mutter der Drachen spüren, die denselben Großvater hatte wie Jon Snow. Sie hatte rein gar nichts mit irgendeinem Gott am Hut und strebte eine totalitäre Willkürherrschaft an, die man durchaus als nazistisch bezeichnen darf.

Der US-amerikanische Autor R.R. Martin, der Autor der Bücher "A Song of Ice and Fire" und Mitschöpfer der Fernsehserie "Game of Thrones", hat mehrfach betont, dass ihn vor allem das englische Mittelalter inspiriert habe. Für einzelne Handlungsabschnitte und Nebenfiguren mag das zutreffen, aber für das Profil seiner fiktiven Herrscher und für ihre Legitimation ist es nicht mehr als ein Klischee.

Kaum ein Lichtblick

Hat Martin übersehen, dass sich das Volk (zunächst in Form des Adels) bereits im englischen Mittelalter langsam einen Weg an die Macht ebnete? Es ist Schulwissen, dass es zu Zeiten Heinrichs VIII - der nicht mehr zum Mittelalter zählte und zugleich der erste englische König ist, von dem wir ein Bild haben - bereits ein Parlament gab. Wo ist bloß das Volk in Martins Fernsehepos geblieben?

Immerhin gab es eine Bank. Sie befand sich in der Bürgerstadt Braavos - eine Art Goldman Sachs in einer Art Hamburg mit dem Klima von Tel Aviv. Sie hat die Kriege der gottlosen und volksfernen Herrscher finanziert und legitime Forderungen gegen sie angehäuft. Es war der einzige Lichtblick - zugleich ein frustrierend langweiliger.

Quelle: n-tv.de

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