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Batman, Yakuza und Riesen Die Welt zergeht in Dunkelheit

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"Ich töte Riesen", sagt Barbara und erntet dafür Gelächter (aus: "I Kill Giants").

(Foto: Splitter Verlag 2018)

Vergessen Sie den Sommer. Diese Comics mit ihren düsteren Weltbildern stimmen auf die dunkle Jahreszeit ein. Nicht nur Batman und Yakuza-Chefin Ryuko müssen sich dabei ihren Gegnern stellen. Den schlimmsten Feind hat die elfjährige Barbara.

Kennt ja jeder: seltsame Klassenkameraden, Außenseiter, Spinner. Dabei weiß man in den seltensten Fällen, was dahintersteckt. Etwa bei Barbara. Gerade hat die Elfjährige wieder mal in der Klasse verkündet, dass sie Riesen jagt und tötet. Kein Wunder, dass sie ausgelacht wird. Mit Freunden hat sie es aber ohnehin nicht so. Selbst die, mit denen sie mit Vorliebe Dungeons & Dragons spielt, sind ihr im Grunde egal, so wie Sophia, die gerade erst in die Gegend gezogen ist. Viel lieber versenkt sich Barbara in ihr Buch über Riesen. Oder sie pflegt ihren mächtigen Kriegshammer, den sie immer bei sich trägt. Schließlich muss einer ja die Stadt vor der Rückkehr der Riesen schützen.

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I Kill Giants
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"I Kill Giants" (Leseprobe) von Autor Joe Kelly und Zeichner Ken Niimura ist auf den ersten Blick ein Comic über ein seltsames Mädchen, garniert mit ein paar Fantasy-Anleihen. Doch er wandelt sich nach und nach zu einem bedrückenden Drama über die Ängste einer Elfjährigen. Über Ängste allerdings, die in uns allen schlummern. Barbaras Besessenheit für Riesen ist natürlich nur Ausdruck eines ganz anderen Problems, das aber nicht minder groß ist und langsam enthüllt wird.

Der vielfach ausgezeichnete Band, der inzwischen auch mit Zoe Saldana verfilmt wurde, besticht aber nicht nur durch seinen tragikomischen Ton, der den Leserinnen und Lesern eine Gefühlsachterbahn beschert. Gerade der unruhige Seitenaufbau mit seinen dynamischen Actionsequenzen spiegelt das Gefühlschaos von Barbara, ihr emotionales Auf und Ab geschickt wider. Immer wieder wechselt Niimura zwischen der realistischen Darstellung des Alltags und expressiven Fantasy-Szenen, bis die Spannung in einer stürmischen Katharsis aufgelöst und man auch bei der Lektüre ganz von Emotionen ergriffen wird.

Ein Mädchen zwischen Monstern

Noch etwas jünger als Barbara ist Shiva. Auch sie lebt in einer Fantasy-Welt, die streng geteilt ist in hell und dunkel, in einen menschlichen Teil und einen von verwunschenen Fabelwesen. Shiva lebt im dunklen Teil, in einem großen Wald, umgeben von unheimlichen Gestalten. Verwunschen ist sie jedoch nicht, sie ist ein Mensch. Aber ihr Mitbewohner, den sie nur "Doktor" nennt, ist ein düsteres Wesen mit Hörnern. Er kümmert sich rührend um das Mädchen. Berühren darf Shiva ihn aber nicht, sonst wird auch sie verzaubert, wird zur finsteren Gestalt, wie Doktor immer wieder erklärt. Nur langsam enthüllt die Geschichte, dass Shiva jedoch ein gut gehütetes Geheimnis umgibt, das beide Teile der Welt, hell und dunkel, miteinander verbindet.

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Siúil, a Rún - Das fremde Mädchen 01
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 "Siúil, a Rún" (Leseprobe) ist nicht nur der Titel dieses Mangas von Nagabe, sondern auch eines traditionellen irischen Songs, den man mit "Geh, meine Liebe" übersetzen könnte. Entsprechend dürften auch irische Fabelwesen den Künstler inspiriert haben zu dieser märchenhaften Comicreihe. Sehr behutsam erzählt Nagabe seine Geschichte, sehr langsam erfährt man mehr über die Zusammenhänge, über den Grund für die Verwünschungen und über Shivas Rolle. Das braucht durchaus Geduld und mehrere der bisher vier erschienenen Bände. Entschädigt wird man jedoch durch die großartigen, ausdrucksstarken Zeichnungen, die den Kontrast zwischen hell und dunkel, zwischen Reinheit und Finsternis gekonnt betonen, durch ihr Nebenher aber gleichzeitig eine humanistische Botschaft vermitteln. Der Verlag empfiehlt die Reihe ab 15 Jahren.

Hat Batman eine Tochter?

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Der Joker hat Übles vor und lässt sich auch nicht von Catwoman aufhalten.

(Foto: Marini / Paninicomics 2018)

Geht es um düstere Gestalten, darf natürlich einer nicht fehlen: Batman. Vorstellen braucht man ihn nicht mehr, seit fast 80 Jahren gibt es ihn als Superheld im Comic, seit Jahrzehnten als Fernseh- und Kinofigur. Viele Wandlungen hat er seither durchgemacht und entsprechend kritisch wird auch jede Neuinterpretation bewertet. Enrico Marini legt nun mit "Batman: Der dunkle Prinz" (Leseprobe) eine elegant gezeichnete, trotzdem aber bissige Version vor. Bissig vor allem, weil mit dem Joker einer der unheimlichsten, aber auch beliebtesten Gegenspieler dabei ist, den Marini als grausamen Psychopathen interpretiert.

Zusammen mit seiner Bande entführt der Joker ein kleines Mädchen, das die Tochter von Bruce Wayne sein soll. Er fordert ein hohes Lösegeld. Keine Frage: Wayne wirft sich umgehend sein Cape über und versucht, dem Halunken, der Harley Quinn im Schlepptau hat, das Handwerk zu legen. Keine einfache Sache, denn die Frage, ob er tatsächlich eine Tochter hat, nagt am dunklen Rächer.

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Batman: Der Dunkle Prinz
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Marini selbst bezeichnet sein Werk als "crime noir". Und tatsächlich ist es in erster Linie eine brutale Gangstergeschichte, die er mit vielen Rückblenden und Sprüngen erzählt - und die hin und wieder etwas zu ausschweifend gerät. Lohnend ist sie vor allem wegen der Zeichnungen, die nichts von der übertriebenen Dynamik manch amerikanischer Batman-Storys hat. Stattdessen bleibt Marini auch noch in den angenehm zurückhaltend eingesetzten Actionszenen realistisch. Stellenweise gelingen ihm großartig komponierte Sequenzen, in denen die detailliert gestalteten Hintergründe hervorstechen. Etwa durch die Darstellung der Architektur strahlt "Der dunkle Prinz" eine Nostalgie aus, die durch die gedeckte Kolorierung noch unterstrichen wird. Die braunen und graublauen Farben werden nur durch einige Sequenzen mit dem Joker durchbrochen, die knallbunt gestaltet sind. Fans der Batman-Filme mit Christian Bale können hier jedenfalls bedenkenlos zugreifen. "Der dunkle Prinz" erschien ursprünglich in zwei separaten Alben, ist inzwischen aber auch als Sammelband erhältlich.

Eine Seite blutiger als die andere

Wesentlich rasanter als bei Marini geht es bei Eldo Yoshimizu zu. Seine Manga-Reihe "Ryuko" (Leseprobe) handelt von der titelgebenden Yakuza-Chefin, die zunächst im Mittleren Osten ihr Unwesen treibt, dann aber nach Japan zurückkehrt. Sie will ihre Mutter wiederfinden, die anders als gedacht doch nicht tot ist, sondern einst entführt wurde. Allerdings stellen sich Ryuko und ihren Verbündeten verfeindete Gangster in den Weg. Und so zieht die Titelfigur eine ordentliche Blutspur hinter sich her. An Action mangelt es bei dieser Serie nun wirklich nicht. Im Grunde zieht Ryuko von einem Gefecht ins nächste und kaum eine Seite kommt ohne Schüsse oder gezückte Schwerter aus.

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Ryuko 1 (1)
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Entsprechend dynamisch, ja geradezu überdreht sind die Zeichnungen, die von realistischen Darstellungen über collagenartige Seiten bis zu abstrakten Verzerrungen alles zu bieten haben. Kein Wunder: Yoshimizu ist bisher vor allem als erfolgreicher bildender Künstler bekannt. Für seine erste Manga-Reihe zieht er nun alle Register. Bei aller graphischen Finesse geraten allerdings manche Actionsequenzen so konfus, dass man schnell mal den Faden verlieren kann. Dafür punktet der Band mit düsterer Stimmung, die ein ordentliches Noir-Gefühl aufkommen lässt. Dazu passen auch die taffen weiblichen Hautfiguren. Wobei einige Darstellungen doch arg sexistisch geraten. Wer zieht schon im Bikini in die Schlacht? Bisher ist der erste von zwei Bänden von "Ryuko" erschienen, der Verlag empfiehlt die Serie ab 16 Jahren.

Eine grausame, barbarische Welt

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Die Söhne suchen einen Lesenden, lernen aber die Welt von ihrer schlechtesten Seite kennen.

(Foto: Gipi / Avant-Verlag 2018)

Geht's noch düsterer? Kein Problem für Gipi. In "Die Welt der Söhne" (Leseprobe) entwickelt der Italiener eine grimmige Zukunftsversion, in der es keinen Grund zur Hoffnung gibt. Von der modernen Welt ist nach einer nicht näher beschriebenen Katastrophe nichts außer einer Sumpflandschaft übrig geblieben, in der die wenigen verbliebenen Menschen ums Überleben kämpfen. Hier gilt das Recht des Stärkeren. Entsprechend hart erzieht ein Mann seine beiden Söhne. Vieles hat er ihnen beigebracht, nur nicht Lesen und Schreiben. Deshalb suchen die Brüder nach dem Tod des Vaters jemanden, der ihnen dessen Tagebuch vorlesen kann. Sie wollen wissen, was drin steht, was der Vater wirklich gedacht hat.

Gipi schickt seine beiden Protagonisten auf eine Odyssee zu den entfernt lebenden Nachbarn. Er lässt sie zu Mördern werden, lässt sie miterleben, wie Fremde eine Nachbarin entführen. Und lässt sie eine Sklavin befreien, die bei den schrecklich entstellten "Großkopfzwillingen" gefangen gehalten wird und an die Fremden ausgeliefert werden soll. Schließlich erfahren sie, woher jene Fremden kommen und was sie mit ihren Sklavinnen machen. Sie stoßen auf eine grausame, barbarische Siedlung. In "Die Welt der Söhne" sucht Gipi nach dem Kern der Zivilisation. Auf erschreckende Weise zeigt er, was passiert, wenn ihr die Grundlage entzogen wird, wenn Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben verloren gehen und Sprache und Schrift pervertiert werden.

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Die Welt der Söhne
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Radikal war der Zeichner schon immer, wenn es um die Härten des Lebens ging. Hier aber legt er nochmal eine Schippe drauf. Seine Zeichnungen sind so reduziert wie die öde Sumpflandschaft. Doch so karg die schmalen, schwarzen Striche und Schraffuren auf den ersten Blick wirken mögen, so subtil erweisen sie sich beim zweiten Hinsehen. Gerade in Mimik und Gestik nähert Gipi sich den beiden Söhnen an und stellt etwa ihre nie offen gezeigte brüderliche Liebe dar. Anhand dieser beiden jungen Männer, die die moderne Zivilisation nie kennengelernt haben, wird das zutiefst menschliche Verhalten ausgelotet, zwischen Überlebenskampf und Empathie.

Quelle: n-tv.de