VIP VIP, Hurra!Schön, aber zu alt fürs Auge
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
Frauen sollen sichtbar sein, aber kaum zeigen sich Falten, graue Haare oder einfach nur ein natürliches Gesicht, beginnt das große Rätselraten: "Was ist mit ihr passiert?" Die Antwort ist simpel: nichts. Sie ist einfach nur älter geworden. Doch genau das scheint für viele ein Riesenproblem zu sein.
"Ich würde lieber mein eigenes Gesicht altern sehen als eines, das mir gar nicht gehört", hat Cameron Diaz einmal gesagt, und ich stolpere über diesen Satz ausgerechnet jetzt wieder, irgendwo zwischen ihrem Comeback nach zehn Jahren Pause und diesen dämlichen Kommentaren, die zuverlässig immer dann auftauchen, wenn eine Frau es wagt, einfach nur älter zu werden, ohne sich vorher noch schnell auszutauschen. Und die dann so klingen wie: "Was ist denn mit ihr passiert?" Worauf man eigentlich nur antworten möchte: nichts, wirklich gar nichts, sie ist einfach älter geworden. Aber genau das scheint in der Entertainment-Branche ja schon als Abweichung zu gelten.
Denn Sichtbarkeit, meine lieben Leserinnen und Leser, wird in dieser Branche - vor allem in dieser Branche - gern mit Konservierung verwechselt. Warum muss ich an dieser Stelle an Omas eingeweckte Marmeladengläser im Keller denken, die da gefühlt seit 300 Jahren stehen? Vielleicht liegt es daran, dass meine Großmutter, als sie noch lebte, ein bisschen verknallt in Richard Chamberlain war - Sie wissen schon, der aus: "Die Dornenvögel".
Parallel zu den bescheuerten, furchtbar oberflächlichen "What happened?"-Fragen, die NATÜRLICH vornehmlich Frauen gestellt werden, entzündete sich gleich die nächste Debatte. Dieses Mal im Mittelpunkt: Rachel Ward, Richard Chamberlains Filmpartnerin aus der gleichnamigen Serie. Na, ist das denn die Höhe? Da hat die Frau nichts weiter getan, als 68 Jahre alt zu werden und dabei auszusehen wie ein ganz normaler Mensch, einer, der gelebt und Spuren davon im Gesicht hat.
Das reichte schon, um in den Kommentarspalten eine Mischung aus Irritation und dieser unangenehmen Bewertungslust auszulösen. Diese setzt immer dann ein, wenn jemand sich weigert, mit 68 nicht aussehen zu wollen wie mit 38. Wir kennen sie alle - diese herrlichen Marketingslogans wie: "50 ist das neue 30" oder "70 ist das neue 50".
Sorry für mein Aussehen!
Ja, wow, das ist ja schlicht der Wahnsinn, dass Rachel Ward sich nicht auch noch für ihr Gesicht entschuldigt! Inzwischen gilt es ja fast als kleine Provokation, sich dem Jugendwahn zu entziehen. Warum? Weil wir es gewohnt sind, dass Frauen ihre Erscheinung kommentieren, rechtfertigen oder sogar entschuldigen. 'Ja, sorry für meinen Aufzug!"
Ward selbst formuliert das erstaunlich nüchtern, wenn sie sagt, sie müsse diese Erwartungen an Jugend und Schönheit nicht mehr erfüllen und empfinde genau darin eine Form von Freiheit, die man mit 30 vermutlich noch für Gleichgültigkeit halten würde, die aber in Wahrheit etwas anderes ist, nämlich eine Verschiebung der Maßstäbe, weg von der Frage, wie man aussieht, hin zu der, wie man lebt.
Das Gemeine an diesem Spiel ist, dass Frauen darin strukturell verlieren, egal, wie sie sich entscheiden, denn wer nichts macht, gilt schnell als "müde" oder "schlecht gealtert", während diejenigen, die etwas machen, nicht selten so aussehen, als hätten sie ihr eigenes Gesicht irgendwo zwischen den Terminen in der Schönheitsklinik verloren. Das macht den Satz von Cameron Diaz umso wichtiger, weil er auf dieses Gefühl zielt, sich selbst noch im Spiegel zu erkennen oder eben nicht mehr.
Sarah Jessica Parker kennt dieses Theater seit Jahren. Eine ganze Generation, mich eingeschlossen, ist mit ihrer Serienfigur Carrie Bradshaw erwachsen geworden. Ich trug die Klamotten nie mit einer solchen Selbstverständlichkeit wie sie, aber ich wollte immer Kolumnistin werden und bin eine geworden. Und noch heute stöbere ich wie einst Carrie in Second-Hand-Läden, auch wenn ich selbst im Traum keine Petticoats tragen würde.
"Was soll ich tun? Aufhören zu altern?"
Jedenfalls hat unsere Carrie es doch allen Ernstes gewagt, mit den Jahren graue Haare zu bekommen, was bei Männern - kein Diss gegen euch, liebe Männer - zuverlässig als "charaktervoll" durchgeht.
Bei Parker jedoch lösten die grauen Schläfen gefühlt einen halben Erdrutsch aus, was sie selbst ziemlich präzise als misogyn bezeichnete, verbunden mit einer simplen wie entwaffnenden Frage. So sagte sie sinngemäß: "Was soll ich tun? Aufhören zu altern? Oder gleich ganz verschwinden?" Um es mit einer beliebten Phrase von Philipp Amthor zu sagen: "Zur Wahrheit gehört aber auch", dass viel dieser Hass-Kommentare von anderen Frauen kommen.
Besonders unangenehm wird es immer dann, wenn diese permanente Bewertung als Fürsorge verkleidet wird, wenn also nicht mehr offen gesagt wird, jemand sehe alt aus, sondern freundlich angemerkt wird, ein anderer Farbton wäre "frischer", ein anderes Licht "schmeichelhafter", als handele es sich um neutrale Hinweise und nicht um eine Dauerbeobachtung, die im Kern nichts anderes tut, als den Ist-Zustand permanent als verbesserungswürdig zu markieren, während gleichzeitig kaum darüber gesprochen wird, was mit den Jahren eigentlich wächst, nämlich Erfahrung, Gelassenheit, vielleicht sogar so etwas wie Stil.
Wahrheiten des Lebens
Frauen sollen bitte sichtbar sein, aber nicht zu sichtbar in dem, was das Leben mit ihnen gemacht hat. Sie sollen interessant sein, aber faltenfrei. Reif, aber nicht alt. Natürlich, aber bitte optimiert. Es ist ein Anforderungskatalog, an dem man nur scheitern kann und der auf Dauer die Seele krank macht. Und hey, bitte darauf achten, dass die blonden Haare nicht "zu gelbstichig" sind, das lässt schnell "älter" wirken!
Gerade deshalb wirken Persönlichkeiten wie Rachel Ward so stark. Weil sie diese ganze Chose einfach nicht mehr mitmachen wollen. Weil sie es satt haben, als Projektionsfläche für eine Gesellschaft herzuhalten, die die simplen Wahrheiten des Lebens ignorieren will. Eine Gesellschaft, die sich den Dogmen der Industrie und der Wirtschaft unterordnet, um Produkte und Dienstleistungen zu kaufen, die uns krank machen.
Denn: "Ich würde lieber mein eigenes Gesicht altern sehen als eines, das mir gar nicht gehört". Und trotzdem wird diese Debatte in ein paar Wochen wieder von vorn beginnen.