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"Es darf ein bisschen mehr sein" Till Brönner macht BILDER

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Till Brönner: "Ich sehe mich als Beoabachter."

(Foto: Andreas Bitesnich)

Wir sprechen erst einmal über die Musik, das liegt nahe. Und da reicht der Bogen vom House of Jazz, das in Berlin entstehen soll ("Berlin ist mittlerweile Europas größte Jazz-Stadt"), über sein Engagement für die jährliche Veranstaltung "Kampen Jazz", die im Sommer auf Sylt stattfindet, nimmt einen Schlenker über den Kollegen Leslie Mandoki  ("Soulmates") bis zum Pianisten Frank Chastenier, mit dem er über die Jahre immer wieder zusammentrifft. "Uns gibt es seit der ersten Stunde", lacht Till Brönner, "seit den Achtzigern. Wir haben gemerkt, dass wir sehr gut zueinander passen." Till Brönner ist seinen Freunden und Kollegen ein treuer Gefährte. Dann kommen wir aber doch zu dem, weshalb wir uns wirklich treffen: Es geht um BILDER. Denn Till, der Trompeter, fotografiert auch. Gerade erst hat er seine Serie "Melting Pott" mit Ansichten aus und über das Ruhrgebiet präsentiert, da kommt auch schon das nächste Projekt: "Eine absolute Wohltat für mich, weil nicht monothematisch", verrät er n-tv.de im Interview.

n-tv.de: Ist Kunst eigentlich elitär?

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Lisa Tomaschewsky, Actress Berlin, 2018 © Till Brönner, courtesy ALEXANDER OCHS PRIVATE

Till Brönner: Es braucht Menschen und Visionen, die letztlich, wenn es um Kultur geht, die Position von Kultur und auch das, was Kultur benötigt, auf einen Scheffel heben. Ohne dauernd Angst zu haben es könne jemand kommen der sagt, es sei elitär. Wenn wir so etwas fürchten,  dann werden wir keine positiven Ausschläge erleben. Elitär ist natürlich kein positiv besetztes Wort, aber dass Kultur und Kunst per se elitär sein sollen - das ist das große Problem der Kunst. Aber das ist auch das Problem, das die Politik gern ein bisschen mit befeuert. Kunst oder Kultur mehrheitsfähig zu machen erinnert mich oftmals an Gleichmacherei, dabei dürfen die Impulse für die Kunst, die ja gern "von unten" kommt, auch "von oben" kommen. Damit wir Menschen, die etwas können, die begabt sind, so präsentieren, wie sie es verdienen. Wir brauchen hier mehr als die Berliner Philharmoniker, die zwar unsere Vorzeigetruppe ist, aber für eine Weltstadt darf es ruhig ein bisschen mehr sein (lacht). 

Der Trompeter fotografiert - wie kam es denn nun dazu?

Prozesse, die von Substanz sind, brauchen, glaube ich, ein bisschen Zeit. Ich wurde ja schon oft fotografiert, es hat mich aber nie so gepackt, als dass ich die Seiten hätte tauschen wollen. Dann war es aber ein Dokumentarfilm über William Claxton, der sowohl als Fashion- als auch als Jazz-Fotograf zwischen den Welten arbeitete. Ich merkte, das hat eine Verwandtschaft, die ich bis dato nicht in Augenschein genommen hatte, die aber spannend ist. Es ist auch etwas anderes als meine sonstige Arbeit. Als Musiker musst du ja immer in Bestform auf die Bühne gehen: Der Eitelkeitsanteil und dieser Teil "Jetzt geht's aber nur um mich hier", der ist sehr groß  (lacht).

Da ist auch eine Menge Adrenalin im Spiel, oder?

Ja, aber vor allem eben sehr viel Ego. Als Fotograf stellt man sein Ego beiseite, sonst könnte man sich dem, was vor der Kamera ist, ja nicht vollkommen widmen. Es geht um eine ganz andere Sensibilität. Ich bleibe im Hintergrund, und es geht darum, etwas zu verstehen. Das steht in einem klaren Kontrast zur Trompete. Die Arbeit mit dem Fotoapparat gibt mir eine große Freiheit und künstlerische Inspiration.

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Lenny Kravitz, © Till Brönner, courtesy ALEXANDER OCHS PRIVATE

Der Wunsch, unsichtbarer zu sein und sich dennoch künstlerisch ausdrücken zu können …

… genau, exakt.

Du hast auch schon ein Buch geschrieben ("Talking Jazz") - was kommt jetzt, ein Film?

(lacht) Erstmal nicht. Oder weißt du mehr? Mir ist es in der Musik und auch in der Fotografie immer schon um die Frage gegangen: "Was bleibt?" Das Zelebrieren der Fotografie, in einer Zeit vieler Bilder, vor allem bewegter Bilder in unglaublich schnell geschnittener Form, ist für mich eine echte Wohltat. Ein Foto, das ich angucken kann, das bleibt, das morgen auch noch da hängt, das mir irgendwas gibt, was ich gar nicht beschreiben kann oder möchte - diese Energie zu bannen, das ist zeitlos. Das wird immer so sein.

Ich habe Musik im Kopf, wenn ich deine Bilder betrachte. Mag aber auch an dem Motiv Lenny Kravitz liegen, das ich gerade angesehen habe.

Ich glaube auf jeden Fall, dass bestimmte Gesetze der Musik sich übertragen lassen auf Bilder. Das ist Kommunikation, zumindest, wenn ich Menschen fotografiere. Bei Gegenständen oder Materie sind das Teil-Emotionen. Aber ohne Emotionen kann ja nichts in der Kunst funktionieren.

Ist das Format eines Fotos wichtig, die Größe?

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Herne Germany, 2019 © Till Brönner, courtesy ALEXANDER OCHS PRIVATE

Nicht unbedingt. Eher der Abstand zum Bild. Der ist manchmal von solch einer Essenz und Wichtigkeit, dass er rechnerisch eingehalten werden muss – und trotzdem sollte ein Gefühl von Nähe entstehen können. Die Nähe entsteht dann am besten, wenn ich von dem Foto dennoch nicht erschlagen werde. Das kann ich nur, indem ich die Größe angleiche an die Entfernung des Betrachters. An kleinere Bilder nähert man sich an, man geht darauf zu, das ist auch ein schöner Moment. So bleibt aber auch alles in Bewegung. Die Fotografie an sich ist ja nicht so ruhig wie wir sie empfinden.

Was willst du mit deinen Fotos ausdrücken?

Ich sehe mich als Beobachter. Und in gewisser Weise auch als Reporter. Das hat den wunderbaren Aspekt, nichts dafür zu können, was einem begegnet. Wenn ich das beschreiben müsste, dann ist das entzaubernd. Worum es mir geht ist, den Grund für ein Foto erkennbar zu machen und nicht lange drüber nachdenken zu müssen. Ich stehe nicht gern vor Fotos und erkläre.

Musstest du erklären, warum du jetzt auch noch fotografierst?

(lacht) Na klar, wir leben ja in Deutschland, so sind wir. Man darf es schon so sagen: Wir haben gerne Schubladen und glauben zu wissen, wer wir sind, wir glauben übrigens auch zu wissen, wie andere sind. Das kommt im Ausland manchmal gar nicht so gut an. Den Grund dafür weiß ich nicht - aber ob sich da eine Analyse lohnt? Natürlich ist es so, dass, wenn man mit einer Sache bekannt geworden ist und dann etwas hinzukommt, dann kann nicht jeder etwas damit anfangen. Aber das ist es, was Künstler tun, und auch das was Künstler tun sollten. Wenn alles vorhersehbar ist, dann ist man vielleicht gar kein Künstler mehr.

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Hugh Masekela Paris, 2009 © Till Brönner, courtesy ALEXANDER OCHS PRIVATE

Das geht ja auch anderen so, die du zum Beispiel porträtiert hast, wie Armin Mueller-Stahl - der ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Maler.

Ja. Die Gesetze funktionieren ähnlich: Ob Stahl schreibt oder malt, er wird es mit einem vergleichbaren Gefühl tun, wie wenn er schauspielert. 

Jeder kann fotografieren - alle tun es mit ihren Handys. Was macht den Unterschied aus zum Foto eines echten Fotografen?

Ich glaube offen gestanden, es gibt oftmals gar nicht so viele Unterschiede. Du sagst es - letztlich kann jeder fotografieren. Wir werden über die Maßen mit Bildern konfrontiert, in der Werbung, in der Kunst, in der Mode, das hat sich alles verändert. Ich glaube leider, dass mit dem Tod von Peter Lindbergh eine gewisse Ära zu Ende gegangen ist, die die Fotografie feiert. Und das Feiern von Fotografie ist in einer Zeit, in der eine Bilderflut herrscht wie gegenwärtig, wieder spannender geworden. Eine wichtige Antwort auf das "en passant"-Fotografieren, diesem "Ich bin gerade hier und wo bist Du?" auf Instagram und Co, ist die klassische Studio-Fotografie. Wir fotografieren ja überall, selbst aus dem Auto heraus. In einem Studio zu fotografieren ist eben eine Sache, die nicht jeder macht. Wenn also alle mit dem Handy durch die Gegend reisen, dann möchte ich genau das nun nicht mehr machen - und baue ein Stativ auf und bitte ins Studio. Auf diese Art und Weise kommt auch das Handwerk wieder zum Tragen.

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Hannelore Elsner Berlin, 2013 © Till Brönner, courtesy ALEXANDER OCHS PRIVATE

Das gibt der Fotografie ihre Wertigkeit auf jeden Fall wieder zurück, oder?

Das ist ein denkbarer Weg, ja. In der Musik kannst du auch Software benutzen, um am Computer Musik zu machen, das heißt aber nicht, dass das automatisch zu besserer Musik führen würde. Wir leben ja in einer Art Dauercasting-Show, und die Message ist: "DU kannst das auch!" Ob das der Realität entspricht, sei mal dahingestellt. Ich war ja mal Teil einer Casting-Show, X Factor, und ich habe einige sehr wertvolle Erkenntnisse gewonnen.

Edita hat damals gewonnen …

Ja, und zwar zu Recht! Aber das Gefühl, dass nach der Show vor der Show ist und der Künstler danach nicht mehr so richtig zur Geltung kommt, weil bereits die nächste Runde läuft - denn der Prozess ist das Hauptevent, nicht, dass da ein guter Künstler entdeckt wird - das ist schon eine recht niederschmetternde Erkenntnis. Das ist traurig, aber das ist auch Entertainment.

Nach deiner Ausstellung "Melting Pott" haben wir in Berlin eine bunte Mischung …

Ja, das ist eine sehr persönliche Zwischenwerkschau, die ganz bewusst in der Galerie Alexander Ochs zwischen wohnlich und künstlerisch anmutet. Das gefällt mir wahnsinnig gut. Hier hängt alles, wie die Wohnung es verträgt. Zum Glück musste ich das nicht aufhängen, ich kann das nicht so gut.

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Warrior, Thyssen Krupp Steel Germany, 2019 © Till Brönner courtesy ALEXANDER OCHS PRIVATE

Magst du jetzt nicht auch andere Landstriche - so wie das Ruhrgebiet – ablichten?

Es hat noch niemand gefragt, warten wir's mal ab (lacht). Ich strebe ja künstlerisch immer wieder zu neuen Ufern. Diese Ausstellung hier ist für mich eine absolute Wohltat, weil sie nicht monothematisch ist. Deswegen heißt sie auch nur ganz einfach "Bilder".

Was steht demnächst für Musik an?

Ich bin in den letzten Vorbereitungen zu meinem nächsten Album, tauche ab und widme mich in einem Studio in der Provence ungefiltert der Musik. Ein bisschen Druck habe ich schon, aber positiv. Ich frage mich ja immer, ob ich an etwas anknüpfen kann, und das werde ich jetzt herausfinden. Ich stelle mich gerne neuen Herausforderungen.

Und woran magst du jetzt anknüpfen?

Das kommende Album mache ich mit dem Pianisten Bob James - und was dabei entsteht wissen wir erst, wenn wir aus dem Tonstudio wieder herauskrabbeln (lacht).

Mit Till Brönner sprach Sabine Oelmann

Die erste Berliner Solo-Präsentation in der Salon–Galerie von ALEXANDER OCHS PRIVATE trägt den schlichten Titel TILL BRÖNNER: BILDER. Präsentiert werden neben Portraits von Künstlern und Musikern Architekturen und abstrakte Arbeiten aus dem Ruhrgebiet sowie Fotografien, die auf Reisen in China und den USA entstanden. Die Ausstellung in der Schillerstraße 15 in Berlin läuft noch bis zum 26. Oktober.

Quelle: n-tv.de

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