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Kino-Drama um Identität geehrt Goldener Bär geht erstmals nach Israel

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Nadav Lapid und sein Goldener Bär.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die letzte Berlinale unter Leitung von Dieter Kosslick hat einen unerwarteten Gewinner. Erstmals erhält ein israelischer Regisseur den Hauptpreis. Die besten Darsteller kommen aus China. Auch deutsche Arbeiten werden geehrt.

Der israelische Film "Synonyme" ist bei der Berlinale als bester Wettbewerbsbeitrag mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. "Dieser Bär bedeutet mir wirklich sehr viel", sagte der israelische Regisseur Nadav Lapid in Berlin bei der Auszeichnung für den Besten Film. Es ist das erste Mal, dass ein israelischer Filmemacher den Goldenen Bären gewinnt.

"Synonyme" handelt vom jungen Yoav (Tom Mercier) aus Tel Aviv, der seine Vergangenheit hinter sich lassen will. Er zieht nach Paris und lernt wie wild Französisch, weil er kein Hebräisch mehr sprechen will. Die Geschichte ist angelehnt an Nadav Lapids eigene Biografie. Lapid wurde 1975 in Tel Aviv geboren, zog nach seinem Militärdienst nach Paris und wieder zurück. "Ich glaube, das sind Fragen, die Menschen überall in der Welt angehen: Wie weit wir uns von unserer Identität lossagen und eine neue entwickeln können", sagte Lapid über seinen Film. Die französisch-israelisch-deutsche Koproduktion galt unter Kritikern nicht unbedingt als Favorit.

Anders als zu Beginn geplant waren nur 16 Filme im Wettbewerb. Kurzfristig war "One Second" von Zhang Yimou abgesagt worden. Als Grund wurden "technische Probleme" genannt. Nach Einschätzung von Beobachtern erschien aber nicht ausgeschlossen, dass der Film der chinesischen Zensur zum Opfer fiel. Im Jugendprogramm fiel ebenfalls ein Film aus, eine Produktion aus Hongkong, mit ähnlicher Begründung einer chinesischen Produktionsfirma wie bei Zhang.

Preise für deutsche Filme

Auch deutsche Kandidaten waren bei den 69. Internationalen Filmfestspielen erfolgreich. So ging der Silberne Bär für die beste Regie an Angela Schanelec. Die 57-Jährige erzählt in "Ich war zuhause, aber" davon, wie eine Mutter mit dem Tod ihres Partners umgeht. Es ist aber auch ein Film über die Kunst an sich.

Das Drama "Systemsprenger" der deutschen Regisseurin Nora Fingscheidt bekam den Alfred-Bauer-Preis. Damit wird ein Spielfilm geehrt, der "neue Perspektiven eröffnet". Der Film handelt von einem gewalttätigen Mädchen, das von einer Unterbringung in die nächste geschoben wird und das Jugendhilfesystem an seine Grenzen bringt. Die Berlinale gehört neben Cannes und Venedig zu den wichtigsten Filmfestivals der Welt.

Darsteller-Preise gehen nach China

Den Großen Preis der Jury holte der französische Regisseur François Ozon mit "Gelobt sei Gott" über Missbrauch in der katholischen Kirche. Als beste Darsteller wurden die Chinesen Yong Mei und Wang Jingchun ausgezeichnet: Sie spielen in "So Long, My Son" ein Ehepaar, dessen Schicksal über 30 Jahre hinweg begleitet wird.

Der Silberne Bär für das beste Drehbuch ging an ein Team um den Autor und Mafiakritiker Roberto Saviano. Der Italiener stellte auf der Berlinale den Film "Piranhas" vor, der von einer Jugendbande in Neapel erzählt, die in Drogengeschäfte abrutscht. Geehrt wurde auch der Kameramann Rasmus Videbæk für eine "herausragende künstlerische Leistung" im skandinavischen Film "Pferde stehlen".

Kosslick tritt ab

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Kosslick tritt ab - Grütters würdigte ihn zuvor.

(Foto: dpa)

Die Berlinale wurde in diesem Jahr zum letzten Mal von Dieter Kosslick geleitet. Kulturstaatsministerin Monika Grütters würdigte Kosslick als "wahren Filmhelden". Er habe die Berlinale stets an den Fronten der großen, kontroversen Debatten unserer Zeit positioniert. Unter Kosslick habe sich die Berlinale zum größten Publikumsfestival entwickelt.

Zu Beginn der Zeremonie sagte Kosslick: "Lust auf das Kino zu machen, war immer mein Ziel." Ihm sei es stets um ein Festival gegangen, "wo jeder hinkommen kann". In den vergangenen 18 Jahren habe sich die Zahl der Besucher verdoppelt, auch in diesem Jahr seien es wieder 340.000 bis 350.000.

"Festivals sind der beste Ort für all diese Filme. Wer soll sie sonst zeigen. Es ist diese Stimmung, mit all den Menschen in den Kinos zu sitzen. Das ist einmalig. Das ist wirkliches Kino." Zugleich wies Kosslick zuletzt immer wieder erhobene Vorwürfe zurück, die Filmfestspiele in Berlin seien unpolitisch geworden. "Natürlich ist die Berlinale politisch, sie muss es sein", sagte Kosslick. Allerdings sei es vielleicht manchmal nicht so offensichtlich gewesen.

Am Nachmittag waren bereits die Preise der Nebenjurys vergeben worden. So ging etwa der Amnesty International Filmpreis an den brasilianischen Film "Espero tua (re)volta" von Eliza Capai, die den Kampf Jugendlicher im zunehmend härteren brasilianischen Alltag zeigt. Weitere Preise der Ökumenischen Jury gab es für den österreichischen Film "Erde" von Nikolaus Geyrhalter sowie "Buoyancy" aus Australien von Rodd Rathjen und "Midnight Traveler" von Hassan Fazili. Auszeichnungen der internationalen Organisation von Filmkunsttheatern Cicae erhielten "37 Seconds" des Japaners Hikari und die französische Produktion "Nos défaites" von Jean-Gabriel Périot.

Rund 400 Filme standen in diesem Jahr auf dem Programm. Nach Kosslick übernimmt eine Doppelspitze die Führung: Neuer künstlerischer Leiter der Berlinale wird der Italiener Carlo Chatrian, ihm zur Seite steht Mariette Rissenbeek als geschäftsführende Leiterin.

Quelle: n-tv.de, jwu/dpa/AFP

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