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Plötzlich entstehen in der Weite der Landschaft neue Grenzen.
Plötzlich entstehen in der Weite der Landschaft neue Grenzen.(Foto: imago/ITAR-TASS)
Donnerstag, 11. Oktober 2018

Wanderung durch Georgien: Greifvögel und die Frage nach der Freiheit

Von Solveig Bach

Ein letzter Kunde meldet sich, als die Vogelsaison schon fast vorbei ist. So gerät ein Naturführer an einen älteren Engländer, der keineswegs nur zur Vogelbeobachtung nach Georgien gekommen ist.

Als Archil Kikodze 1972 geboren wurde, war Georgien eine Sowjetrepublik. Allein seine zahlreichen Berufs- oder Tätigkeitsbezeichnungen belegen, dass er sein Überleben nach den Jahren des Umbruchs wie so viele Georgier einfallsreich sichern musste: Autor, Fotograf, Regisseur, Schauspieler und Naturführer war Kikodze. In Georgien ist der 46-Jährige ein Star, der gerade wegen seiner verschiedenen Talente geliebt wird.  

Die Geschichte von einem Vogel und einem Mann: Erzählung
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In "Die Geschichte von einem Vogel und einem Mann" greift der Autor Kikodze auf die Erfahrungen als Naturführer und Fotograf zurück. Der Ich-Erzähler begleitet als Wanderführer einen älteren Engländer, der als "Birdwatcher noch ein Dilettant" ist, durch die Auenlandschaft des Iori-Flusses. Zum Erlangen der Meisterschaft in dieser Disziplin wird die Lebensspanne des Engländers wohl nicht mehr ausreichen. Aber zehn Tage lange ziehen der Georgier und der Tourist gemeinsam durch das Gebirge.

Dabei beobachten sie natürlich nicht nur Greif- und Singvögel, sondern auch das Land mit seinen Menschen. Abends erzählen sie einander Geschichten, doch im Lauf der Reise wird deutlich, dass nicht nur der Führer etwas über die Veränderungen der letzten Jahre berichten kann. Offenbar hat auch der Engländer eine Vergangenheit in Georgien. In seinem Koffer führt er Papiere mit, die Lebensbeichte eines Gewalttäters, der für die Obrigkeit spitzelte und sich prostituierte, um selbst davonzukommen.

Immer wieder Stalin

In Interviews erwähnt Kikodze immer wieder, dass Josef Stalin aus Georgien stammt, ebenso wie der Geheimdienstchef Lawrenti Berija und dass die Georgier nur zu gern und sehr zahlreich Mitglied der KPdSU geworden sind. Die bolschewistischen Ideen seien sehr populär gewesen. Für Kikodze war Georgien schon in den 1970er- und 1980er-Jahren durch und durch korrupt. Und auch nach dem Ende der Sowjetunion wurde das bisherige Volkseigentum oft genug kreativ in den eigenen Besitz überführt.

So ungeheuerlich die Vorgänge auch sind, die der Naturführer und sein englischer Kunde einander erzählen, Kikodzes Erzählfluss bleibt immer lakonisch, beinahe unberührt.  Die Wetterwechsel im Iori-Tal werden mit der gleichen Ruhe beobachtet wie die Situation an einem Checkpoint oder das Auftauchen einer bestimmten Vogelart. Erst am Ende der 140 Seiten geraten die Reisegefährten aneinander, weil der Engländer das Thema Freiheit zur Sprache bringt.

Wie frei sind wir, die Vergangenheit hinter uns zu lassen und etwas Neues und Anderes zu wählen? Schon die Frage scheint eine Belehrung, eine Zurechtweisung, eine Mahnung. Der Naturführer kann plötzlich die Nähe seines Kunden nicht mehr ertragen und lässt diesen einfach stehen. In einem Niemandsland, in dem gerade wieder einmal die Grenzlinien neu gezogen werden.

Quelle: n-tv.de