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So idyllisch sind Geschwistertage nicht immer.
So idyllisch sind Geschwistertage nicht immer.(Foto: picture alliance / dpa)
Sonntag, 01. Februar 2015

Kameraden und Konkurrenten: Geschwister bleiben ein Leben lang

Von Solveig Bach

Man sucht sie sich nicht aus und bleibt trotzdem zeitlebens mit ihnen verbunden: Geschwister. Wer keine hat, weiß nichts von dieser besonderen Beziehung und von der enormen Herausforderung, die Brüder und Schwestern mit sich bringen.

Susann Sitzler ist mit ihrer Geburt kleine Schwester, später wird sie auch noch Stiefschwester und große Halbschwester. Das Thema "Geschwister" begleitet die Autorin und Journalistin ihr Leben lang, auch dann, als sie mit den eigenen Geschwistern kaum Kontakt hat. Der Erforschung dieser Beziehung hat sie nun ein ganzes Buch gewidmet: "Geschwister: Die längste Beziehung unseres Lebens". Auf 350 Seiten setzt sie damit ihren eigenen Brüdern und Schwestern ein Denkmal und grübelt sich gleichzeitig durch die Glaubenssätze der mehr oder weniger aktuellen Geschwisterforschung.

"Geschwister" ist bei Klett-Cotta erschienen und kostet 22,95 Euro.
"Geschwister" ist bei Klett-Cotta erschienen und kostet 22,95 Euro.

Schon bei der Definition, wer zu Geschwistern gehört, tun sich große Differenzen auf. Sitzler zählt für sich selbst Blutsgeschwister ebenso dazu wie Halb- oder Stiefgeschwister. Andere lassen nur diejenigen gelten, die die gleiche Mutter und den gleichen Vater haben. Wieder andere definieren als Geschwister diejenigen, die schon in der Kindheit dabei waren. Das würde Geschwister mit erheblichem Altersunterschied unter Umständen ausschließen. Aus fernen Teilen der Erde kommen noch einmal fremdere Sichtweisen, in denen Blutsverwandtschaft nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt.

Die Forschung nennt die Geschwisterbeziehung die "in der Regel am längsten währende, unaufkündbare, annähernd egalitäre menschliche Beziehung". Es ist eine Beziehung, die man zunächst noch ganz rein und unberechnend eingeht. Geschwisterschaft wird nicht hinterfragt. Wer als Bruder oder Schwester mit uns unter einem Dach lebt, hat die gleiche Existenzberechtigung wie wir selbst, mag er auch noch so verschroben sein.

Verhandeln und teilen

Die ersten sozialen Erfahrungen auf Augenhöhe macht man mit Geschwistern. Mit ihnen erlebt man nahezu jedes Gefühl zum ersten Mal und in voller Intensität, Liebe genauso wie Eifersucht, Freude wie Wut, absolute Vertrautheit und schreckliche Verlustangst. Und viele Menschen stellen jede Beziehung ihres Lebens infrage, außer die zu ihren Geschwistern.

Dabei sind Brüder und Schwestern oft eine Herausforderung. Man muss mit ihnen teilen, ob man will oder nicht - die Eltern, möglicherweise das Kinderzimmer, den Inhalt des Kühlschranks und den der Süßigkeitenkiste. Man muss sie aushalten, die Belehrungen der großen Schwester und die Quengelattacken des  kleinen Bruders und selbst wenn man das Elternhaus längst verlassen hat, bleibt man doch immer die kleine Schwester oder der große Bruder.

Trotzdem erweist sich auch im Erwachsenenalter die Geschwisterbeziehung als ein unerschöpfliches Angebot von Entwicklungsmöglichkeiten. So wie man sich Brüder und Schwester zu Beginn des gemeinsamen Lebens nicht aussuchen konnte, so kann man die Beziehung zu ihnen auch nicht einfach beenden. Mit der eigenen Familiengründung entfernen sich viele Geschwister voneinander, alte Wunden heilen einfach nicht, manchmal kommt es zum völligen Kontaktabbruch. Doch selbst wer am Leben seiner Geschwister nicht mehr teilhat, behält die Geschwister: als Reibungspunkt, als Wutsubjekt, als Sehnsuchtsort.

Eine Aufgabe bis ins Alter

Sitzler verliert die beiden Stiefbrüder, kämpft um eine Beziehung zu ihren deutlich jüngeren Halbgeschwistern und fühlt sich der großen (leiblichen) Schwester doch irgendwie am meisten verbunden. Mit zunehmendem Alter macht sie die Erfahrung vieler Menschen, man kommt sich wieder näher. Nach der großen Nähe in der Kindheit, der Loslösung in der Pubertät und der Konzentration auf die eigenen Lebensentwürfe wird der Mensch, mit dem man seine ersten Erinnerungen teilt, oft wieder zu einer engen Bezugsperson. Manchmal führen aber auch der Tod der Eltern und die Regelung des Erbes zum endgültigen Kontaktabbruch. Nicht unbedingt, weil man sich über den Besitz der Eltern verstritten hat, sondern weil es keinen Grund mehr gibt, aneinander festzuhalten. Auch das kann eine große Erleichterung sein.     

Die meisten Menschen bemühen sich jedoch immer wieder um eine Annäherung an ihre Geschwister, mögen sie auch noch so weit entfernt und nach völlig anderen Werten leben als man selbst. Für Sitzler gibt es dafür eine einleuchtende Erklärung: Niemand will sterben, ohne nicht wenigstens noch einmal versucht zu haben, aus dem Potenzial dieser ganz besonderen Beziehung zu schöpfen. Dass das nicht immer einfach ist, zeigt ihr Buch, und wie viel Erkenntnis und Glück darin liegen kann, auch.

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Quelle: n-tv.de