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"Die Stimme des Zorns" Cross' Psycho-Striptease eines Serienkillers

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Nahe Roswell soll angeblich 1947 ein Ufo abgestürzt sein, seit 1991 gibt es im Ort ein Ufo-Museum - hier ein Teil der Ausstellung.

(Foto: imago/Aurora Photos)

Ethan Cross kann Hardcore-Thriller, die "Shepherd"-Reihe ist der Beweis. Nun bekommt der daraus bekannte Protagonist, Serienkiller Francis Ackerman Junior, seine eigene Serie. Und da lässt sich Cross zum Start nicht lumpen: Alles beginnt in Roswell. Roswell? Da war doch was.

Gefühle sind nicht das Ding von Francis Ackerman Junior. Angst und Sorgen übrigens auch nicht. Er kennt das alles nicht, macht vielmehr den Eindruck eines Mannes, der über den Dingen steht. Aber er ist süchtig nach Schmerz - ob er ihn anderen zufügt oder selbst erträgt: "Schmerz ist wie ein Lichtschalter, den man umlegen kann", sagt er, "man kann es lernen, wenn man übt". Und Ackerman hat sehr viel Übung darin.

Verantwortlich dafür zeichnet sein Vater. Der hat den Traum, das Innenleben eines Serienkillers zu erforschen. Er experimentierte deshalb einst an seinen eigenen Kindern, nahm chirurgische Eingriffe an deren Gehirnen vor, allen voran an dem von Francis Ackerman Junior. "Er wollte beweisen, dass er ein ganz normales Kind in einen mörderischen Psycho verwandeln kann, indem er dessen Hirn manipuliert und die Regionen, die für Angst und Schmerz zuständig sind, stilllegt", so Ackerman jr, weiter. Er ist der Beweis, dass die Experimente erfolgreich waren. Ackerman Jr. ist der meistgesuchte und gefürchtetste Serienkiller der USA. Francis Ackerman jr. ist das abgrundtief Böse - und tot, auf dem Papier und damit für die breite Öffentlichkeit.

Unter dem Namen Frank(lin) Stein arbeitet er nun für das FBI. Inoffiziell versteht sich. Er soll den US-Behörden helfen, andere Serienkiller aufzuspüren und ihnen das Handwerk zu legen. Lebendig? Okay. Tot? Auch gut. Für Ackerman jr. alias Stein ist Letzteres immer die bevorzugte Variante.

Als nahe Roswell dann verkohlte menschliche Leichen auftauchen und festgestellt wird, dass diese zudem vor dem Eintreten des Todes seziert worden sind - aufgeschnitten, wieder zugenäht, das Ganze ohne Narkose -, wird Stein in die bekannte Ufo-Gegend geschickt und soll für Aufklärung sorgen. Obwohl Stein den Alleingang bevorzugt, wird ihm die junge, aufstrebende FBI-Agentin Nadia Shirazi zur Seite gestellt. Sie glaubt alles über Ackerman jr. zu wissen, forschte sogar über ihn und seine Beweggründe zu morden. Aber nun an der Seite dieses "Monsters" (Shirazi) merkt sie schnell, dass nicht alles schwarz und weiß ist, sondern es dazwischen jede Menge Graustufen gibt.

The truth is out there

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"Die Stimme des Zorns" ist als Taschenbuch bei Lübbe erschienen.

(Foto: Lübbe)

Auf den ersten Blick gibt es zwischen den bisherigen Opfern, drei Frauen und zwei Männer, keinerlei Gemeinsamkeiten. Als dann jedoch eine bekannte Schriftstellerin entführt wird, die zudem vorgibt, einst von Außerirdischen entführt worden zu sein, gewinnt der Fall an Brisanz. Die Medien gehen steil, die Mordserie wird "The Alien" zugeschrieben und gefragt, ob es sich dabei wirklich um einen Menschen handeln könne.

Für Stein gibt es daran keinen Zweifel. Und so wird unkonventionell ermittelt - und das heißt: blutige Nasen, gebrochene Arme, Waffengewalt und verbale Einläufe für Stein von Partnerin Shirazi. Der lässt alles über sich ergehen und streift die Kritik an seiner Vorgehensweise mit einem müden Lächeln ab: "Wenn normale Menschen die Beherrschung verlieren, wird meist nur jemand verdroschen oder in seinen Gefühlen verletzt. Wenn aber ich die Beherrschung verliere, schrumpft die Bevölkerung."

Und das tut sie dann auch in der Region um Roswell im weiteren Verlauf des neuen Thrillers "Die Stimme des Zorns" von Bestsellerautor Ethan Cross. Der kleckert auch bei seinem neuesten Roman, dem Start der Ackerman-jr.-Shirazi-Reihe, nicht, sondern klotzt - und zwar gewaltig: Mikrowellenwaffen, schwere Biker-Jungs, Alien-Verschwörungstheorien, Sektengewalt, Kindesmissbrauch und am Ende das unverzichtbare Happy End.

Sympathy for a serial killer

Gekonnt wie bei der vorherigen Thriller-Serie, der "Shepherd"-Reihe. Darin spielte Ackerman jr. auch bereits eine Schlüsselrolle, gemeinsam mit seinem Bruder. Nun ist Ackerman jr. der alleinige Hauptprotagonist, Shirazi nur ein liebenswerter Sidekick, eine Frau, mit der "Stein" rumfrotzeln kann. Cross' Augenmerk liegt wie gehabt auf dem Serienkiller, der gewissermaßen die Seiten gewechselt hat, aber nichtsdestotrotz weiterhin ein Psychopath ist - mit einem IQ von 165. Das macht die Figur des Ackerman jr./Stein für die Leser so interessant.

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Die Stimme des Zorns: Thriller (Die Ackerman & Shirazi-Reihe, Band 1)
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Schwarzer Humor, pointierte Dialoge, Diskussionen über Musikgenres, ein Hohelied auf die Grunge-Götter Nirvana, ein süffisanter Seitenblick auf die Alienomanie in und um Roswell und immer wieder Rückblicke in die Kindheit von Francis Ackerman jr. Kleine Häppchen jeweils, die den Leser erschaudern lassen. Wie viel kann ein Kind ertragen, bevor bleibende Schäden auftreten? Eine Frage, auf die man als normaler Mensch keine Antwort haben will, ja nicht einmal Antwortversuche. Cross liefert sie dem Leser aber auf dem Silbertablett - und sorgt so dafür, dass die Sympathie für Ackerman jr. wächst und immer größer wird. Auch das lässt frösteln.

Abhilfe schaffen einige Twists, die vor allem am Ende die Spannung hochhalten und den Cross'schen Neuling "Die Stimme des Zorns" zum Pageturner allererster Güte machen. Man darf gespannt sein, wie die Reihe fortgesetzt wird und vor allem, wie sich die ungleichen Partnerschaft mit Agentin Shirazi weiter entwickelt. Gefühle sind ja bekanntlich nicht so das Ding von Francis Ackerman Junior.

Quelle: ntv.de