Unterhaltung

Straßenfeger aus Israel Warum "Shtisel" so erfolgreich ist

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Rabbi Shtisel und zwei seiner Kinder, Akiva und Giti.

(Foto: Yes Studios)

Eine Serie, die das Leben von ultraorthodoxen Juden in Jerusalem zeigt, ist zum weltweiten Erfolg geworden. "Shtisel" lebt von den Charakteren, ihren Widersprüchen und ihrer Menschlichkeit.

Jeden Freitagnachmittag ertönt in Jerusalem eine Zivilschutzsirene, um den Beginn des Schabbats anzukündigen. Für die religiöse jüdische Bevölkerung ist das ein Hinweis, in 40 Minuten alle Aktivitäten einzustellen. Dann kommt das Leben in der israelischen Hauptstadt für 24 Stunden, bis Samstagabend, weitgehend zum Erliegen. Vor allem in den engen Straßen der abgeschotteten Stadtteile der Haredim, der "Gottesfürchtigen", herrscht dann äußerste Stille. Die Ultraorthodoxen nehmen den Schabbat sehr ernst. In ihrem typischen Aussehen mit Vollbart, Schläfenlocken und schwarzem Kaftan fordern viele vor ihren Vierteln, zum Beispiel in Me'a Sche'arim, mit lauten "Schabbes, Schabbes"-Rufen zur Einhaltung des Ruhetages auf.

Die Netflix-Serie "Shtisel" ist nicht die erste, die das Leben der Ultraorthodoxen in den Blick nimmt. Doch es dürfte das erste Mal sein, dass die Haredim in einer kommerziellen Serie in einem positiven Licht gezeigt werden. "Diese Familiensaga hat durchaus Ähnlichkeiten mit meinem Leben", sagt Jakov Alter, Kostümbildner am HaBima-Theater in Tel Aviv. Der 36-Jährige wuchs in einer Haredi-Familie auf, brach aber mit ihren Traditionen, als er eine verwitwete Frau mit Kindern heiratete und Künstler wurde. Er weiß: "Obwohl diese Gemeinschaft die Moderne ablehnt, sind viele Menschen vom Lebensstil dieser geheimnisvollen Welt fasziniert."

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"Shtisel" läuft bereits in der dritten Staffel; Staffel 1 kam 2013 ins israelische Fernsehen.

(Foto: Netflix)

Der Zauber der von Ori Elon und Yehonatan Indursky entwickelten Serie besteht aus ihrer Universalität. Im Mittelpunkt des Straßenfegers stehen die Shtisels aus dem Jerusalemer Stadtteil Geula, deren Bewohnern nachgesagt wird, nicht ganz so konservativ zu sein wie die von Me'a Sche'arim. Geführt wird die Familie von ihrem Oberhaupt, dem verwitweten Rabbi und Kettenraucher Shulem Shtisel, mit harter, aber auch liebevoller Hand. Während seine von ihrem Ehemann verlassene Tochter Giti Weiss versucht, den Schein einer intakten Familie nach außen zu wahren, macht ihm sein jüngster Sohn Akiva gehörig Probleme. Trotz Heiratsvermittler hat er immer noch nicht die geeignete Frau gefunden. Und statt als Lehrer in einer Jeschiwa, einer jüdischen Hochschule, zu arbeiten, will Akiva seine eigenen Begabungen verfolgen: Er ist ein talentierter Künstler, was in seiner Familie nicht gut ankommt. Als er sich in die doppelt verwitwete Elisheva Rotshtein, die Mutter eines seiner Schüler, verliebt, geht der Familienzwist erst richtig los.

Autofahren ist okay - wenn es keiner sieht

In Israel war "Shtisel" schon bei der Erstausstrahlung 2013 ein Hit. Als die Serie nach der zweiten Staffel 2018 auch auf Netflix anlief, wurde sie weltberühmt. Seit Ende März ist in Deutschland die dritte Staffel zu sehen - im hebräischen Original, mit Untertiteln. Faszinierend für ein deutsches Publikum sind die jiddischen Dialoge, die mitunter gut zu verstehen sind.

Die Serie hat viele Zuschauer an "Unorthodox" erinnert, die erfolgreiche Miniserie von Regisseurin Maria Schrader, in der die Befreiungsgeschichte einer Frau aus den patriarchalen Strukturen ihrer New Yorker Haredi-Gemeinde erzählt wird. Die israelische Schauspielerin Shira Haas, die dort so beeindruckend die Hauptrolle spielt, ist auch in "Shtisel" dabei, als Ruchami Weiss, eine Enkelin von Rabbi Shtisel.

Anders als "Unorthodox" verzichtet "Shtisel" jedoch auf Kritik an den Haredim und konzentriert sich auf das Leben in der Gemeinschaft. Das ist nicht ohne Widersprüche. Die Familie ist strengreligiös: Ihre Mitglieder vergessen nie, die "Mesusa" am Türpfosten zu küssen. Niemand isst, ohne ein Gebet zu murmeln. Aber am Ende nimmt der Patriarch es hin, dass sein Sohn malt. Gelebt werden traditionelle Rollenbilder: Die verheirateten Frauen verstecken ihre Haare unter Perücken. Aber in Gitis wieder reparierter Ehe ist sie es, die das Sagen hat. Akivas Bruder Zvi Arye lässt sich von seiner Frau im Auto zur Jeschiwa fahren - solange die Nachbarn nichts merken, ist alles in Ordnung.

Auf Politik wird in der Serie völlig verzichtet, und nicht die ultraorthodoxen Besonderheiten der Charaktere stehen im Mittelpunkt, sondern allzu menschliche Probleme, wie Liebe und Eifersucht, verbotene Liebe und dennoch erlangtes Glück. Zwar verstärkt die Religion mit ihren Gesetzen und Pflichten die nicht selten komischen Konflikte. Doch am Ende geht es wie in anderen Gesellschaften um Beziehungen, um junge und alte Frauen und Männer, die Wünsche, Sehnsüchte und Träume haben. So war weltweit die Freude bei vielen Fans groß, als die dritte Staffel trotz zweimaligen Lockdowns in Israel fertiggestellt werden konnte.

"Es war wie eine Rückkehr nach Hause," beschreibt Produzentin Dikla Barkai die Arbeit an den neuen Folgen. "Das ganze Team ist wie eine Familie und alle haben ein Gefühl für diese Menschen und ihre Traditionen." Trotzdem war auch Barkai vom Erfolg der Serie überrascht. Als diese 2018 auf Netflix anlief, brach die "Shtiselmania" auch international aus und machte die Schauspieler weltweit berühmt. "Jeder wollte wieder Teil der dritten Staffel sein, auch wenn es eine Herausforderung war, sie mit überschaubaren Gehältern und einer ähnlichen Produktion an denselben Ort zurückzubringen", erzählt Barkai. "Es ist eine bescheidene Serie mit niedrigem Budget, obwohl die Schauspieler jetzt viel bekannter sind."

"Es sind halt auch nur Menschen"

Die "Shtisel"-Fans sind ist deutlich heterogener als die Helden der Serie. Die Familiensaga mit vielen bekannten israelischen Schauspielern, bei der sich auf natürliche Art die jiddische Sprache ins Hebräische mischt, erfreut in Israel nicht nur die säkulare Bevölkerung. Auch zahlreiche streng religiöse Juden - sofern ihnen ein Fernseher erlaubt ist - gehören zu den eifrigen Zuschauern. Doch obwohl die Serie bereits mehrere nationale Preise erhielt, gibt es auch kritische Stimmen. "Diese isolierte, autarke Gemeinschaft hat einen gewissen voyeuristischen Reiz", sagt Ilan Karpick, ein Reformrabiner aus Haifa. "Shtisel" präsentiere nur einen oberflächlichen Eindruck über das Leben der Haredim.

Karpick bemängelt, dass in der Serie strenggläubige Aschkenasim, also Juden mit mittel- und osteuropäischen Wurzeln, fast nur Hebräisch sprechen. "Diese unterschiedlichen Dynastien benutzen aber ausschließlich Jiddisch als Alltagssprache", sagt Karpick. In der Serie dagegen sprechen nur die Alten Jiddisch miteinander - und die Erwachsenen, wenn die Kinder nichts mitbekommen sollen. Karpick findet aber auch Lob: "Die sympathischen Charaktere geben die Geborgenheit einer Großfamilie wieder, in der nichts ohne Anrufung Gottes passiert."

Der Erfolg gibt der Serie Recht, in den USA plant Amazon sogar ein Remake. Auch in Israel führte die Show zu einem wachsenden Interesse am ultraorthodoxen Judentum. Unter den modernen Israelis, die von den alten Shtisels auch mal als "verdammte Zionisten" beschimpft werden, sind die Ultraorthodoxen normalerweise durchaus umstritten: Mehr als 50 Prozent von ihnen haben keine Beschäftigung, in der Armee dienen müssen sie nicht. "Mit ihren kinderreichen Familien sind sie die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in Israel, und auch politisch gewinnen sie immer mehr an Einfluss", sagt Jakov Alter, der Kostümbildner. Er sieht die Serie als Soap Opera, deren Figuren in einer religiösen Atmosphäre voll alter Bräuche ihre Selbstverwirklichung suchen. "Am Ende sind strengreligiöse Juden halt auch nur Menschen."

Quelle: ntv.de

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