Ob im Bus oder im WaldJudith Rakers schildert sexuelle Belästigungen als Kind

Viele Frauen müssen in ihrem Leben Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen machen. Das geht auch Ex-"Tagesschau"-Sprecherin Judith Rakers nicht anders. Nun spricht sie offen über mehrere Erlebnisse in ihrer Kindheit - und darüber hinaus.
Die Vorwürfe, die Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhebt, beschäftigen auch die frühere "Tagesschau"-Sprecherin Judith Rakers und Moderatorin Ariana Baborie in ihrem gemeinsamen Podcast "Baborie & Rakers - Was war los gewesen?". Rakers erklärt in der aktuellen Ausgabe zunächst, sie fände "diesen Fall fürchterlich auf ganz vielen Ebenen".
Die 50-Jährige führt aus: "Erstens war mir nicht bewusst, dass wir da so eine Gesetzeslücke haben in Deutschland und offensichtlich andere Länder uns da weit voraus sind. Und zweitens finde ich es auf der persönlichen Ebene einfach unglaublich." Sie sei zwar nicht mit Fernandes näher befreundet, habe die Kollegin aber ein paar Mal auf Veranstaltungen gesehen. Sie tue ihr als Frau "wahnsinnig leid", erklärt Rakers - "auch wenn die Unschuldsvermutung gilt", schiebt sie hinterher.
Dann geht Rakers darauf ein, auch sie habe in ihrem Leben "schon sehr viele Situationen erlebt mit Männern, die sehr, sehr brenzlig waren. Und wo es auch um sexuelle Gewalt ging." Jeder Freundin von ihr gehe es zudem genauso. Alle könnten fünf bis zehn Ereignisse in ihrem Leben aufzählen, in denen sie "ganz massiv von sexueller Gewalt bedroht waren, dieser ausgeliefert waren, diese abwehren mussten oder sogar zum Opfer wurden".
"Es ist natürlich passiert"
Ihr alleinerziehender Vater - "ein sehr positives Beispiel in meinem Leben von einem Mann" - habe sie als Kind darauf vorbereitet, "was passiert, wenn da mal irgendein Mann sich neben mich setzt und anfängt, an sich rumzuspielen", wird Rakers dann konkret. "Und du glaubst es nicht, es ist natürlich passiert: ein Mann, der anfängt, irgendwie an seinem Geschlechtsteil rumzuspielen, während ich daneben sitze, dabei irgendwie seinen Arm an mir reibt", fährt sie fort.
Geschehen sei dies während einer Busfahrt zu ihrem Gymnasium in Paderborn. Damals sei sie ungefähr elf Jahre alt gewesen und regelmäßig etwa 35 Minuten mit dem Bus zur Schule unterwegs gewesen. In der Situation habe sie den Ratschlag ihres Vaters befolgt: "Ich bin aufgestanden und habe gesagt: 'Hören Sie auf, sich an den Penis zu fassen!'" Die übrigen Insassen hätten sich daraufhin umgedreht - "und der ist sofort aufgesprungen und ausgestiegen an der nächsten Station". In diesem Moment habe "auch die Scham die Seite gewechselt", sagt Rakers unter Anspielung auf das entsprechende Zitat der Französin Gisèle Pelicot, die jahrelang sexuell schwer missbraucht wurde.
Auch den Fall einer Freundin schildert Rakers, der ein Mann im Bus "mit seiner Hand von hinten zwischen ihre Beine gegangen ist und sie da angefasst hat", ehe sie auf ein weiteres ihrer eigenen Erlebnisse eingeht. Mit gerade mal sieben Jahren sei sie "Opfer geworden von einem Mann im Wald, der mich bedroht hat mit seinem Hund". Der Mann habe ihren "Arm genommen und an seinem erigierten Penis gerieben". Das sei "die schlimmste Situation" gewesen. Obwohl sie eigentlich eine Tierliebhaberin sei, habe sie seither auch nur vor einer Hunderasse Angst: dem Deutschen Schäferhund.
Letztlich ist Rakers optimistisch
Zu ihrem Vater haben sie glücklicherweise ein so offenes Verhältnis gehabt, dass sie sich auch getraut habe, ihm von dem Geschehen zu berichten, führt Rakers aus. Zusammen mit ihrem Onkel sei er in den Wald gegangen und habe den Täter gesucht. Letztlich habe die Polizei den Mann auch gefasst.
Rakers erklärt, auch als Erwachsene habe sie mehrfach Dinge erlebt, "die so in die Richtung gingen". So glaube sie etwa, einmal einer Entführung entgangen zu sein. Als sie als junge Frau erstmals mit dem anderen Geschlecht auf Tuchfühlung gegangen sei, habe sie zudem die Erfahrung gemacht, auf Männer zu treffen, bei denen "du sehr massiv werden musst, damit das an einer bestimmten Stelle, die du definierst, auch ein Ende hat".
Rakers konstatiert: "Es ist auf vielen Ebenen, glaube ich, ein strukturelles Problem." Ein Problem, zu dem jetzt das Phänomen der digitalen Gewalt noch hinzukomme. Gleichwohl gibt sich Rakers schlussendlich optimistisch. Sie glaube, dass die gesellschaftliche Entwicklung in die richtige Richtung gehe: "Täter können sich heute nicht mehr so sicher fühlen."