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Bourgeoises Getue ohne Zukunft? Cunards "Negro", erschreckend aktuell

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Nancy Cunard mit dem Maler John Banting (l.) und Taylor Gordon, einem Schriftsteller, vor dem Hotel in Harlem, das sie vor die Tür gesetzt hat.

(Foto: imago stock&people)

"Auf ein kommunistisches Harlem in einem kommunistischen Amerika", fordert die reiche Nancy Cunard in den 1930er-Jahren - und dass die Gedanken in der Anthologie "Negro" so modern klingen, bedeutet doch nur, dass sich erschreckend wenig verändert hat.

Vor über 100 Jahren, 1919, wurde ein junger Schwarzer von einem Badestrand bei Chicago vertrieben, weil es den Herrschaften dort nicht passte, dass ein "Neger" unter ihnen ist und sich die Zeit - genau wie sie - vertreibt. Der junge Mann wird von einem der vielen Steine, die auf ihn geworfen werden, am Kopf getroffen und so schwer verletzt, dass er ins Wasser fällt und ertrinkt. Die anwesende Polizei unternimmt nichts. Die anschließenden Rassenunruhen, die ersten dieser Art in den USA, fordern 40 Todesopfer. Zwar ist man Schlägereien zwischen Iren und Italienern gewohnt, einzelne Attacken auf Afroamerikaner, Chinesen und Juden ebenso, aber diese Art der Auseinandersetzung ist neu.

Das ist wie gesagt über 100 Jahre her. Und nur wenig scheint sich geändert zu haben: Noch immer gibt es Menschen, die sich für besser befinden als andere, die meinen, sie könnten einfach drauflosschlagen, schießen, stechen, töten, wenn ihnen eine Person nicht passt. Wenn eine Person nicht ist wie sie. Vor über 100 Jahren also fingen PoC (People of Colour) an, sich endlich zu wehren, gegen ihre Unterdrücker aufzubegehren. Noch immer jedoch werden Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder sexuellen Orientierung zu Zielscheiben von Gewalt. Der grausame und vollkommen unnötige Tod von George Floyd ist nur ein Beispiel von vielen, aber er machte im Mai 2020 überdeutlich, welcher Willkür Menschen, die nicht in das Bild anderer passen, ausgesetzt sind. Vier weiße Polizisten waren daran beteiligt, dass George Floyd keine Luft mehr bekam ("I can't breathe"). Man sollte meinen, dass Menschen gelernt hätten. Haben sie aber nicht.

Rassenschranken überall

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Britische Schriftstellerin, Verlegerin, Gesellschaftsaktivistin, einzige Tochter einer wohlhabenden Schifffahrtsfamilie. Ihr Erbe setzte sie für den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten ein.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Wenn man "Negro" aufschlägt, veröffentlicht bereits 1934 von Nancy Cunard, einer Erbin, Poetin und Exzentrikerin, dann hält man eine außergewöhnliche, so vorher noch nie dagewesene Sammlung an Essays, Lyrik und Musik überwiegend schwarzer Künstler in den Händen, die erstaunlich aktuell wirkt. Das ist in dem Fall nichts Gutes, bedeutet es doch, dass sich für Menschen afrikanischen, afroamerikanischen und karibischen Ursprungs nur wenig geändert hat.

Herausgeber dieser überarbeiteten Anthologie ist Karl Bruckmaier, Musikjournalist und Kulturpublizist, der sich während seiner Karriere schon viel mit schwarzer Kultur auseinandergesetzt hat. Die Person Nancy Cunards hat ihn so fasziniert, dass er sich, nicht ohne Kritik an ihrer Person, darangesetzt hat, das Werk zu überarbeiten. Er beschreibt das folgendermaßen: "Das intellektuelle It-Girl Nancy verliebt sich 1926 in einen schwarzen Pianisten namens Henry Crowder. Ihre bis dahin ästhetische Vorliebe für etwas, das sie 'Afrika' nennt, nimmt quasi Gestalt an. Als sie mit Crowder nach England reist, trifft sie auf ortsübliche und zeittypische rassistische und Klassen-Ressentiments, die sie so erbosen, dass sie mit dem Fuß aufstampft und beschließt, es diesen rückständigen Oberschichttrotteln in ihrer Heimat zu zeigen. Und ihrer doofen Mutter im ganz Besonderen. Da sie in Literaten- und Künstlerkreisen verkehrt, soll es eben ein Buch sein, in dem weiße wie schwarze Künstler in eine Art ästhetischen Zeugenstand treten."

Nancy widmet das Buch ihrem Lover, "Meinem ersten Freund unter den Schwarzen", nur, damit er, Crowder, später ein Buch nach ihrer Trennung schreiben kann, das vor Abneigung und Häme über die neun gemeinsam verbrachten Lebensjahre nur so trieft. Glücklicherweise kamen die Memoiren des Herrn erst 1987 in die Bücherregale, da lag Nancy bereits über 20 Jahre unter der Erde. Auch Bruckmaier geht mit der verwöhnten Erbin hart ins Gericht: "Die Texte selbst beschönigen nichts - außer jene von Nancy Cunard vielleicht, die meist nur sehen und erleben will, was ihr in den Kram passt." Dafür allerdings fasst sie die Zustände in den USA mit einer Mischung aus Leichtigkeit, Unbekümmertheit, Schnoddrigkeit, aber auch Wahrhaftigkeit zusammen, die genau so aktuell wirkt wie die Probleme, um die es geht: "Und dieser Snobismus in Sachen Hautfarbe wirkt ansteckend: Menschen mit brauner oder gar heller Haut blicken heute durch die Bank auf die wirklich Schwarzen herab. Was für ein bourgeoises Getue ohne jede Zukunft!" Wenn sie gewusst hätte ...

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Nancy Cunards Negro
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Schließlich besaß Cunard genügend Größe, auch extrem unterschiedliche Ansichten in ihrem "Negro" zu vereinen." Bruckmaier schreibt: "Cunard selbst lässt uns das Harlem um 1930 erleben, und was sie über Musik, Live-Auftritte, Spannungen zwischen den Schwarzen etc. erzählt, wirkt unglaublich aktuell - als wäre es das Szenario, in dem (..)  ein mittelalterlich anmutender Mahlstrom menschlicher Grausamkeit, der angesichts der auch heute wieder paradierenden Klan-Mitglieder und der Skrupellosigkeit eines mit ihnen sympathisierenden Donald Trump, angesichts der 'Black Lives Matter'-Bewegung und der Rassenunruhen wie eine Warnung vor einer dystopischen Zukunft wirkt." Und er fasst zusammen, wovor sich jeder Trump-Gegner fürchtet: "Solange nicht die Defizite zwischen den Gesellschaftsschichten, den Ethnien und den Religionen benannt und erkannt werden, wird sich Amerika nur weiter von Rassenunruhe zu Rassenunruhe schleppen. Und die Menschen, speziell wenn sie in ihren jeweiligen gedanklichen wie physischen Gettos verharren, bleiben sich fremd."

"Das Leben, mein Leben - aus Afrika einst kam es"

Nancy Cunard mag nicht die größte Schriftstellerin, vielleicht sogar nicht einmal die größte Menschenfreundin gewesen sein, denn zu leicht war sie gelangweilt, zu schnell hat sie sich, wenn etwas nicht geklappt hat, dem nächsten Thema zugewandt. Aber sie hatte wohl eine fast kindliche Art, ihre Empathie für die Sache der Schwarzen auszudrücken. Gefragt, warum das so ist, warum die reiche, weiße Frau sich für die Belange der Schwarzen so interessiere, schrieb sie:

"Mein Freund, wenn Wellen schwer das Schiff zur Seite legen,
den Kapitän dies nicht aus seiner Ruhe bringt.
Er weiß, an Land die Melodie ganz anders klingt,
weil dort zur Stund’, nach einem ersten starken Regen,
ein jeder Halm und jeder Baum weiß um seine Frucht.
Ahnst du mit ihm den geheimen Plan? Dass keiner,
auch nicht der Geringste all der Brüder meiner,
sich darum sorgen muss, dass die Natur ihn hat verflucht?
Gut, das Leben scheint ein Kampf - was soll ich lieben
den Sklaven, verscharrt nach ungezählten Hieben
den Sohn, die Tochter eines dunklen, fremden Stammes?
Doch ruht ein Wissen tief in meinem Innern,
weiß meine Seele durch ein ewiges Erinnern:
Das Leben, mein Leben - aus Afrika einst kam es."

Und so kommen in "Negro" nicht nur renommierte Soziologen wie W.E.B. Du Bois, der in Berlin und Harvard studierte und dessen Ideen maßgeblich die Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre beeinflusste, zu Wort, sondern auch Unbekannte, Frauen und Underdogs, Boxer, linksradikale Publizisten, Dichter und Politaktivisten, Söhne von Stammesfürsten und Komponisten. Mehr Querschnitt geht nicht, aktueller erschreckenderweise leider auch nicht. Es lohnt, das Buch wie ein Nachschlagewerk zur Hand zu haben, sich die einzelnen Geschichten der einzelnen Menschen, der einzelnen Leben, mit Zeit und Ruhe durchzulesen und ihnen näherzukommen.

Quelle: ntv.de