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Wenn Teenager Gallien aufmischen Asterix, Obelix und das Wildschweinesystem

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Unauffällige Beobachtung: Asterix, Obelix und die Teenager-Clique.

(Foto: Egmont Ehapa Media/Asterix, Obelix, Idefix ©2019 Les Éditions Albert René/Goscinny-Uderzo)

Zum 60. Geburtstag der gallischen Helden erscheint ein neuer "Asterix"-Band. Es geht um einen rebellischen Teenager, der das Dorfleben durcheinanderbringt und die bestehende Ordnung hinterfragt. Das ist auf der Höhe der Zeit. Für einen Klassiker der Reihe hätte es aber mehr Mut gebraucht.

Jean-Yves Ferri hat ein gutes Händchen bei der Themenauswahl für neue Asterix-Bände. Vor vier Jahren verarbeitete er Themen wie Kommunikation und politische PR und ließ es nicht an damals hochaktuellen Anspielungen auf Wikileaks und Whistleblower fehlen. Ebenfalls auf der Höhe der Zeit ist der nun erscheinende 38. Band der erfolgreichsten europäischen Comicreihe: "Die Tochter des Vercingetorix". Denn die aufrührerische Titelfigur passt zu der politisch bewegten Jugend von Fridays for Future und Co.

Mit dem Albumtitel ist Adrenaline gemeint, die einzige Nachkommin des legendären gallischen Heerführers, der sich in der Schlacht von Alesia dem römischen Eroberer Caesar geschlagen geben musste. Doch während der Vater seine Waffen dem römischen Herrscher auf die Füße schmiss, lebt sein Traum von der Freiheit für Gallien fort. Auch in Person seiner Tochter, deren Halsschmuck - ein Wendelring - ein Symbol des Widerstands gegen die Römer ist. Kein Wunder, dass die Besatzer der Tochter habhaft werden wollen, um sie zur guten Untertanin zu erziehen, wie sie es bereits mit vielen Fürstenkindern anderer unterworfener Völker getan haben.

Um Adrenaline zu schützen, wird sie im Dorf der als unbezwingbar geltenden Gallier untergebracht. Und Asterix und Obelix werden beauftragt, ein Auge auf die junge Frau zu haben, die "gern ausbüxt". Leicht macht es ihnen der Teenager natürlich nicht. Zumal sie schnell Anschluss bei den Gleichaltrigen des Dorfes findet und mit ihnen im Steinbruch abhängt. Dort rebellieren sie nicht nur gegen die bestehende Dorfordnung, sondern planen auch die Flucht der berühmten Tochter.

"Die Stützen des Wildschweinesystems"

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Römer werden in diesem Band natürlich auch verkloppt.

(Foto: Egmont Ehapa Media/Asterix, Obelix, Idefix ©2019 Les Éditions Albert René/Goscinny-Uderzo)

"Hinkelstein und Zaubertrank sind die Stützen des Wildschweinesystems." Diesen schönsten Satz des Albums werfen die unzufriedenen Teenager den altbekannten Helden entgegen. Sie kritisieren nicht nur die Überjagung der Tiere, sondern hinterfragen auch das Gebräu, das den Dorfbewohnern übermenschliche Fähigkeiten verleiht. Wer wisse schon, was Miraculix so alles hineinmixt, vermutlich mache das Zaubermittel auch noch dick. Obelix jedenfalls hauen diese Sprüche um, sein gesamtes Weltbild gerät ins Wanken. Und nichts fürchten die Gallier mehr, als dass die Welt zusammenbricht und ihnen der Himmel auf den Kopf fällt.

Mit der Rebellion des Nachwuchses wagen sich Autor Ferri und Zeichner Didier Conrad auf neues Terrain. Denn sie stellen im 38. Abenteuer der mutigen Gallier deren althergebrachte - und von Millionen Lesern liebgewonnene - Ordnung infrage. Die alten weißen Männer des Dorfes werden herausgefordert von Teenagern, angeführt ausgerechnet von einer jungen Frau. Das hat es im Asterix-Universum bisher nicht gegeben und natürlich erinnert diese Konstellation an Greta Thunberg und Fridays for Future. Doch angesichts des Vorlaufs, die die Produktion eines Asterix-Albums hat, ist diese Aktualität eher zufällig und eben allenfalls Ferris Gespür für Themen zuzuschreiben. Entsprechend ist der Umweltgedanke auch nur ein Randaspekt, der im weiteren Verlauf des Bandes untergeht.

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Obelix traut seinen Ohren kaum: Die Teenager machen ihm den Zaubertrank madig.

(Foto: Egmont Ehapa Media/Asterix, Obelix, Idefix ©2019 Les Éditions Albert René/Goscinny-Uderzo)

Das ist das Hauptproblem des Abenteuers: Die anfänglich so erfrischende Teenie-Rebellion wird nicht zu Ende erzählt, sie versandet und endet sogar recht altbacken. Das hier gepflegte Klischee vom so faulen wie aufsässigen Nachwuchs, der sich einfach nicht in die Gesellschaft einfügen will, trägt in Zeiten echter und ernsthafter jugendlicher Proteste nicht sehr weit, es wirkt geradezu überholt. Mehr Mut wäre gut gewesen. Ob Ferri davor zurückschreckte, die gallische Ordnung völlig durcheinanderzuwirbeln, oder ob Verlag und Rechteinhaber zu vielen Neuerungen einen Riegel vorschoben, kann nicht gesagt werden. Schade ist es allemal.

Der Klassiker von 1968

Denn eigentlich haben sich Ferri und Conrad gut im Asterix-Universum eingelebt, das sie vor sechs Jahren von Albert Uderzo übertragen bekamen. Vor allem Conrads Zeichnungen knüpfen an den Stil des Asterix-Schöpfers an, eine Mischung aus schwungvollem Strich, liebevollen Details und karikativen Anspielungen - in diesem Band ist etwa der 2018 verstorbene Sänger Charles Aznavour zu finden. Zudem werden mit der Teenager-Gruppe neue Charaktere etabliert, die hoffentlich auch in künftigen Abenteuern eine Rolle spielen.

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Das derzeitige "Asterix"-Duo: Didier Conrad und Jean-Yves Ferri (v.l.)

(Foto: dpa)

Alte Fans wiederum müssen nicht auf Traditionen verzichten. Nicht nur wegen bekannter Figuren wie den Piraten, ordentlicher Römer-Kloppe und sprechender Namen wie Mausklix und Selfix. Sondern vor allem, weil der neue Band in gewisser Weise an das Album "Asterix und der Arvernerschild" aus dem Protestjahr 1968 anknüpft - einem Klassiker der Reihe, für den neben Uderzo der geniale Autor René Goscinny verantwortlich zeichnete. Auch dort geht es um Vercingetorix und die verlorene Schlacht von Alesia - die von den Galliern aber beharrlich ignoriert werden ("Alesia? Ich kenne kein Alesia!"). In "Die Tochter des Vercingetorix" wird dies erneut zum Running Gag.

Insgesamt allerdings sind diese Höhepunkte im neuen Album rar gesät. Das vierte Abenteuer des Künstler-Duos Ferri/Conrad ist ihr bisher schwächstes. Nicht nur weil die Hauptgeschichte letztlich doch zahnlos bleibt und ihr die satirische Spitze fehlt, sondern auch, weil die Dialoge an einigen Stellen zu platt wirken und Floskeln an die Stelle von Wortwitz treten.

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Das ist auch schade, weil Asterix dieser Tage seinen 60. Geburtstag feiert. Das erste Abenteuer des Galliers erschien am 29. Oktober 1959 in der Erstausgabe der Zeitschrift "Pilote". Die Beliebtheit der französischen Nationalhelden ist seither ungebrochen, was sich auch in den enorm hohen Auflagen bemerkbar macht. Fünf Millionen Exemplare des neuen Abenteuers werden in insgesamt 20 Ländern gedruckt. Allein auf Frankreich entfallen davon um die 2 Millionen Bücher. Gleich dahinter aber kommt Deutschland mit einer Auflage von 1,6 Millionen Alben. Hier, im Comic-Entwicklungsland, ist "Asterix" die Reihe, auf die sich alle einigen können, vom eingefleischten Comic-Fan bis zum Gelegenheitsleser.

"Die Tochter des Vercingetorix" erscheint am 24. Oktober als Hardcover (12 Euro) im Buch- sowie im Zeitschriftenhandel als Softcover (6,90 Euro). Eine limitierte Luxusedition mit Zusatzmaterial (59 Euro) erscheint im November. Erhältlich ist zudem eine Superluxusausgabe (199 Euro) mit signiertem Druck.

Quelle: n-tv.de

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