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"Slothrust" sagen, wie es geht Wie man als Band in New York überlebt

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Slothrust sind als Band in New York erfolgreicher als die meisten anderen, und doch wollen Leah Wellbaum (l.), Will Gorin und Kyle Bann (r.) die Stadt verlassen.

(Foto: Volker Petersen)

New York ist teuer, New York ist anstrengend, New York ist laut. Na und? New York ist eben auch New York, die kulturelle Hauptstadt der USA, vielleicht sogar der Welt. Musiker strömen in die Stadt, im Hinterkopf den noch immer leuchtenden Sinatra-Satz: If I can make it there, I'll make it anywhere. Schaffe ich es dort, schaffe ich es überall. So ging es auch Leah Wellbaum (26), Kyle Bann (28) und Will Gorin (27) als sie vor einigen Jahren aus Boston und New Jersey herkamen. Die drei gründeten eine Band, nannten sie "Slothrust" und schlugen sich durch den New Yorker Clubdschungel. Mit Erfolg: Sie nahmen eine Platte auf ("Of Course You Do"), tourten damit durch die USA und wurden zu einer Szenegröße. Ihre Mischung aus Grunge, Punk und Pop klingt überraschend frisch, melodisch und gleichzeitig melancholisch. Und das kommt an. An einem Abend Ende Mai spielen die drei studierten Musiker ein Konzert in der Mercury Lounge in Manhattan und erzählen n-tv.de vorher, wie sie es geschafft haben. Aber auch wie New York sie geschafft hat. Denn alle wollen die Stadt nun verlassen. Es reicht, sie haben genug von ihr.

n-tv.de: Viele Leute träumen davon, in New York zu leben. Warum wollt ihr weg?

Gorin: Ich verlasse die Stadt aus finanziellen Gründen. Ich kann es mir hier einfach nicht mehr leisten. Ich habe Musik gemacht, dann habe ich noch gekellnert, so dass meine Freizeit zusammengeschrumpft ist. Ich hatte fast gar keine Zeit mehr, mein Leben und all die Dinge, die es in New York gibt, zu genießen. Das gute Essen zum Beispiel, ich konnte mir gar nicht leisten, in die guten Restaurants zu gehen. Ich meine, was habe ich davon, wenn ich die ganze Zeit nur an ihnen vorbeilaufen muss? Vor vier Jahren hätte ich wahrscheinlich etwas anderes gesagt. Wahrscheinlich, wie aufregend es ist, an einem Ort zu sein, wo immer was los ist. Ich ziehe jetzt nach Philadelphia. Da ist es so unglaublich günstig.

Wellbaum: Ich habe es satt, hier zu leben. Ich bekomme immer mehr Platzangst. Die Leute, die Züge, die Autos, es ist so laut! Deswegen wohne ich jetzt auch in Süd-Brooklyn. Dort ist es viel ruhiger, ich mag die Natur dort, das gefällt mir mittlerweile viel besser. Ich bin jetzt schon so lange hier. Ich hatte ein paar wichtige Pläne, Dinge, dich ich schaffen wollte. Und ich glaube, ich hab's geschafft.

Was war das zum Beispiel?

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Leah Wellbaum auf der Bühne der Mercury Lounge.

Wellbaum: Ich habe eine Platte aufgenommen, ich habe für eine Organisation gearbeitet, die Kindern Musikunterricht gibt und ich habe für eine Konzerthalle ein paar Events organisiert. Ich habe so viele Konzerte in New York gesehen und so viele coole Leute getroffen, es reicht mir jetzt einfach. Ich habe das Gefühl, dass ich die Dinge, die ich tun will, auch woanders machen kann. Da, wo es günstiger und angenehmer ist. Ich bin es müde, die ganze Zeit so viele Leute um mich zu haben. Und wenn man so viel auf Tour ist wie wir und dann nach Hause kommt, will man auch seine Ruhe haben und nicht jeden Tag in der U-Bahn sexuell belästigt werden.

Und wo geht's jetzt hin?

Wellbaum: Nach Los Angeles. Es hat zwar viel mit New York gemeinsam, ist aber auch ganz anders. Vor allem gibt es dort viel Platz. Ich war schon oft da und glaube, das wird gut. Vielleicht auch nicht, das wird sich zeigen. Aber es ist die andere Unterhaltungs-Hauptstadt der USA, ich würde mich ärgern, wenn ich es nicht wenigstens ausprobieren würde.

Welche Rolle hat New York für euch als Band gespielt?

Gorin: Viele unserer Träume sind wahrgeworden. Wir wären in einer anderen Stadt bestimmt nicht als Band so erfolgreich gewesen. Es war auf jeden Fall richtig, nach Brooklyn zu gehen, uns hier die Hörner abzustoßen und in kleinen Scheiß-Clubs zu spielen. Man kann hier ein ganzes Jahr lang jedes Wochenende woanders spielen. Das ist das Gute an New York, es gibt eine Million Veranstaltungsorte.

Wellbaum: Ich glaube es ist ein super Ort für Bands, die gerade anfangen und herausfinden wollen, wie es sich anfühlt, aktive Musiker zu sein. Es ist die einzige Stadt in den USA, die mir einfällt, wo man überhaupt mehrere Konzerte die Woche spielen darf. Wenn wir zum Beispiel in L. A. aufgetreten sind, hat uns niemand mehr ein oder zwei Monate lang gebucht. Sie wollen, dass alle zu diesem einen Konzert gehen. Wenn man in New York ein gewisses Level erreicht hat, passiert das zwar auch. Aber wenn man noch völlig unbekannt ist und keiner einen Scheiß auf dich gibt, kannst du fünf Nächte hintereinander spielen, wenn du willst. So findet man raus, wie es ist, auf Tour zu sein, man lernt viel.

Gorin: Und es ist wirklich hilfreich, das alles zu lernen, bevor man auf Tour geht. Zum Beispiel, dass nicht alle Räume gut klingen und nicht alle Sound-Leute total nett sind. Wenn man das alles erst unterwegs herausfindet, stelle ich mir das viel schwieriger vor.

Wie ist denn das New Yorker Publikum? Stehen sie im Hintergrund, stützen das Kinn auf die Hand und schauen kritisch zu?

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Kyle Bann spielt Bass und Will Gorin Schlagzeug.

Gorin: Es kann auch sein, dass sie total betrunken sind und total ab-moshen. In New York gibt es einfach alle möglichen Leute aus dem ganzen Land.

Wellbaum: Als ich selbst Konzerte organisierte, habe ich so viele Bands gesehen, die auf Tour waren und in New York spielten. Und die meisten waren total enttäuscht. Denn die Leute kommen hier einfach nicht zu deinem Konzert, wenn sie dich nicht kennen. Neulich haben wir in Louisville, Kentucky, gespielt und ich war total überrascht, wie viele Leute da waren. Obwohl am gleichen Abend The Who auch dort gespielt haben. Denn in Louisville, Kentucky, gibt es nur zwei Konzerte pro Abend. Die Leute mögen Musik und dann kommen sie eben und bleiben auch den ganzen Abend da. In Brooklyn dagegen kommen und gehen die Leute ständig während des Konzerts. Es ist echt schwer, in New York zu spielen, wenn man keine Fanbase hier hat.

Bann: Es gibt so viele Bands und so viele Bars. Wenn Leute zu deinem Konzert kommen, wird das nicht das einzige sein, was sie an dem Abend machen, weißt du, was ich meine? Nach deinem Konzert gehen sie noch zu einer Party und danach gehen sie noch in eine Bar und alles hat bis vier Uhr morgens geöffnet.

Wie schafft man es überhaupt, hier zu überleben, wenn man kein dickes Gehalt hat?

Bann: Man muss mit einem Barkeeper befreundet sein!

Gorin: Ich habe mit dem Vater meiner Freundin ein Jahr lang in einer WG gelebt. Als er ausgezogen ist, haben wir ein Zimmer unserer Zwei-Zimmer-Wohnung tagsüber als Büro vermietet.

Wellbaum: Ich habe die ersten acht Monate lang nirgendwo länger als einen Monat gelebt. Ich habe immer nur irgendwo auf der Couch geschlafen. Ich wusste, dass wir auf Tour sein würden und war mir nicht sicher, ob ich genug Geld haben würde, eine eigene Wohnung zu bezahlen. Jedesmal, wenn ich die Stadt verlasse, muss ich mein Zimmer untervermieten. Auch diesen Monat habe ich das gemacht, weil ich wusste, dass ich einen halben Monat nicht da sein würde. Ich habe es dann für den ganzen Monat vermietet, weil man kaum jemanden findet, der nur für zwei Wochen mietet. Also ich glaube, die Antwort ist: Man muss viele Opfer bringen. Ich habe mal in einem Zimmer gewohnt, das hatte keine Fenster. Das war scheiße.

Bann: Ja, und man muss die ganze Zeit arbeiten.

Gorin: Wir haben oft bis fünf Uhr nachmittags gearbeitet, sind dann nach Hause gefahren, haben unseren Kram eingeladen und sind zu unserem Konzert gefahren. Dann aufbauen, Soundcheck, den ganzen Abend spielen, dann nach Hause. Dann wachst du um halb vier morgens auf, um eine Doppelschicht zu kellnern, die um halb acht anfängt. So ein Scheiß!

Klingt romantisch.

Bann: Es war das Schlimmste. Aber auch irgendwie das Beste! Am Anfang gibt es viele Kater-Tage bei der Arbeit, du hängst total in den Seilen. Das war auch irgendwie cool.

Gorin: Mittlerweile können wir mit der Musik unsere Leben einigermaßen finanzieren. Es reicht nicht unbedingt für alle Rechnungen, aber immerhin.

Wellbaum: Ja, Musik ist jetzt unsere Haupteinnahmequelle. Es kommt aber auch auf den Monat an. Manchmal fängt alles super an, zum Beispiel die letzte Tour, die hat echt Spaß gemacht. Aber dann wurden Konzerte abgesagt, weil jemand in einer anderen Band krank geworden ist. So etwas lässt sich kaum vorhersagen. Wir hätten auf der Tour eigentlich genug Geld verdienen sollen, um die Miete zu zahlen, stattdessen haben wir am Ende draufgezahlt. Das war wirklich hart.

Was war letztlich ausschlaggebend für euren Erfolg?

Wellbaum: Es gibt so viele Variablen. Viele Künstler haben diesen einen Satz zu mir gesagt, den habe ich immer wieder gehört: Wenn du die Kunst, die du liebst, einfach immer weiter machst, dann wird es irgendwann etwas damit. Denn die meisten Leute machen das nicht.

Gorin: Es ist ein Mix. Wir haben uns jahrelang den Arsch abgearbeitet und viele Opfer gebracht. Aber wir hatten auf jeden Fall auch viel Glück. Zum Beispiel bei der ersten Platte, die wir aufgenommen haben. Da war dieser Freund eines Freundes ...

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Cover des Debutalbums "Of Course You Do".

(Foto: Volker Petersen)

Wellbaum: Er hat uns auf Myspace gefunden!

Gorin: Er schrieb uns, er arbeite in einem Tonstudio und würde gern unsere Platte für umsonst aufnehmen. Und wir so: Coooool ...

Wellbaum: Wir hatten viele Freunde, die Lust hatten, uns zu helfen oder mit uns zusammenzuarbeiten.

Gorin: Wir waren auch auf einer künstlerischen Hochschule, wir haben alle Musik studiert und dadurch hatten wir viele Kontakte. So konnten wir für umsonst ein Musik-Video drehen.

Euer Studium hat sicher auch geholfen, oder?

Wellbaum: Auf der Kunsthochschule habe ich so viele Musik-Kurse besucht, wie ich konnte. Ich habe Jazz-Theorie, Atonale Musiktheorie, Komposition, Orchestrierung, Jazz-Vokal-Ensemble, Improvisation gemacht. Ich habe sogar mal Schlagzeug belegt, weil der Professor so gut war. Ich hatte mir vorgenommen, auf der Schule so viel wie möglich zu lernen und mitzunehmen.

Gorin: Wir haben alle in verschiedenen Jazz- und Bluesbands mit jeweils unterschiedlicher Instrumentierung gespielt. Mal hat man Schlagzeug gespielt, mal Gitarre. Wir hatten also viele verschiedene Möglichkeiten, uns auszuprobieren.

Wie geht es weiter, was bedeutet Erfolg für euch?

Wellbaum: Für uns als Band wünsche ich mir, dass wir die Kontrolle behalten. Ich beobachte immer öfter, wie Künstler die Kontrolle über ihr Werk verlieren, weil sie Verträge unterschreiben. Sie verlieren die kreative Kontrolle, sie vermasseln ihre Freundschaften, sie werden gedrängt, Musik zu machen, die sie nicht machen wollen und mit Leuten zu arbeiten, mit denen sie nicht arbeiten wollen.

Gorin: Für mich ist das nächste Ziel, international auf Tour zu gehen. Wir haben Amerika rauf und runter bespielt. Wir waren in fast jedem Staat. Gut, wir waren in Kanada, aber das zähle ich mal nicht mit. Ich spreche davon, unseren Kram in ein Flugzeug zu packen und einen Ozean zu überqueren.

Bann: Ja, und die Leute schreiben uns zum Beispiel aus Deutschland. Ungefähr zweimal die Woche bekommen wir Facebook-Nachrichten wie: Kommt doch nach Deutschland, ihr könnt in unserem Haus übernachten! Das wäre schon toll.

Wellbaum: Wir müssen das hinbekommen! Ich weiß zwar nicht wie, aber es sollte passieren. Das Problem war bisher wohl, dass wir seit zwei Jahren keine neue Platte gemacht haben. Aber im Herbst kommt eine neue heraus. Und hoffentlich kommen wir dann auch nach Deutschland.

Mit Slothrust sprach Volker Petersen.

Quelle: ntv.de