Unterhaltung

Wir waren doch verabredet! So long, Peter Lindbergh

Fo-51 (2)_2.jpg

"Ich hasse es, fotografiert zu werden. Einer meiner Söhne hat mal Fotos von mir gemacht, mit denen ich leben kann. Ich habe nicht bemerkt, dass er auf den Auslöser gedrückt hat. Aber sonst: Die reine Tortur!"

(Foto: Sabine Oelmann)

Wenn einer sagte: "Es ist so eine Ehre, Sie kennenzulernen", dann dachte er: "Sind Sie bekloppt?" und sagte ehrlich: "Mensch, ich freu' mich doch auch, Sie kennenzulernen". n-tv.de verriet er ganz bescheiden vor Kurzem: "In mir steckt noch immer der Duisburger Junge." Der Duisburger Junge ist nun gestorben.

Peter Lindbergh hatte ein Auge auf die schönsten Frauen der Welt geworfen - und was für ein Auge! Was für Frauen! Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Christy Turlington, Helena Christensen, Nadja Auermann und viele mehr - sie alle wurden noch schöner vor der Kamera des Peter Lindbergh. Frauen warfen übrigens auch ein Auge auf ihn - dennoch war er nur zwei Mal verheiratet, mit Astrid und mit Petra. Er hinterlässt vier Söhne und sieben Enkel.

Fo-42.jpg

Alicia Vikander sagte über ihn: "Er ist wie die großen Regisseure - er sagt nicht viel", und Peter Lindbergh nahm das, zu Recht, als Kompliment.

(Foto: Sabine Oelmann )

Lindbergh betrachtete Frauen mit einer gewissen Natürlichkeit, mit einer Zärtlichkeit und einer Kumpelhaftigkeit, die nur den wenigsten Fotografen gegeben ist: Seine Supermodels waren sexy, ohne Sexobjekt zu sein, sie wirkten lustig, ohne blöd daherzukommen, sie schienen klug, ohne eine schlaue Brille aufsetzen zu müssen. Andere Frauen, die nicht so begnadet schön waren, wirkten ebenfalls schön vor Peters Linse. Und die Frauen, mit denen er redete, so wie mit mir, die kamen sich vor wie etwas Besonderes.

Fantastische Erfahrungen

Peter! Wir waren verabredet, zu einem weiteren Gespräch! Denn das Interview, das wir zum Kino-Start von Jean Michel Vecchiets Film "Peter Lindbergh - Women's Stories" während der Berlinale 2019 führten, war natürlich geprägt von Hektik und großem Andrang. Alle wollten den Meister sehen, sprechen, fühlen. Wenn Lindbergh sprach, schien er sich fast zu überschlagen, so viel hatte er in der Kürze der Zeit mitzuteilen. Regisseur Vecchiet, der die außergewöhnliche Geschichte eines außergewöhnlichen Mannes erzählte und ihm daher seit Jahren mit der Kamera rund um die Erde folgte, sagte im Interview mit n-tv.de: "Die Fotografien von Peter Lindbergh beinhalten etwas Fundamentales, das, was einen Künstler dazu treibt, ein bewusstes und unbewusstes Erbe seiner Arbeit zu erschaffen." Dass wir sein Erbe so früh antreten müssen, damit hat niemand gerechnet. Lindbergh wirkte noch vor einem halben Jahr vital, spritzig und überaus lebensfroh.

Er war schon immer ein Abenteurer, verließ die Heimat - geboren als Peter Brodbeck im polnischen Lezno und aufgewachsen in Duisburg - in Richtung Luzern, Berlin, Paris als 18-Jähriger, um eine internationale Karriere zu beginnen. Aus dem Freigeist Peter Brodbeck wurde der Künstler Peter Lindbergh, weil ihm dieser Name internationaler erschien. Der Plan ging auf - er wurde der Supermodelmacher, durch ihn erlangten Kate Moss und Co. Kultstatus. Er wollte die natürliche Seite der Frauen einfangen - was einfach klingt, wenn die Frauen sowieso schon Naturschönheiten sind. Aber die Aussagen der Models und Schauspielerinnen selbst verdeutlichen wohl, dass es sich bei Peter Lindbergh um etwas anderes gehandelt haben muss als nur um den Mann hinter der Kamera, der sie in einem guten Licht dastehen lässt. Wie bei Uma Thurman, die aktuell in der GQ Style auf dem Cover ist - zum ersten Mal übrigens ist eine Frau auf dem GQ-Cover und zum ersten Mal hatte Peter Lindbergh für GQ Germany gearbeitet. "Ich liebe Peter", sagte Uma Thurman. "Wir kennen uns seit mindestens 20 Jahren und ich habe nur fantastische Erfahrungen mit ihm gemacht."

"Hier rein, da raus"

86092666.jpg

Uma Thurman, fotografiert von Peter Lindbergh für den Pirelli-Kalender 2017.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dabei war sein Job sicher oft auch der eines Kindergärtners - so kommt es einem jedenfalls vor, wenn man mitbekommen hat, wie der Meister mit seinen Mädchen sprach, wenn er sie zu besonders guten Fotos überreden wollte. Er hat sie nicht von links nach rechts geschickt, nicht angetrieben - er hat sie sanft geführt. Die schon immer kapriziöse Naomi Campbell zum Beispiel hatte natürlich hier und da einen Extrawunsch - für Peter jedoch schnurrte die ewige Diva wie ein Kätzchen vor der Kamera. Sprang in den kalten Pool mit einem Lachen und hat sich noch bedankt dafür, dass er sie dazu überredet hat. Lindbergh, ganz lakonisch, wenn es zuerst Diskussion gab: "Hier rein, da raus. Das heißt einfach nur, dass es ein paar Minuten länger dauert, das ist alles."

Den Glamour hat er immer anderen überlassen: "Das Wichtigste für mich ist, dass man keinen Star aus mir macht, ich bin nicht so der Typ für Glamour", erzählte er n-tv.de im Januar zur Filmpremiere. Wie bescheiden er war, untermauert auch folgende Aussage in Bezug auf den Film: "Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich kein Recht darauf habe, rumzunörgeln. Ich habe mich auf dieses Wagnis eingelassen, also bitteschön."

Ein gelebtes Gesicht

Seine Definition von Schönheit übrigens lässt darauf schließen, dass Peter Lindbergh nicht nur ein überaus begabter, sondern auch ein überaus kluger Mann war - Eigenschaften, die man nicht so oft findet in der oberflächlichen Fashion-, Hollywood- oder Glamour-Industrie: "Ein Mund ist dann schön, wenn er interessante und sensible Dinge sagt", so Lindbergh 2010 zur Eröffnung seiner Ausstellung in der C/O-Galerie in Berlin, damals noch in der Oranienburger Straße. Er fände Blicke erotischer als Brüste oder Beine, sagte er damals auch, und er habe natürlich nichts gegen Schönheit, aber ein Magermodel ohne eigenen Gesichtsausdruck, "dem die Kleider gleich vom dürren Körper abfallen" - damit könne er nichts anfangen.

Fo-75.jpg

Jeanne Moreau by Peter Lindbergh

(Foto: Sabine Oelmann )

Dann lieber ein gelebtes Gesicht, eins mit Falten, Flecken, einer Geschichte. Wie das von Jeanne Moreau, die selbst zu Lindbergh sagte: "Was soll man denn da noch retuschieren?" Nichts. Das hasste er sowieso. Lieber fotografierte er seine Modelle von vornherein ohne alles - auch mal ohne Kleidung, ja, aber nicht bloßstellend, und gerne ohne Make-Up, aber trotzdem in einem guten Licht.

Mit Promis ging er normal um, uneitel, so wie er selbst es war: Jeans und Hemd. Wenn er von Keith erzählte, dann meinte er Richards, und wenn er von Linda sprach, dann war das Evangelista. Ohne Koketterie. So richtig gerne mochte er ohnehin Architektur. Gerade wollte er damit anfangen, seine Vergangenheit zu bewältigen. Er wollte sich endlich entschuldigen bei den Leuten aus der polnischen Stadt, in der er in Kriegszeiten geboren wurde - als hätte er etwas für den Krieg gekonnt. Auf der Premiere des Vecchiet-Filmes hat ihm eine Delegation aus Lezno eine Medaille und ein Bild geschenkt, "was mich unendlich gerührt hat. Sie haben mich eingeladen." Konnte er noch hinfahren?

Fo-88.jpg

Tatjana Patitz by Peter Lindbergh

(Foto: Sabine Oelmann)

"Sie werden 75 dieses Jahr", habe ich zu ihm im Januar gesagt und er ergänzte: "Ja, und ein paar Jahre will ich noch machen! Ich sollte aber aufhören, ständig weiter zu produzieren. Ich weiß nicht, ob das, was ich heute mache, für irgendjemanden interessant ist. Ich sollte vielleicht lieber Platz machen für die Jungen. Alles hat sich geändert - die großen Meister braucht kein Mensch mehr." Da irrte Lindbergh gewaltig.

PS: Wenn jemand ihn bat, ein Foto zu machen, dann machte er das. Selfies fand er doof. Ich war zu schüchtern - zu blöd - für diese Bitte. Ich habe kein Bild von Peter Lindbergh, also kein Foto von mir. Ich habe aber ein Bild von Peter Lindbergh im Kopf und im Herzen, das ich nicht vergessen werde.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema