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"Guten Morgen, liebe Hühner"Judith Rakers genießt ihr Leben nach der "Tagesschau"

06.01.2026, 14:16 Uhr
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Auch ohne "Tagesschau" glücklich: Judith Rakers. (Foto: picture alliance/dpa/WDR R)

19 Jahre lang begrüßt Judith Rakers das TV-Publikum zur "Tagesschau". Doch 2024 macht sie als Nachrichtensprecherin einfach Schluss, um auf Rügen in der Natur aufzugehen. Eine Entscheidung, die sie auch mit nunmehr 50 Jahren nicht bereut.

Sie hat alles gewagt und alles gewonnen. Hinter Judith Rakers liegt ein Jahrzehnt des totalen Umbruchs. Die ehemalige "Tagesschau"-Sprecherin hat mit ihrem alten Leben abgeschlossen. Ihren Lebenskompass richtet sie mehr denn je nach ihren Leidenschaften aus. Und während so mancher immer noch damit hadert, ob das alles so richtig war, hat ihr Umfeld nichts anderes von ihr erwartet. Ein Blick auf ihre Biografie verrät: Judith Rakers ist schon lange die moderne Version von Pippi Langstrumpf - inklusive Haus und Pferd. Nun feiert sie ihren 50. Geburtstag.

Statt "Guten Abend, meine Damen und Herren" heißt es für sie inzwischen: "Guten Morgen, liebe Hühner!" Judith Rakers ist Mitte April samt Stute Sazou, Fohlen Charly, Kater Jack und einer Handvoll Hühner auf die Insel Rügen gezogen. Dort betreibt sie eine Art "Villa Kunterbunt", baut im so genannten "Homefarming" Obst und Gemüse an und freut sich ihres neuen Lebens.

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Am 31. Januar 2024 moderierte Judith Rakers ein letztes Mal die "Tagesschau". (Foto: picture alliance/dpa/Tagesschau)

Die größte deutsche Insel kennt Rakers aus vielen Urlauben und durch ihre Moderation des WDR-Reisemagazins "Wunderschön". Auf Rügen hat sie sich Freundschaften aufgebaut und eine Liebesbeziehung zur üppigen Natur entwickelt: "Wenn ich dort mit dem Pferd ausreite, sehe ich auf einen Blick das Meer, blühende Felder und eine funktionierende Landwirtschaft", sagte sie in einem ARD-Interview. "Es ist wie ein Wimmelbild von schönen Dingen", schwärmte Rakers. Nicht nur ihr Garten hat auf Rügen im Handumdrehen Wurzeln geschlagen - auch sie selbst.

Beim Vater aufgewachsen

Schon Rakers' Kindheit hat viel von Pippi Langstrumpf. Sie wächst in Bad Lippspringe in der Nähe von Paderborn auf - "ländlich", wie sie sagt. Im Alter von zehn Jahren trennen sich ihre Eltern. Rakers bleibt beim Vater, einem selbständigen Physiotherapeuten mit eigener Praxis.

Das Verhältnis der beiden erinnert an Pippi und ihren Vater Efraim Langstrumpf. Rakers' Vater pflegt ähnlich ungewöhnliche Erziehungsmethoden wie der König von Taka-Tuka-Land. Der Physiotherapeut arbeitet viel, kommt häufig erst gegen 21 Uhr nach Hause, wie sie im Deep-Talk "Hotel Matze" im August berichtete: "Mein Vater hatte gar keine andere Wahl, als mich zur Selbständigkeit zu erziehen."

Sein Deal mit Tochter Judith lautet: "Solange es in der Schule gut läuft, hast du alle Freiheiten." Bis auf einen blauen Brief in der siebten Klasse aufgrund schlechter Französisch-Zensuren läuft es meist gut für das einzige Scheidungskind ihrer Klasse.

Von Jan Hofer entdeckt

Die reichlich unkonventionelle Pädagogik ihres Vaters macht Rakers früh angstfrei: "Mein Vater hat mir mit neun Jahren Autofahren beigebracht." Bereits mit sieben habe er ihr gezeigt, wie man an sich selbst einen Luftröhrenschnitt durchführt - falls Tochter Judith mal eine Biene verschluckt. Auch handwerkliche Fähigkeiten, von denen sie heute noch profitiert, habe sie von ihm gelernt. Ihr Fazit über ihre Kindheit und Jugend: "Innerhalb der weit gesteckten Grenzen konnte ich mich frei bewegen."

Nach einem Studium der Publizistik in Münster moderiert Rakers zunächst beim Radio, arbeitet für Fokus-TV und im regionalen Fernsehen beim "Hamburg Journal". Vor etwa 20 Jahren wird sie von "Tagesschau"-Chefsprecher Jan Hofer entdeckt. Es entspinnt sich ein legendärer Dialog, als er sie fragt, ob sie bei der großen "Tagesschau" arbeiten wolle. Rakers: "Als was denn?" Hofer: "Als Sprecherin." Rakers: "Also, ich kann vieles, aber sprechen kann ich nicht so gut." Sie habe damals "wie eine 17-Jährige geklungen", viel zu jung für einen seriösen Nachrichten-Vortrag, glaubt sie. Trotz anfänglicher Zweifel bleibt sie 19 Jahre bei der "Tagesschau".

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Jan Hofer brachte Rakers seinerzeit zur "Tagesschau". (Foto: picture alliance / Sammlung Richter)

Unterwegs steigt sie vor 15 Jahren als Moderatorin des "3 nach 9"-Talks an der Seite von Giovanni di Lorenzo ein. Ihren ersten Hahn nennt sie folglich "Giovanni", wie sie schmunzelnd erzählt. Gewohnt risikofreudig präsentiert sie seit 2021 außerdem die WDR-Reisesendung "Wunderschön" - inklusive Paragliding-Absturz bei einem ihrer ersten Reise-Drehs in Galizien.

Von Botaniker "total gekickt"

Schon 2011 erhält sie einen Anruf des NDR-Unterhaltungschefs, ob sie sich die Moderation des "Eurovision Song Contests" vorstellen könne - neben den Show-Hasen Anke Engelke und Stefan Raab. Sie moderiert auf Englisch, Italienisch und Französisch. Und erinnert sich schmunzelnd ein letztes Mal an den blauen Brief, den sie als Siebtklässlerin erhielt. Die 120 Millionen Zuschauer des Song Contests überzeugt sie souverän mit Witz und Charme.

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2011 führte Rakers zusammen mit Anke Engelke und Stefan Raab durch den Eurovision Song Contest in Deutschland. (Foto: picture alliance / dpa)

2016 verändert ein Talk dann ihr Leben. Botaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl ist bei "3 nach 9" zu Gast. Rakers soll den charismatischen Mann mit dem langen weißen Bart interviewen und bereitet sich gewissenhaft vor. Im Gespräch mit Storl erkennt Rakers, was ihr in ihrem damaligen Leben fehlt: "Sein Konzept von Freiheit hat mich total gekickt." Begriffe wie Nachhaltigkeit und der Traum, sich selbst zu versorgen, kreisen in ihrem Kopf. Plötzlich träumt sie davon, aus Hamburgs Zentrum wegzuziehen: "Ich wollte morgens Tierstimmen statt Autogeräusche hören. Ich dachte, es wäre irre, wenn auch das Pferd im Garten stehen könnte - so ein bisschen Pippi Langstrumpf."

Rakers entschließt sich in der Folge zu zwei schwerwiegenden Abschieden. 2017 trennt sie sich nach acht Jahren Ehe von dem Banker Andreas Pfaff und zieht an den Stadtrand von Hamburg. Schon am Ende der ersten Garten-Saison ist sie Selbstversorgerin. 2024 macht sie nach 19 Jahren Schluss bei der "Tagesschau". Es ist eine Trennung im Guten zugunsten ihres neuen Lebens: "Ich wusste, wenn ich alle meine Ideen umsetzen will, brauche ich Zeit. Und es war klar, dass ich mit dem aufhören muss, das am meisten Zeit beansprucht: der 'Tagesschau'." Im SWR-Interview betont sie: "Ich habe Plan A - die 'Tagesschau' - nicht verlassen, weil er mir nicht mehr gefallen hat. Ich wollte mich kopfüber mit jeder Faser in Plan B stürzen."

"Eine neue Wendung"

Hat sich all das gelohnt? Hat Judith Rakers das gefunden, was sie gesucht hat? Im Gespräch mit ihr versucht so mancher Interviewer, ihr einen Zweifel, ein Bedauern über ihre Entscheidungsfreude der vergangenen Jahre zu entlocken. Doch Rakers bleibt ganz bei sich: "Meine Freundinnen fanden es folgerichtig, was ich gemacht habe", sagt sie. Sie habe sich "gar nicht so sehr verändert. Ich habe eine neue Leidenschaft entdeckt und meinem Leben eine neue Wendung gegeben."

Aktuell pendelt Rakers zwischen idyllischem Insel-Leben und TV-Moderationen. Sie schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene über Homefarming und will Städter wieder näher an die Natur heranführen. Mit ihrem Mut ist Rakers Vorbild für viele geworden. Gerade Frauen, die sich an einem Wendepunkt befinden, suchen ihren Rat: "Sie schreiben mir, ob sie ihren Mann verlassen sollen." Doch solche Ratschläge liegen ihr fern. Sie sagt: "Jeder sollte sensibel in sich hineinhören." Dann blickt sie wieder neugierig in die Zukunft. Das Leben ist manchmal doch ein Ponyhof.

Quelle: ntv.de, vpr/spot

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