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"Jagger hat uns gefürchtet" Achim Reichel hat das Paradies gesehen

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Gerade in den letzten Jahren hat das Glück noch mal unglaublich nachgelegt, findet Achim Reichel.

(Foto: Hinrich Franck und Matti Klatt)

Mit Whiskey und Zigaretten begab sich die Hamburger Musikerlegende Achim Reichel ("Aloha heja he") als einziger Passagier auf ein Containerschiff, um seine Autobiografie zu vollenden, die auch ein Stück Musikgeschichte dokumentiert. In "Ich hab' das Paradies gesehen" entführt der 76-Jährige den Leser lebhaft ins St. Pauli der Nachkriegsjahre, erzählt von seinem Aufstieg mit den Rattles ins Zentrum der hiesigen Beatmusik, von Freund- und Feindschaften mit den Beatles und den Rolling Stones und seiner nie langweiligen Solokarriere. Mit verschmitztem Lächeln blickt Reichel auf sein Leben zurück. Ein bisschen wirkt es im Gespräch mit ntv.de so, als könnte er selbst nicht glauben, wie viele glückliche Fügungen das Leben für ihn bereit hielt - und hält.

ntv.de: Herr Reichel, Ihr Leben fing turbulent an. Es begann im Bombenhagel des 2. Weltkriegs.

Achim Reichel: Ich selbst habe daran natürlich keine Erinnerung, aber es gab diesen Korb in meinem Elternhaus, der rundherum versengt war. Als ich meine Mutter darauf ansprach, erzählte sie mir, dass man mich darin immer in den Bunker getragen hatte. Mir wurde ganz anders zumute, und es lief mir eiskalt den Rücken runter.

War es eine glückliche Kindheit auf St. Pauli?

Schon. Ich hatte ja keine Vergleichsmöglichkeiten. Es guckten im Hafenbecken noch die langen Schornsteine und Mastspitzen der versenkten Schiffe aus dem Wasser, überall waren Häuserlücken und Ruinen. Das war für uns Kinder abenteuerlich. Mein Vater war Seemann und verstarb früh. Aber den Hang zu fernen Welten und ins Reich der Fantasie hat er mir vererbt. In der Schule war ich mit dem Kopf ständig woanders, aber irgendwann war das dann auch zu etwas gut.

Ihre frühe Leidenschaft war der Fußball.

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Trotz allem ein glückliches Kind: Der kleine, propere Achim.

Ich war Torwart beim FC St. Pauli, Zweite Knaben-Mannschaft. Es hätte aus mir auch ein guter Fußballer werden können, ich war ziemlich gut. Meine große Schwester war mit Hans Wehrmann zusammen, der war im Verein 'ne richtige Nummer.

Was war für Sie die Rock'n'Roll-Initialzündung?

Als ich "Lucille" und "Tutti Frutti" von Little Richard hörte, war es das erste Mal, dass ich von Musik eine Gänsehaut bekam. Ich dachte: Was ist denn das für einer? Den Rhythmus und diesen Gesang, der für Erwachsene gar keiner war, fand ich unwiderstehlich. Damals in den 50ern war Deutschland ja noch komplett Schlagerland.

Sie haben Ihr Idol dann auch getroffen ...

Ja. Als die Rattles mit Little Richard 1963 auf Englandtour waren, fragte er immer als erstes, wenn er in den Tourbus kam: "Am I beautiful?" Und ich dachte nur: Meint der das ernst? Für wen macht der das? Er war ein schrulliger Typ, aber er war ja auch ein Großer. Auf jeden Fall hat das damals meinen Horizont erweitert, was Megastars betraf.

Sie waren nicht enttäuscht?

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Little Achim!

(Foto: Hinrich Franck)

Ein wenig. Erst viel später habe ich für mich realisieren können, was es mit dem Rassismus-Hintergrund in den USA bedeutete, zwar ein Star zu sein, aber dann trotzdem bei den Hotels den Hintereingang benutzen zu müssen. Auch Chuck Berry, mein anderes Idol, war ein Farbiger. Was das mit diesen Leuten gemacht haben muss! Wenn sie dann nach Europa kamen, das hat auch Miles Davis mal über seinen Paris-Besuch gesagt, waren plötzlich alle normal und nett zu ihnen. Insofern haben die Schwarzen sich hier auch wohl gefühlt, weil sie merkten: Sie werden nicht ständig gedemütigt.

War Ihr späteres Wiedersehen mit Little Richard erfreulicher?

Das war wirklich Jahrzehnte später in München. Er blieb da etwas mehr auf dem Teppich, war geradezu privat, und er ließ die versammelte Presse für unser Gespräch warten. Was mich tief beeindruckte war, dass er sich an jedes Detail von früher erinnern konnte. Ich hatte ihn wohl doch falsch eingeschätzt.

"Die Rolling Stones haben uns gefürchtet", heißt es in Ihrem Buch.

(lacht) Die Stones dachten, sie seien neben den Solostars die einzige Band auf besagter England-Tour. Und dann kommen da so Heinis aus dem Hamburger "Star-Club" - sie fühlten sich gestört. Dass wir dann noch dieselben Stücke von Chuck Berry spielten, sorgte für richtigen Zoff. Es brauchte einen Schlichter. Es zeigte sich damals schon, dass Mick Jagger eher Geschäftsmann war als Musiker. Die Stones hatten auf jeden Fall Angst um sich.

Am Ende Ihres Buchs danken Sie John, Paul, George und Ringo. Die Rattles eröffneten für die Beatles auf der Bravo-Blitztournee. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

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Achim Reichel mit Perücke, an wen erinnert er uns bloß?

(Foto: imago images/United Archives)

Ich weiß noch, wie ich in München von der Bühne guckte und dachte: Was ist denn hier los? Da saßen vorne Altgrößen wie Abi Ofarim und Lou van Burg, und dahinter war völliges Ausrasten angesagt. Beatles-Manager Brian Epstein war stinkesauer, weil wir ihm zu gut ankamen. Am nächsten Tag in Dortmund hieß es dann: Die Rattles müssen anfangen, die dürfen nicht direkt vor den Beatles spielen. Sie waren mittlerweile an einem Punkt in ihrer Karriere, in der jede Minute verplant war. Es war nicht mehr wie zu "Star-Club"-Zeiten, wo wir zusammen in der Kiez-Kneipe "Gretel & Alfons" saßen und Blödsinn redeten.

Sie haben mehrfach mit den Rattles im legendären Cavern-Club in Liverpool gespielt.

Liverpool war damals eine abgerissene Stadt. Auf manchen Bildern sieht es aus, als hätten wir unseren Bandbus auf einem Trümmerfeld geparkt. Dass auch bei uns in England die Mädels vor der Bühne kreischten und durchdrehten, war natürlich ein erhabenes Gefühl für uns. Aber auf der Tournee mit Little Richard, den Everly Brothers und den Stones haben wir oftmals in Vier-Bett-Zimmern übernachten müssen. Da war nix mit Aftershowparty und geil, wir sind die Stars! Unser Bassist Herbert nannte es die Knochenmühle.

Warum haben die Rattles keine internationale Karriere verfolgt?

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Mit den Rattles 1988.

(Foto: imago images/Horst Galuschka)

Wir hatten mehrfach das Angebot nach England umzusiedeln, das Label Decca wollte uns eine Villa stellen, wir sollten dann dort produziert und gemanagt werden. Aber wir fühlten uns Manfred Weissleder vom "Star-Club" verpflichtet. Und wer sind heute die Searchers oder die Tremolos? Die Beatles und Stones sind doch die einzigen wirklich Großen. Der Rest sind Nostalgie-Acts. Da wollte ich nie dazugehören.

Das Ganze ist jetzt so 60 Jahre her.

Für mich war das eine goldene Dekade. Das kann so nie und nimmer ein zweites Mal geschehen. Das war die erste wirkliche Jugendkultur. Es war Musik, die die Eltern unmöglich fanden und die Kids geil. Und die Schallplatte, ob Single oder LP, war einfach ein funktionierendes Medium. Es war elektrisierend, wenn man das Vinyl aus dem Cover zog. Das alles war brandneu, und es verbreitete sich in kürzester Zeit über die ganze Welt. Und dann das Gefühl zu haben, irgendwie gehöre ich auch ein bisschen dazu, ist schon toll.

Die FAZ bezeichnete Sie als den ersten Superstar Deutschlands. Wie ist das, als Legende in die deutschen Musikgeschichtsbücher einzugehen?

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Er hätte auch Fußballer werden können ...

Das hat sich einfach so ergeben. (lacht)

Sie haben sich nach dem Ausstieg bei den Rattles viel ausprobiert: von Krautrock über vertonte Dichtung und Shantys bis hin zu bluesigen Songs in deutscher Sprache war alles dabei - und oftmals mit Erfolg gekrönt.

Mir war früh klar, dass es hier irre viel nicht gab, was woanders auf der Welt existierte. Und dann habe ich es in Deutschland gemacht. Irgendwann sagte ich mir: Ein Hit pro Jahrzehnt genügt eigentlich. Dann geben dir die Plattenfirmen immer wieder eine Chance. Es gibt kein Album von mir, was nicht in den Charts war. Aber ich war immer ein Mittelfeld-Künstler - und das fand ich auch gut. Es wollen dann nicht so viele Leute was von einem. Ich bin nun mal ein nordischer Sturkopp.

Wenn man so will, haben Sie mit Ihren deutschsprachigen Shantys sogar Santiano erfunden.

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Das würde Peter David Sage von Santiano, der lange in meiner Band gespielt hat, sicher bejahen (lacht). Mit Peter konnte man damals schon herrlich über die Mutlosigkeit und die Entfremdung gegenüber der eigenen Kultur in Deutschland sprechen. Er ist Brite und sagte immer: "Das müsst ihr euch zurückholen." Und ich meinte: "Das versuche ich die ganze Zeit schon." Natürlich gefiel das nicht jedem. Manche fragten mich: "Hast du keine Angst, rechts eingeordnet zu werden?"

Skandale gab es bei Ihnen nie. Was hat Sie dafür bewahrt, auf die schiefe Bahn zu geraten?

Das waren immer die Frauen! Ich war lange ein ziemlich ruderloser Typ, der einfach nur Talent, einen Instinkt und Glück hatte. Aber das war keineswegs gefestigt oder souverän. Gerade als das mit dem "Star-Club" losging und die leichten Damen anfingen, sich für uns zu interessieren, hätte man leicht abrutschen können ins Milieu. Wenn man jung ist, fühlt man sich so unverletzbar - das ist gefährlich. Ich habe einige abstürzen gesehen. Aber irgendwie hat man selbst noch die Kurve zum charakterfesten Typen gekriegt.

Sie bezeichnen Ihre Frau als größte Inspiration. Gibt es einen Song, der ohne sie nicht erstanden wäre?

Ganz viele sogar! "Die Nacht hat viele Sterne" ist einer davon. Es ist zwar ein Klischee, dass hinter jedem tollen Typen 'ne noch tollere Frau steht, aber so ist es. Meine Frau Heidi ist extrem öffentlichkeitsscheu. Aber sie hat in mir Seiten zum Schwingen gebracht, von denen ich gar nicht wusste, dass sie da sind. Und das geht dann auch einher damit, dass ich das Gefühl bekam, ich wäre ich selbst und nicht so wie irgendjemand. Sie hat mich schon vor so mancher Peinlichkeit bewahrt.

Ihre Hochzeit fand im legendären Hamburger Musikclub "Logo" statt, dem wegen Corona die Schließung droht.

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Mach mal lieber Musik!

(Foto: imago images/United Archives)

Das geht im Moment leider vielen so. Ich kann es nachfühlen, denn ich war mal in einer ähnlichen Situation und habe viel Lehrgeld zahlen müssen. Ich bin mit dem "Star-Club" pleite gegangen. Es gab Abende, wo der Laden brummte, aber am Ende standen nur Colas im Bon-Buch, weil die Bedienung eigenen Whiskey vom Supermarkt mitgebracht hatte und in die eigene Tasche wirtschaftete. Da war ich zu blöd und blauäugig! Als ich mit Frank Dostal und Kuno Dreysse Pächter des "Star-Clubs" war, fing der Discotheken-Boom an. Die kamen zu uns, um Black Sabbath anzugucken, die damals noch Earth hießen. Und sobald die von der Bühne gingen, verließen die Leute den Club. Konzerte waren damals günstig: Ob das nun Ray Charles oder Fats Domino war, das hat höchstens 10 Mark Eintritt gekostet.

Aber etwas Gutes hatte es: Sie waren wegen des "Star-Clubs" als Ehrengast bei der "Rock And Roll Hall Of Fame"-Zeremonie nach Amerika eingeladen.

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Wehmütig? Manchmal ein bisschen ...

(Foto: imago images/United Archives)

Oh ja! Und da waren alle wieder da: Mick Jagger, Paul McCartney, George Harrison, dazu Muhammad Ali, Bob Dylan, Elton John. Wohin man auch guckte - nur berühmte Menschen.

Werden Sie manchmal wehmütig?

Als ich mit meiner Frau in New York die Ausstellung "Play It Loud: Instruments Of Rock'n'Roll" besuchte. Auf einer Leinwand sah ich Keith Richards als verknitterten Faltenhund über die Tournee von damals reden. Nun, ich war dabei! In dem Moment dachte ich nur: Was mich damals zum Brennen brachte und zu dem gemacht hat, der ich heute bin, das findet heute im Museum statt. Das gab mir einen ordentlichen Schlag zwischen die Hörner.

Sie schreiben auch von dunklen Gedanken im Alter.

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Manche Sachen bleiben aber wie früher!

(Foto: imago/Future Image)

In den meisten Momenten weiß ich, dass ich überhaupt keinen Grund habe, mit irgendetwas zu hadern. Aber weil mir die Musik noch unheimlich viel Spaß bringt, kommen manchmal Gedanken auf wie: Irgendwann kriege auch ich den Hintern nicht mehr hoch. Dann ist es vorbei. Ich hätte alle Berechtigung loszulassen, aber wenn Kreativität ein Leben lang ein Teil von dir war, fällt es schwer aufzuhören. Also mache ich lieber noch eine zweite Abschiedstournee. (lacht)

Mit Achim Reichel sprach Katja Schwemmers

Quelle: ntv.de