"Gebot der praktischen Vernunft"Musik, die Kontinente verbindet
Der Begriff "Gutmensch" ist ja in Verruf gekommen. Doch es gibt sie noch, diese guten Menschen. Sie lassen es sich nicht nehmen, zu helfen, und haben dennoch Spaß. Sie sammeln Geld und gute Laune, um es an die weiterzugeben, die das nicht haben.
Musik verbindet. Unter Umständen sogar Kontinente. Die Bedingungen sind nicht immer einfach, aber wenn man will, dann geht bekanntlich alles. Markus Leonhardt will. Der Arzt aus Leidenschaft geht seiner ursprünglichen Tätigkeit zwar nicht mehr nach, ist aber als Geschäftsführender Vorstand bei Amref Health Africa Deutschland ganz nah dran an den Themen, die auf unserem Nachbarkontinent Afrika das Leben bestimmen. Mit einem Konzert der Extraklasse nun hofft er, Aufmerksamkeit für ein Thema zu erreichen, das in unseren Breiten grausamer nicht klingen kann: die weibliche Genitalverstümmelung. Leonhardt: "Es muss sich etwas ändern. Wir beziehen inzwischen die Männer und die Stammesältesten dabei ein, diese Riten zu ändern. Am schwierigsten zu überzeugen sind dabei oft die Mütter, denn die sagen: Das haben wir überlebt, also wird meine Tochter das auch durchstehen."
Unterstützt wird er bei diesem Vorhaben zum Beispiel von Habib Koité, einem der erfolgreichsten afrikanischen Sänger des 21. Jahrhunderts und Malis - laut "Rolling Stone" - größtem Popstar. Koité gibt nun anlässlich des 60-jährigen Jubiläums von Amref Health Africa ein langersehntes Konzert. Der Musiker, der für seine mitreißenden Liveauftritte bekannt ist, begeistert seit mehr als 30 Jahren Fans auf der ganzen Welt. Auf seinem aktuellen Album "Soô" erzählt er vom Glück, seine Wurzeln zu kennen. Es ist eine musikalische Liebesbotschaft über die Freude, zu Hause zu sein, über das Glück, in Mali zu sein und die eigenen Wurzeln zu spüren und zu schätzen. "Die Menschen in Afrika sind bereit, ihr Leben zu riskieren, um nach Europa oder in die USA zu fliehen. Aber sie sind nicht bereit, dieselbe Energie darauf zu verwenden, hier in Afrika etwas aufzubauen. Das Leben kann wunderschön oder grausam sein - überall auf der Welt. Auch wenn Mali arm ist - wir haben eine gute Lebensqualität: Man geht lächelnd durch die Straßen und bekommt ein Lächeln zurück.“, so Habib Koité.
Musikalische Unterstützung bekommt er von der Nils Kercher Group und Awa-Ly. Der deutsche Sänger mit dem skandinavischen Namen singt, als wäre er in Westafrika aufgewachsen. Und tatsächlich ist er seit seiner Jugend bei vielen hochkarätigen afrikanischen Meistern in die Lehre gegangen: Nils Kercher singt auf westafrikanischen Sprachen, auf Englisch und auf Finnisch. Sein letztes Album "SUKU" stieß international auf große Resonanz in der internationalen Weltmusikszene. Er wurde dafür zum Beispiel schon mit Peter Gabriels "Real World Studio" verglichen. Besucher seiner Konzerte schätzen seinen mal filigranen, dann wieder kraftvollen Gesang und die Authentizität seiner Stücke - allerfeinster Weltmusik-Crossover.
Stop The Cut!
Last but no least komplettiert die in Paris geborene Awa-Ly den Abend. Die Sängerin mit senegalesischen Wurzeln findet ihre Spiritualität in ihrer Kreativität und dem Ursprung ihrer Musik. Mit einer Mischung von Folk, Jazz, Afro, Pop und Worldmusic verbindet Awa-Ly verschiedenste Musikrichtungen zu einem Klangerlebnis, das die Zuhörer tief in ihren Bann zieht.
Die drei Ausnahmemusiker unterstützen mit ihrem Konzert die Kampagne "Stop the Cut, Start the Alternative" von Amref Health Africa, welche sich gegen die weibliche Genitalverstümmelung und für Aufklärung über Familienplanung in Afrika einsetzt. Marcus Leonhardt: "Unser Prinzip ist es, die Leute vor Ort einzubinden. Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen. Wir schicken keine Ärzte irgendwo hin und dann wieder weg, sondern bilden aus. Das unterscheidet uns von anderen Hilfsorgansiationen." Und um auf das häufig verwendete Wort "Gutmensch" zu kommen: "Diese Arbeit ist so erfüllend, weil man jeden Abend mit dem Gefühl ins Bett geht, etwas Sinnvolles getan zu haben. Wir müssen uns aber schlicht und ergreifend der Verantwortung bewusst sein, was es für uns alle bedeutet, dass die Migrationssituation momentan so ist wie sie ist", betont der "Flying Doctor", "perspektivisch müssen wir die Fluchtursachen bekämpfen, und das geht, in dem man zum Beispiel uns unterstützt. Unser oberstes Ziel ist es letztendlich, uns selbst überflüssig zu machen (lacht)."
Dank der von Amref Health Africa initiierten "Alternativen Initiationsrituale" werden Mädchen nicht mehr beschnitten, können länger zur Schule gehen, sind besser aufgeklärt und heiraten später. Die Mädchen bekommen so die Chance auf ein selbstbestimmtes, würdevolles Leben. Leonhardt: "Wir sind die, die da hingehen, wo sonst keiner hingeht. Jetzt hoffen wir, dass möglichst viele Leute ins Konzert kommen, denn erstens wird das ein ausgezeichneter musikalischer Abend und außerdem geht das gesamte Geld komplett an amref. Das klingt so nach Charity, nach Wohltätigkeit. Das ist es aber nicht, sondern das ist das Gebot der praktischen Vernunft. Die Dinge, die in Afrika passieren, betreffen uns in diesen Zeiten der Globalisierung. Wer einmal ein verhungerndes Kind gesehen hat, der wird dieses Bild nie wieder los."
Das Konzert findet am 28. November in der Ufa Fabrik in Berlin statt, der Eintritt geht zu 100 Prozent an Amref Health Africa.