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"Eingeladen zum Judenschießen" Die Plaudereien der Wehrmachtssoldaten

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Deutsche Infanteristen im Oktober 1941 in der Sowjetunion.

AP

Eigentlich war es doch ein großes Abenteuer. Da konnten die Männer schießen, jagen, plündern, vergewaltigen - ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Der ganze Zweite Weltkrieg, so erscheint es zumindest in nun veröffentlichten Abhörprotokollen von Soldaten der Wehrmacht, war ein "Mordsspaß".

Für manche war es die schönste Zeit ihres Lebens: "Es kam mir immer so vor, wenn wir am Geleitzug waren, wie ein Wolf in eine Herde Schafe, die strengstens bewacht wird durch ein paar Hunde. Die Hunde sind die Korvetten und die Schafe sind die Schiffe, und wir wie Wölfe immer rum, bis wir eine Durchschlucht gefunden haben, reingestoßen, abgeschossen und wieder raus. Das Schönste, was es gibt, ist die Einzeljagd."

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Für die deutschen Bomber vor allem ein großartiges Schauspiel: Die brennende St-Paul's Cathedral in London.

(Foto: AP)

Der da so redet, ist Wolf-Dietrich Danckworth, Leutnant zur See. Für ihn ist die Jagd allerdings beendet, im März 1943 sitzt er bereits in einem alliierten Kriegsgefangenenlager und kann sich über die erquicklichen Seiten des Krieges mit anderen deutschen Gefangenen nur noch in der Rückschau austauschen. Dabei wird er - was er jedoch nicht weiß - von versteckten Mikrofonen abgehört: Überwachungsoffiziere belauschen seine Plaudereien und protokollieren Wort für Wort. Danckworth ist nicht der einzige. Tausende gefangene deutsche Soldaten aller Waffengattungen und Ränge wurden von britischen und US-amerikanischen Offizieren in Speziallagern systematisch abgehört - nun haben der Historiker Sönke Neitzel und der Sozialpsychologe Harald Welzer die Abhörprotokolle erstmals in ihrem Buch "Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" zusammengefasst.

Was die Autoren beschreiben, ist schauerlich und erhellend gleichermaßen. Denn es zeigt in aller Offenheit ein Bild des Krieges aus der Sicht deutscher Soldaten, das wir in einer solchen unverblümten Deutlichkeit bislang nicht kennen. Schönten die Männer doch gewöhnlich in Frontbriefen und späteren Erzählungen oder Memoiren ihre Kriegseindrücke, wenn sie nicht gleich in partielle Amnesie verfielen. Doch in der Gefangenschaft, oft noch frisch unter dem Eindruck des Krieges und inmitten der Kameraden, redeten sie offen: über Treibjagden, Plünderungen, Vergewaltigungen - und die Riesengaudi, die sie dabei hatten.

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Ein US-Soldat bewacht deutsche Kriegsgefangene in der Normandie.

"Was uns in die Quere kam, so Villen auf einem Berg, waren die schönsten Ziele. Wenn man so von unten anflog, dann wupps, so ringehalten, dann rasselten die Fenster und oben das Dach ging hoch", erinnert sich beispielsweise ein Flieger an den Luftkrieg gegen England. "Da war mal Ashford. Auf dem Marktplatz, da wurde eine Versammlung gehalten, Haufen Leute, Reden gehalten, die sind vielleicht gespritzt! Das macht Spaß!" Ein Oberstleutnant der Luftwaffe schwelgt im Jahr 1940: "Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt einem ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen."

Nicht nur Marine und Flieger gingen ihrem Jagdeifer mit ungetrübter Freude nach, ohne zwischen militärischen und zivilen Zielen zu unterscheiden. Auch die Infanterie schoss auf Zivilisten, wobei es nicht besonderer Gründe bedurfte. So erzählt ein Soldat im Januar 1945: "Ich habe einen Franzosen von hinten erschossen. Der fuhr mit dem Fahrrad." Auf die Frage eines anderen Soldaten, ob denn der Franzose ihn gefangen nehmen wollte, antwortet er nur lapidar: "Quatsch. Ich wollte das Fahrrad haben."

Bordelle, Tripper, Syphilis

Auch sonst zeigte der Krieg für die Männer zufriedenstellende Seiten. "In Warschau haben unsere Truppen vor der Haustür Schlange gestanden. In Radom war der erste Raum voll, während die LKW-Leute draußen standen. Jede Frau hatte in einer Stunde 14 bis 15 Mann. Sie haben da alle zwei Tage die Frau gewechselt." Fachmännisch simpeln die Männer über Frauen und Bordelle, Tripper und Syphilis. "Das ganze Bordeaux ist ein einziger Puff", so ein Soldat. "Da ist der Ruf der Französinnen der schlimmste."

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Ein Deutscher in Belgien.

Bisweilen wurden die ständigen Gespräche über Frauen auch den Abhöroffizieren zu viel. Dann findet sich in den Protokollen nur die lakonische Notiz: "18.45 (h) Women, 19.15 Women, 19.45 Women, 20.00 Women".

Nicht alle Wehrmachtssoldaten zahlten für ihr Vergnügen. "Ich muss sagen, wir waren manchmal in Frankreich gar nicht so anständig. Ich habe in Paris gesehen, wie unsere Jäger mitten in einem Lokal Mädels gepackt haben, über den Tisch gelegt und - fertig! Verheiratete Frauen auch", erinnert sich ein Soldat. Noch schadloser hielten sich Wehrmachtssoldaten im Ostfeldzug. Durchaus missbilligend erinnert sich Hauptmann Reimbold im März 1945 an Tischgespräche in einem Offizierslager: "Ach, da haben wir eine Spionin geschnappt, die in der Gegend herumgelaufen ist. Und da haben wir ihr zuerst mit einem Stecken auf die Äppelchen gehauen, dann haben wir ihr den Hintern verhauen mit dem blanken Seitengewehr. Dann haben wir sie gefickt, dann haben wir sie rausgeschmissen, dann haben wir ihr nachgeschossen, da lag sie auf dem Rücken, da haben wir (mit) Granaten gezielt. Und jedes Mal, wenn wir in die Nähe trafen, hat sie aufgeschrien. Zum Schluss ist sie dann verreckt und wir haben die Leiche weggeschmissen."

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Eine Frau flieht während eines Pogroms in Lwow.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wenn es um sexuelle Gewalt ging, handhabten die Soldaten etwaige ideologische Überzeugungen durchaus flexibel. So erzählt Generalmajor Walter Bruns missbilligend: "Von wegen Rassereinheit: In Riga haben sie zuerst rumgevögelt und dann totgeschossen, dass sie nicht mehr reden konnten."

In aller Offenheit schildern die Soldaten, wie sie Frauen "gehackt" und im Anschluss umgebracht haben. "Ist eben Pech gewesen, musste mit dran glauben", heißt es dann unverblümt. In völliger Missachtung der Situation wurde dann oft genug noch das Opfer beschuldigt: "Da hat sie sich zur Hure machen lassen!"

"Dann durfte jeder einen Juden totschießen"

Auch wenn das Reden über Frauen einen Großteil der Gespräche ausmacht, zeigt sich doch in den Protokollen auch: Die Soldaten wussten - entgegen vieler späterer Beteuerungen - sehr früh Bescheid über die Vernichtung der Juden und waren oftmals selbst an Massenerschießungen und Vergasungen beteiligt. In den Ostgebieten gab es einen regelrechten "Erschießungstourismus": "Die SS hat eingeladen zum Judenschießen", berichtet etwa Oberstleutnant von Müller-Rienzburg von der Luftwaffe. Die ganze Truppe sei mit Gewehren hingegangen. "Hat jeder sich aussuchen können, was für einen er wollte."

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Ein deutscher Soldat erschießt einen ukrainischen Juden bei einer Massenexekution in Vinnitsa.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In der Langeweile des Kriegsalltags wurden die Erschießungen zu Attraktionen, zu denen die Soldaten wie zu einem Schulausflug aufbrachen. So erzählt Oberstleutnant August Freyherr von der Heydte - der allerdings mit der Geschichte nichts zu tun und nur aus zweiter Hand davon erfahren hatte - was ihm sein Regimentskamerad Oberstleutnant Georg Freiherr von Böselager berichtet hatte. Damals sei man nach dem Essen mit dem Wagen rausgefahren und "da lagen Schrotbüchsen da, normale Büchsen, und standen 30 polnische Juden da. Dann wurde den Gästen je eine Büchse gegeben, und dann wurden die Juden vorbeigetrieben, und dann durfte jeder einen Juden totschießen mit Schrot. Anschließend bekamen sie einen Gnadenschuss."

Allerdings nicht immer stoßen die Massenexekutionen auf ungeteilte Zustimmung. Teilweise missbilligen die Soldaten die Art und Weise der Massenmorde. Wenn stundenlang das Blut spritzt, die Gruben voll sind, Kinder vor den Gewehrläufen zappeln, macht das auch den abgebrühtesten Landsern nicht mehr viel Spaß - trotz Zulagen und doppelter Essensration. Auch die Nähe von Massenerschießungen zu Siedlungen und die mögliche Verunreinigung des Grundwassers bereiten manchen Verantwortlichen Kopfschmerzen.

Gelegentlich gibt es auch gerade unter den höheren Dienstgraden Kritik an den Morden selbst, sei es aus tatsächlicher Empathie und Entsetzen, sei es aus Sorge um den Ruf Deutschlands. "Das haben wir doch auch geschafft, dass der Ruf des Soldaten und des Deutschen völlig versaut worden ist", empört sich Generalleutnant Freiherr von Broich. "Die Leute sagen ja: 'Ihr führt auch die Befehle aus, alles, wenn da Leute erschossen werden, ob das zu Recht ist oder Unrecht ist usw.' Gegen Spione erschießen hat kein Mensch was, aber wenn ganze Dörfer, wenn die ganze Bevölkerung, die Kinder ausgerottet, die Leute verschickt werden, wie in Polen und Russland, ja Gott, das kann man sagen ist reiner Mord, das ist genauso wie es früher Hunnen gemacht haben."

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Russische Kriegsgefangene 1941 auf dem Weg in ein Lager.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Broich ist einer der wenigen Soldaten, die sich auch über den sogenannten Kommissarbefehl, nach dem sowjetische Kommissare ohne Verhandlung zu erschießen sind, aufregen. "Das Erschießen der Kommissare - in keinem Kriege habe ich irgendetwas, außer im wüsten Altertum, feststellen können, dass solche Befehle von oberster Stelle gegeben werden." Immerhin stößt die Behandlung der Millionen russischen Kriegsgefangenen - von denen rund die Hälfte in deutschen Lagern starb - öfter auf Missbilligung. Vielleicht trägt die eigene, vergleichsweise komfortable Gefangenschaft zu mehr Verständnis bei. So empört sich Oberleutnant Verbeek: "Wissen Sie, wie viele russische Gefangene im Winter '41/'42 in Deutschland kaputtgegangen sind? Zwei Millionen, regelrecht krepiert, kriegen nichts zu fressen. Eingeweide von Tieren haben sie denen aus dem Schlachthof ins Lager gefahren zum Auffressen."

"Wir waren ja viel zu weich"

Doch selbst wenn Soldaten das Morden und Plündern kritisieren: Nur ganz selten gestehen sie eigene Schuld ein. Meist nehmen sie die Rolle des unbeteiligten Zuschauers sein, der doch nichts ändern konnte. Im Zweifelsfall waren es die Angehörigen von der SS "mit ihrem ungebremsten Geschlechtstrieb", denen sie alle Schuld geben - ein Muster, das sich über Jahrzehnte halten sollte.

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Aufgehängte Zivilisten nahe Smolensk.

(Foto: AP)

Unter den selbstkritischen Stimmen gibt es allerdings auch welche, die eine ganz andere Saite anschlagen: "Man darf ja das nicht laut sagen, aber wir waren ja viel zu weich", klagt am 6. Mai 1945 Generalleutnant Maximilian Siry. "Wir sind da jetzt in der Flasche mit den ganzen Grausamkeiten. Hätten wir aber die Grausamkeiten hundertprozentig durchgeführt - die Leute restlos verschwinden lassen, dann würde kein Mensch was sagen. Nur diese halben Maßnahmen, das ist immer das Falsche."

Die Abhörprotokolle der Soldaten zeigen, was schon die Wehrmachtsausstellung in den 90er Jahren klarstellte: Die "saubere Wehrmacht" gab es nicht. Wie die SS-Angehörigen haben deutsche Soldaten gemordet, geplündert, vergewaltigt. Haben Dörfer niedergebrannt, Kinder und Babys massakriert, ganze Landstriche voller Lust verwüstet. Es ist ein erschreckendes Bild, das sich bietet - umso mehr, als die meisten in den Protokollen überlieferten Gespräche offenbar sehr authentisch die Gefühlswelt der Soldaten widerspiegeln. Selbst dann, wenn gelegentlich übertrieben worden sein mag, zeigt es doch auch, womit man damals Eindruck schinden konnte und dass die Vernichtungsaktionen, Vergewaltigungen und Morde fast nie auf Verwunderung stießen.

Die "Anständigkeit" im Krieg

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Sowjetische Kämpferinnen fallen noch mehr als Rotarmisten Exzesstaten zum Opfer.

(Foto: AP)

Das Buch "Soldaten" erklärt aber auch, was Harald Welzer schon in seinem Werk "Täter" herausarbeitete: Warum normale Menschen töten können, warum sie sich für Taten entscheiden, die im zivilen Leben auch noch Mitte der 30er Jahre undenkbar gewesen wären. Und es erklärt, warum so viele Soldaten um ihren Ruf besorgt waren und darauf beharrten, trotz der Schrecken des Krieges "anständig" geblieben zu sein. Die Tötung von Partisanen erschien beispielsweise damals nur den wenigsten als Kriegsverbrechen, galten diese doch nicht als reguläre Kombattanten. Ähnlich wie die "Flintenweiber", die russischen Soldatinnen, die meist gleich erschossen wurden - oder je nach Laune erst noch vergewaltigt.

Selbst die Massenvernichtung der Juden passte durchaus in die Moralvorstellungen der Täter. War doch die nationalsozialistische Moral eine völlig andere als die christlich-abendländische - ganz so wie Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß es beschrieben hatte: Man machte, auch wenn es hart war, die "Drecksarbeit", weil sie gemacht werden musste. Und die Anständigkeit des SS-Führers Heinrich Himmlers bezog sich halt auf den vermeintlich höheren Zweck. Man tötete nicht, um sich individuelle Vorteile zu verschaffen, sondern um der Sache zu dienen.

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"Existenz in der Hölle": Soldaten bei ihrer Arbeit.

(Foto: AP)

Das Buch "Soldaten" macht auch klar, dass trotz aller Ideologie die Wehrmachtssoldaten vor allem von ihrem konkreten Umfeld beeinflusst wurden: der Truppe und der alltäglichen Zerstörung. Die Kameradschaft unter den Männern gab ihnen ein Gefühl des Aufgehobenseins und beseitigte jeden Ansatz zur Selbstverantwortung. "Unsere Kameradschaft entstand aus zwingender Abhängigkeit voneinander, dem Zusammenhausen auf engstem Raum. Unser Humor wurde aus Schadenfreude, Galgenhumor, Satyre, Zoten, Bissigkeit, Wutgelächter und einem Spiel mit Toten, verspritzten Gehirnen, Läusen, Eiter und Exkrementen geboren, dem seelischen Nichts", schreibt der ebenfalls im Buch "Soldaten" zitierte Deutsche Willy Peter Reese noch während des Krieges. "Wir hatten keinen Glauben, der uns trug, und alle Filosofie diente nur, das Los erträglicher anzuschauen. Dass wir Soldaten waren, genügte zur Rechtfertigung von Verbrechen und Verkommenheit und genügte als Basis einer Existenz in der Hölle."

Die Gründe des Krieges waren letztlich gleichgültig und die Wehrmachtssoldaten machten - mal mehr, mal weniger willig - das, was ihre Arbeit war: Gehorchen und Töten.

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Quelle: n-tv.de

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