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VIP VIP, Hurra!Wie tief darf Humor sinken?

01.05.2026, 18:41 Uhr Bildschirmfoto 2026-02-21 um 21.32.44Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
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Macht seinem Ärger Luft: Howard Carpendale, Schlager-Legende und Entertainer. (Foto: picture alliance/dpa)

Howard Carpendale platzt der Kragen. Zurecht. Was als Satire verkauft wird, ist in Wahrheit ein ziemlich billiger Tritt nach unten. Und die Ausrede macht es nicht besser. Hoffen wir, dass Oliver Welke nie an genau solche Gag-"Schreiberlinge" gerät - unlustig ist es nämlich schon jetzt.

Verehrter Leser, ich weiß, ich bediene diese Hook nicht zum ersten Mal und wiederhole mich, aber: Das Internet brennt, wir müssen reden! Und zwar in dieser Woche über Howard Carpendale und seine Ansage an Oliver Welke. Sie haben das sicherlich mitbekommen, aber hier geht es meiner Meinung nach um viel mehr als nur um einen verunglückten, dümmlichen Witz, der angeblich in die Kategorie Satire fallen soll.

Aber von vorn: Howard Carpendale lädt Anfang der Woche einen Videobeitrag bei Instagram hoch und macht sich darin Luft: "Sag mal, spinnst du? Warst du bei einem Konzert von mir? Hast du überhaupt eine Ahnung, wovon du redest?"

Gerichtet sind diese Worte an den Moderator der "heute-show". Doch schon nach wenigen Sekunden wird klar: Hier spricht kein verärgerter Sänger, der sich über einen missglückten Gag aufregt. Der Mann ist seit Jahrzehnten im Geschäft, einer der ganz Großen im Schlager, eine Legende mit Hits, die längst nicht nur "die ältere Generation" kennt und mitsingen kann.

Wenn also jemand wie Howard Carpendale so reagiert, dann steckt darin nicht nur Empörung, sondern auch eine Erfahrung von Würde, die jemand plötzlich infrage gestellt sieht.

"Was hat hundert Beine und riecht nach Urin?"

Der Auslöser für seinen verständlichen Unmut, falls Sie es noch nicht gelesen haben: In der "heute-show" sagt Oliver Welke: "Was hat hundert Beine und riecht nach Urin? Die erste Reihe im Howard-Carpendale-Konzert."

Ein Satz, der als Pointe gedacht war, eingebettet in einen Sketch über KI, Pflegeroboter und bewusst schlechte Witze, wie Welke später erklärte. Nur bleibt eben die Frage: Worüber genau wird hier eigentlich gelacht?

Man kann es sich leichtmachen und sagen: Warum die Aufregung, das sei halt Satire, die müsse wehtun dürfen. Und die "heute-show" ist bekanntlich eine Satire-Show. Aber ganz ehrlich: Haben Sie bei diesem "Witz" gelacht? Und wenn ja, worüber genau? Über den Schlagerstar? Oder über sein Publikum, das pauschal und implizit als alt, gebrechlich und inkontinent markiert wird?

Denn genau hier liegt der Kern. Es geht bei dieser angeblichen Satire nicht um "Howie" oder sein Publikum, das ein bisschen gepiesackt und verhohnepiepelt wird. Das passiert schließlich ständig. Dämliche Witze muss sich auch das Publikum von Helene Fischer, Andrea Berg oder Beatrice Egli anhören - obwohl sie zu den erfolgreichsten Künstlerinnen unseres Landes gehören, aber eben eine Musikkategorie bedienen, über die sich zuverlässig Eimer an Spott und Hohn ergießen.

Nein, es geht um ein Bild vom Alter, das hier zur Pointe gemacht wird. Und das ist ein himmelweiter Unterschied. Welke selbst versucht, das Ganze kleinzuhalten und kontert auf Carpendales Statement: "Unser Thema in der Sendung war KI… Danach habe ich versucht, einen noch schlechteren (Witz) draufzusetzen - hat ja auch geklappt."

Das klingt auf den ersten Blick schlagfertig, weil es den Inhalt des Witzes elegant umschifft. Es ist eine Verteidigung über den Kontext, nicht über die Pointe - die keine ist. Und es wirkt, als hätte er längst gemerkt, dass er sich auf sehr dünnem Eis bewegt.

Auch "Howies" Sohn, Wayne Carpendale, schaltet sich ein und unterstützt seinen Vater: "Oliver Welke und das Team der "heute-show" verkennen meiner Meinung nach seit Jahren, was sie eigentlich sind", schreibt er und geht noch weiter: "Ihnen fehlt der Charme, der Humor, das Talent, das Aussehen und vor allem das Feingefühl, um in dieser Liga auch nur ansatzweise mitzuspielen."

"Satire darf alles"

Und an dieser Stelle müssen wir über Satire sprechen - und über das offensichtliche Unverständnis der "Schreiberlinge", wie Howard Carpendale die Autoren der "heute-show" nennt, was man darunter überhaupt versteht. In solchen Momenten wird nämlich allzu gerne Kurt Tucholsky zitiert. Hätte dieser großartige Schriftsteller geahnt, welches Schindluder mit seinen Gedanken betrieben wird, hätte er vermutlich noch präziser formuliert. Es ist ein Satz, den viele kennen: "Satire darf alles".

Aber darf sie auch alles wollen? Oder anders gefragt: Muss sie wirklich dort ansetzen, wo sie am wenigsten Widerstand spürt? Gute Satire sucht sich ihre Ziele nicht zufällig aus. Was heute gern weggelassen wird: Tucholskys Satz steht nicht für sich allein, denn er verstand Satire als Angriff auf Macht und Missstände - und nicht als Spott über diejenigen, die sich nicht wehren können.

Dass man sich in manchen Redaktionen offenbar damit zufriedengibt, wenn ein Gag irgendwie funktioniert, Hauptsache, er löst Reaktionen aus, zeigt, dass man den Kern von Satire entweder nicht verstanden hat - oder dass es generell schlecht darum steht, was guten Humor eigentlich ausmacht. Es geht zunehmend verloren, das Gespür dafür, wann ein Witz nach oben tritt und wann nach unten.

Dabei reden wir hier nicht über irgendeine kleine Bühne, sondern über ein Format im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, finanziert von Gebühren, getragen von dem Anspruch, mehr zu sein als bloße Unterhaltung. Das ist ein Privileg, keine Frage. Aber es ist auch eine Verpflichtung. Und genau das merkt man solchen Momenten an, wenn sie plötzlich fehlt.

Howard Carpendale hat es am Ende auf seine Weise formuliert: "Komm mal vorbei, ich bring dir ein bisschen bei, was Empathie heißt, okay?" Seinem Publikum spricht er damit aus der Seele: "Das ist eine sehr kluge und beispielhafte Reaktion. Respekt ist nicht verhandelbar. Möge sich unsere Gesellschaft wieder zu einer menschenfreundlichen entwickeln", heißt es in einem Kommentar. Ein anderer schreibt: "Tolle Worte, und du hast dich nicht auf das niedrige Niveau von Oliver Welke herabgelassen. Ich bin allerdings geschockt, dass er es nötig hat, sich auf diesem niedrigen Niveau zu bewegen."

Hoffen wir, dass Oliver Welke niemals im Alter Probleme mit seiner Prostata bekommt - und jemand das dann zum Anlass nimmt, ein bisschen "Satire" über ihn zu machen.

Quelle: ntv.de

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