Unterhaltung

Legendärer EntertainerRudi Carrell war ein Multitalent und "Arschloch"

07.07.2026, 13:25 Uhr
00:00 / 08:14
Der-niederlaendische-Entertainer-Rudi-Carrell-steht-bei-seiner-Rudi-Carrell-Show-auf-der-Buehne
Rudi Carrell hat die deutsche Show-Landschaft über Jahrzehnte geprägt. (Foto: picture alliance/dpa)

Mit seinem "Gouda"-Deutsch kommt er gut an. Doch nicht nur deshalb macht der Holländer Rudi Carrell in Deutschland die ganz große Karriere. Er ist ein begnadeter Entertainer, der hinter den Kulissen jedoch auch Schattenseiten offenbart. Vor 20 Jahren ist er gestorben.

Rudi Carrell hat die Sache mit dem Abschied für immer nicht so eng gesehen. Der legendäre Showmaster, der am 7. Juli 2006 starb, riss Witze über den Tod, auch (und vor allem) über den eigenen. So war er schon schwer vom Lungenkrebs gezeichnet, als er über die Zeit nach seinem Sterben spottete: "Ich werde noch lange als Wiederholung weiterleben."

71 Jahre alt ist Rudi Carrell geworden. Und natürlich hatte er Recht: Auch nach seinem Tod geistert er weiter als Wiederholung durchs Fernsehen. Sein Ruf als legendärer Entertainer hallt dabei bis heute nach.

Dutch-entertainer-Rudi-Carrell-1934-2006-the-Dutch-contestant-in-the-1960-Eurovision-Song-Contest-rehearses-his-song-Wat-een-geluk-on-the-afternoon-of-the-contest-in-London-29th-March-1960
Die Karriere von Carrell (hier auf einem Foto von 1960) begann bereits in den 50er-Jahren in den Niederlanden. (Foto: Getty Images)

Rudi Carrell wird 1934 als Rudolf Wijbrand Kesselaar im niederländischen Alkmaar geboren. Seinen Künstlernamen übernimmt er von seinem Vater André Carrell, einem bekannten Komiker, Bauchredner und Conférencier, wie man Ansager von Revuen, Modenschauen und Varietés damals nannte. Schon früh steht Rudi mit ihm auf der Bühne und zeigt dort, was ihn später berühmt machen sollte: Witz, Musikalität, Respektlosigkeit und ein sicheres Gespür fürs Publikum.

Von Holland nach Deutschland

Mit 17 Jahren verlässt Carrell das Gymnasium ohne Abschluss, auch eine Banklehre bricht er ab. Er will auf die Bühne - und bekommt über seinen Vater den Einstieg beim öffentlich-rechtlichen Rundfunksender AVRO. Zwischen 1954 und 1964 wird der junge Rudi Carrell in den Niederlanden zum Radio- und Fernsehstar mit eigener Show. Er schreibt auch Songs. Mit "Wat een geluk!" ("Was für ein Glück") tritt er 1960 für die Niederlande beim Eurovision Song Contest in London an und landet auf dem vorletzten Platz. Anschließend nimmt er sich in seiner eigenen Radioshow selbst auf die Schippe. Seine TV-Sendung "De Robinson Crusoë Show" wird dagegen 1964 bei der Rose von Montreux mit einem Preis ausgezeichnet.

In Montreux lernt er den deutschen TV-Regisseur Michael Leckebusch von Radio Bremen kennen. Der hat in Deutschland die äußerst populäre Jugend-Musiksendung "Beat-Club" ins Programm gebracht. Leckebusch produziert mit Carrell neun Ausgaben einer deutschen "Rudi Carrell Show", die zwischen 1965 und 1967 ausgestrahlt werden.

Zu diesem Zeitpunkt haben bereits zwei Holländer in Deutschland eine große Showkarriere gemacht: Der erste - Johannes Heesters - wechselte schon 1936 nach Deutschland und wurde während der Nazizeit als Schauspieler und Sänger ein Star, was er auch in der Nachkriegszeit fortsetzen konnte. Der Zweite war kurzzeitig noch populärer und wurde im Volksmund "Onkel Lou" genannt: Der Sänger und Entertainer Lou van Burg kam 1954 in die Bundesrepublik und moderierte mit großem Erfolg die ZDF-Show "Der goldene Schuß".

Rückzieher beim "Goldenen Schuß"

1967 ist damit Schluss, weil "Mister Wunnebar" seine Assistentin geschwängert hat, obwohl er anderweitig verheiratet ist. Das sittenstrenge ZDF feuert Onkel Lou und sucht verzweifelt einen Nachfolger. Rudi Carrell steht auf der Liste ganz oben, auch er ist Holländer, auch er spricht dieses lustige "Gouda"-Deutsch, das beim deutschen Publikum so gut ankommt.

Der Produzent soll sich mit Carrell schon einig gewesen sein. Am nächsten Morgen beschleicht den Niederländer aber das Gefühl, "Der goldene Schuß" würde für ihn in einer Katastrophe enden und seine Karriere "zu Grabe tragen". Er überredet den Chef seines holländischen Senders, er solle auf einen von ihm erfundenen Exklusivvertrag beharren, sodass eine Boulevardzeitung die Schlagzeile formuliert: "Holländisches Fernsehen verbietet Carrell die Übernahme vom 'Goldenen Schuß'."

Ab 1973 kann und will er sich dem großen bundesdeutschen Markt dann aber nicht mehr versagen. Er dominiert mit großen Shows wie "Am laufenden Band", "Rudis Tagesshow", "Herzblatt", "Die Rudi Carrell Show - Laß Dich überraschen" oder "7 Tage, 7 Köpfe" die Abendunterhaltung.

Tanz auf allen Hochzeiten

Er tanzt auf allen Hochzeiten, singt Schlager ("Wann wird's mal wieder richtig Sommer?", "Goethe war gut", "Du bist mein Hauptgewinn"), ist Star von Kinokomödien wie "Wenn die tollen Tanten kommen", "Tante Trude aus Buxtehude", "Rudi, benimm dich!", macht Werbung für Edeka.

Hinter den Kulissen gilt der Showmaster allerdings als extrem anspruchsvoll. Bei der Arbeit versteht Carrell keinen Spaß, alles muss perfekt sein - und im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen konnte er verletzend werden. "Dieser Mensch ist ein Unmensch, so was habe ich noch nie erlebt", sagte einst Kabarettistin Gisela Schlüter. Carrell selbst räumt 1985 in einer Talkshow ein: "Ich war früher das größte Arschloch in Deutschland. Ich war widerlich."

Auch privat verläuft sein Leben wechselhaft. Seine erste Ehefrau Truus de Vries, mit der er die Töchter Annemieke und Caroline bekommt, lässt sich 1973 von ihm scheiden. Seine zweite Ehefrau Anke Bobbert, Mutter seines Sohnes Alexander, stirbt 2000. Auch seine Lebensgefährtin, die Drehbuchautorin Susanne Hoffmann, verliert er: Sie stirbt 2003 an einem Gehirntumor. Ab 2001 ist Carrell mit der 36 Jahre jüngeren Köchin Simone Felischak aus Magdeburg verheiratet.

Erkrankung an Lungenkrebs

Im November 2005 gibt Rudi Carrell bekannt, dass er an Lungenkrebs erkrankt sei und nicht mehr lange zu leben habe. Diese Mitteilung erfolgte mit größter Gelassenheit. Die schlimme Diagnose habe ihn weder geschockt noch überrascht. "Hätte ich eigentlich schon längst haben müssen! Ich habe immer fünf Tage vor einer Show so gut wie ohne Essen gearbeitet, nach einer Show nur Bier getrunken und mindestens 60 'Lord Extra' am Tag geraucht", sagt er in seinem letzten Interview im Angesicht seines Todes der "Süddeutschen Zeitung". Er habe gewusst, "das geht irgendwann schief".

Rudi-Carrell-06-92-az-Mann-Fernsehen-quer-grauhaarig-halb-sitzend-Sessel-Hand-serioes-Anzug-Krawatte-Zigarette
Carrell war Kettenraucher und starb an Lungenkrebs. (Foto: picture alliance / teutopress)

In diesem bewegenden Gespräch findet Carrell auch rührende Worte für sein Gastland: "Wäre ich in Holland geblieben, wäre ich vielleicht Intendant eines Fernsehkanals geworden. Wie langweilig! Deutschland hat mir zehnmal mehr gegeben, als ich mir je erhofft habe. Ich verdanke diesem wunderbaren Land mein Leben."

Nach seinem Tod im Klinikum Bremen-Ost schrieb der "Spiegel" in seinem Nachruf: "Rudi Carrell war ein Entertainer alter Schule mit stets neuen Ideen. Stil, Ironie, Eigensinn gaben ihm ein unverkennbares Profil. Man wird ihn schmerzlich vermissen." Noch nachhaltiger bleibt Carrells Urteil über die Branche im Gedächtnis: "Früher hieß es, das Fernsehen macht blöd. Heut machen Blöde Fernsehen."

Quelle: ntv.de, vpr/spot

SchlagermusikComedyTV