Unterhaltung

Fashion Week, Baby"Leute wie wir können die Welt verändern"

01.02.2026, 15:15 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Momentaufnahme: Materialmix und Materialität stehen im Mittelpunkt bei Danny Reinke. (Foto: Danny Reinke)

Ich sitze in der Frontrow. Mehrfach. Ich bin nicht Anna Wintour. Aber ein Angeber. Ansonsten beschränkt sich meine Fashionability eher auf Basics mit gelegentlichen Ausreißern. Ich genieße den Moment.

Ein junger Kollege hat mich mal mit dem Kompliment bedacht, ich sei seine Fashion-Ikone. Da ich mit Komplimenten nicht umgehen kann, dachte ich a.) sofort an Iris Apfel, Gott hab' sie selig, und b.) doch über Botox nach. Ich bin aber ein Schisser, außerdem hängen meine Schlupflider bei Lahmlegung der Stirn dann in den Kniekehlen, das will ja keiner. Und überdies hinaus relativierte der Kollege das Lob eh: "Bei ntv". Also dort wäre ich seine Fashion-Ikone. Das schränkt das Ikonentum nun natürlich massiv ein, aber das macht mir nichts aus, da ich die Gabe habe, mir aus allem das Beste herauszufischen.

Ich sitze also bei Kilian Kerner in der ersten Reihe. Danke, das ist echt lieb, weil ich ja weder besonders viel kaufe noch influence. Dafür hat sich über die Jahre aber doch ein recht schöner Kontakt zu dem Designer ergeben, der nun bei der Fashion Week in Berlin trotz massiver Schmerzen mit einer gerissenen Bandscheibe seine Show durchzog. Und zwar eine extrem gute. Neben mir saß eine junge Mutter mit einem Baby, das immer dann schrie, wenn die Musik zu leise wurde. Was zum Glück selten der Fall war. Die Musik war außerdem mega, man konnte mitsingen, und das taten wir, auch, um das Babygeschrei zu übertünchen. Wenn der kleine Kerl nicht gestillt wurde, flirtete er zeitweise mit mir. Seine langen Wimpern sprachen dafür, dass ihm reihenweise Frauen zu Füßen liegen werden eines fernen Tages. Aber ich wollte mich ja auf die Mode konzentrieren und nicht auf Babys.

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Im krachend vollen NLND Berlin legten Kilian Kerners Models eine filmreife Präsentation aufs Parkett. (Foto: IMAGO/Future Image)

Mit "GANGSTAAA – A Game on Your Own Rules" feierte Kilian Kerner nun also den Auftakt seiner neuen Kollektion. Unter den rund 1000 Gästen auch Schauspielerin Annabelle Mandeng, die findet: "Kein Wunder, dass er seit Jahren Hollywoodstars einkleidet."

In Berlin nun setzte der 46-Jährige den Startpunkt für die 2026er Reise seiner Kollektion - denn von der Hauptstadt Deutschlands geht es direkt in die Hauptstadt Frankreichs - und damit in die Hauptstadt der Mode: Paris! "Meine nächste Episode wird am 3. März in der Opéra Garnier fortgeführt", erzählt der umtriebige Designer ntv.de. Neben seinem Commitment für Heidi Klum - er wird bei der nächsten Staffel wieder an ihrer Seite sein - und unzähligen anderen Kooperationen wünschen wir ihm daher vor allem, dass er bald wieder schmerzfrei ist.

"Will haben"

Der Rest läuft wie am Schnürchen, auch wenn er die Fittings zum Teil im Liegen machen musste. "Solche Schmerzen wünsche ich nicht mal meinem ärgsten Feind", erzählt Kilian Kerner und lacht trotzdem. Auf seine Show in Berlin kann er sehr stolz sein, denn er hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Seine Kollektion spielt mit Gegensätzen: Inspiriert von der Rap-Kultur, aber mit einem modern interpretierten Old-Hollywood-Glamour. Wie das zusammenpasst? Beide Styles sind einfach provokant und sarkastisch, charmant und humorvoll. Und wer immer noch meckert, dass Berlin nicht dazu gehört zum Fashion-Zirkus, der hat leider keine Ahnung: Hier entstehen immer noch Trends (auf der Straße), hier gibt es Mode, die man anziehen kann. Hier muss niemand Skandi-cremefarben sein oder Milano-Haute-Couture, um sowohl als Zuschauer als auch als Konsument mitmachen zu dürfen. Kerner trifft den Berlin-Look - frei, selbstbestimmt und nonkonform - denn Coolness, Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein zeichnen die Entwürfe des gebürtigen Kölners aus.

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Natürlich Kunstpelz bei Kerner. (Foto: IMAGO/Future Image)

"Will haben" steht auf den glatten Stirnen der Frauen, die mir gegenüber sitzen. Kerner glaubt an den Mut des Einzelnen, und daran, eigene Regeln definieren zu können. Ich bin jedenfalls gespannt auf Paris und wünsche ihm Glück.

Bei der nächsten Show, bei Danny Reinke, sitze ich neben Jörg. Jörg schwärmt von Petra und ist bei der Für Sie. Wir schauen in unsere Goodie-Bags und tauschen Shampoo gegen Pflanze. Bei Danny Reinke gibt es nämlich Setzlinge, und er hat einen Dornbusch in der Tüte, den er nicht im Zug wieder nach Hamburg schleppen will. Ich hingegen pflanze alles was geht in die Berliner Erde - dann brauchen die Grünen nur noch 999.998 Bäume bis 2040 zu pflanzen und könnten das Geld glatt für Bildung oder was anderes verwenden. Nix gegen Bäume oder Grüne, aber, und das findet der norddeutsche Jörg auch, Berlin ist echt schon grün. Wenn es nicht gerade glatt ist und das Streusalz, das nun doch verwendet werden darf, damit nicht alle auf die Fresse fliegen, nicht bereits verbraucht wäre. Naja, Berlin halt, egal, ich trag' eh Sneakers und laufe wie ein Pinguin. Ich weiß sogar, dass Pinguine nicht in der Arktis beheimatet sind.

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Mit Numinous präsentierte Danny Reinke eine Kollektion, die den Wald nicht als bloße Kulisse, sondern als eigenständige Kraft versteht. Die intensive, fast rituelle Atmosphäre wurde getragen von Live-Musik, gedämpften Licht und einer klaren erzählerischen Dramaturgie. (Foto: Danny Reinke)

Zurück zu Danny Reinke, den ich vor seiner Show bereits backstage getroffen habe. Zusammen mit seiner Gast-Designerin Sungyi Lee vom WALA DESIGN LAB hat er eine Vision, die über Mode hinaus geht. Reinke produziert ausschließlich in Berlin und verwendet überwiegend Materialien, die aus der EU stammen. Dabei achtet er auf hohe Standards bei der Ressourcengewinnung und -verarbeitung, der Stoffproduktion sowie bei den Arbeitsbedingungen. Kurze Versandwege sind essenziell - gegen einen Ausflug nach Paris hätte aber auch Reinke nichts, wie er ntv.de verrät. Sungyi Lee hat er in Korea bei einem Fashion-Council kennengelernt. "Sie hat einen deutschen Designer gesucht, da habe ich mich gemeldet", lacht Reinke.

Beide haben das Schneiderhandwerk von der Pike auf gelernt: "Bei uns beiden dreht sich alles ums Handwerk." Sungyi Lee liebt, dass die Uhren in Deutschland anders ticken: "Ein bisschen langsamer. In Korea geht es nur um Schnelligkeit." Das Gute an "Speed" jedoch sei, dass man Ideen testen kann, "man weiß sofort, was geht und was nicht", ergänzt sie. "Ich kenne es aber auch nicht anders", lacht Lee und ich frage mich, wie sie diesen irren Porzellan-Teint hinbekommt, der aussieht wie das Innere einer wertvollen Muschel.

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Kerner hat mit der Hollywood-Produktion von "Wuthering Heights" kooperiert. (Foto: IMAGO/Future Image)

Die wahren Probleme

Ist Nachhaltigkeit ein Thema außerhalb der deutschen Grenzen, will ich noch wissen, weil ich ja auch überlegen muss, ob ich nur noch Fahrrad oder Elektroauto fahre und mit dem nächsten Windhauch dann die volle Ladung Abgas aus einem Nachbarland einatme. "Nachhaltigkeit ist tatsächlich nur in der europäischen Bubble ein Thema", sagt Danny Reinke. Ich bin kurz dankbar, dass der nächste Smogalarm also erst einsetzen wird, wenn die Mauer wieder steht. Was ja keiner will. Also nie. Ich schweife ab. Es ist schön mal wieder zu hören, dass jemand Deutschland insgesamt gut findet, jemand wie Sungyi: "Ich liebe es, dass hier die Qualität im Vordergrund steht, es wirkt alles irgendwie wärmer auf mich." Das geht doch runter wie warme, flüssige Butter in einer Stadt, in der die Hauptsorge momentan zu sein scheint, wann der Regierende Tennis spielt. Bloß nicht um die wahren Probleme kümmern ...

Kann Mode etwas tun, will ich deswegen noch wissen, gegen all das Schlechte, das Anstrengende auf der Welt? Beide nicken heftig mit dem Kopf: "Die Shows können die Betrachter für eine Weile in eine andere Welt transportieren, unsere Entwürfe können ein gutes Gefühl verursachen, wenn man sie trägt", glaubt Reinke, und seine Kollegin ergänzt: "Leute wie wir können definitiv die Welt verändern, denn Mode kennt keine Grenzen."

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In Berlin kann jeder ein Rockstar sein - oder zumindest so aussehen. (Foto: IMAGO/Future Image)

Also, ich bin zufrieden. Ich könnte jetzt nach Hause gehen. Überschrift hab' ich, viele Eindrücke auch, aber warum sollte ich das tun? Die Nacht ist jung, die Partys laufen, und das ganze Wochenende noch ist Berlin die Hauptstadt der Mode. Ob ihr das nun wollt oder nicht.

Quelle: ntv.de

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