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Cape Coast Castle steht bis heute als Symbol für den Sklavenhandel von Westafrika aus.
Cape Coast Castle steht bis heute als Symbol für den Sklavenhandel von Westafrika aus.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 18. Februar 2018

Die Wunde der Sklaverei: "Heimkehren", aber wohin?

Von Solveig Bach

Im 18. Jahrhundert kommen in Westafrika zwei Schwestern zur Welt, die einander nie kennenlernen. Drei Jahrhunderte später treffen ihre Nachfahren im Amerika von heute aufeinander. Davon erzählt der Roman "Heimkehren".

Es ist ein weiter Bogen, den Yaa Gyasi in ihrem Debütroman "Heimkehren" spannt - über drei Jahrhunderte, sieben Generationen und zwei Kontinente. Alles beginnt im 18. Jahrhundert in Westafrika mit Maame, die zwei Töchter hat: Effia und Esi. Die beiden werden einander nie kennenlernen.

Heimkehren: Roman
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Denn Maame muss Effia zurücklassen, die ohne ihre Mutter aufwächst und später auf Betreiben ihrer Stiefmutter einen britischen Offizier heiratet. Esi hingegen erlebt eine Kindheit gemeinsam mit ihrer Mutter, wird jedoch geraubt und dann als Sklavin nach Amerika verkauft. Noch vor der Überfahrt wird sie von einem englischen Soldaten vergewaltigt.

Aus dieser Ausgangslage heraus beschreibt Gyasi, die in Stanford Englische Literatur studiert und einen Abschluss in Creative Writing hat, die Lebensgeschichte von 14 Menschen. Nachkommen von Effia und Esi, die in Afrika und Amerika in den jeweiligen Zeitläuften versuchen, ihren Platz zu finden.

Erst im Tod frei

Gyasi ist in Ghana geboren und schon als Kind in die USA gekommen. Schon als Siebenjährige schrieb sie Kurzgeschichten, als Studentin besuchte sie die Heimat ihrer Eltern und machte eine Führung in der Cape Coast Festung mit. Vor dort aus wurden einst die Sklaven verschifft und hier kam ihr die Idee zu dem Roman, der sie inzwischen weltbekannt macht. Die Vorstellungen des Heimkehrens stammt dem "New Yorker" zufolge aus dem afroamerikanischen Glauben, dass schließlich der Tod den Geist einer versklavten Person nach Afrika zurückreisen lässt.

"Heimkehren" landete im vergangenen Jahr auf der Bestsellerliste der "New York Times", die Rechte daran wurden in zahlreiche Länder verkauft. Das liegt zum einen daran, dass es Gyasi gelingt, der Geschichte der Sklaverei ein bisher selten benanntes Kapitel hinzuzufügen. Denn bevor die weißen Sklavenhändler ihre Beute übers Meer bringen konnten, brachten ihnen Schwarze jene Menschen, die wiederum in den Stammeskriegen der Einheimischen unterlegen waren.

Zum anderen sind es jedoch das afrikanische Erbe und der oftmals damit verbundene, erlebte Rassismus, die Gyasi zu einer Stimme des aktuellen Amerikas machen. Die Auswirkungen der Sklaverei bis ins 21. Jahrhundert, in dem schwarze Tatverdächtige signifikant häufiger von Polizisten getötet werden, sind kaum zu übersehen. Dem britischen "Guardian" sagte Gyasi auf eine Frage nach den ererbten Traumata: "Das Leid verändert sich und bleibt dasselbe. In Amerika wurde das Schlimmste nie überwunden, kehrte vielmehr in neuer Gestalt zurück. Von Anfang an ist die Geschichte Amerikas eng verknüpft mit der ständigen Suche nach neuen Wegen, schwarze Menschen unterjochen zu können."

Das Trauma in den Genen

Und so sind es am Ende Esis Nachkomme Marcus und Effias Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelin Marjorie, die sich heute auf einer Party in Kalifornien kennenlernen. Beide sind gut ausgebildet und kämpfen dennoch mit Problemen, die auch Gyasi kennt: Wie ist die richtige Art, sich schwarz zu fühlen? Wie ist es dazuzugehören, aber nie ganz? Wie ist es, mit einem Ort auf einem anderen Erdteil verbunden zu sein, ob man will oder nicht?

Nicht immer sind Gyasis Erzählstränge bis ins Letzte überzeugend, doch es gelingt ihr auf den mehr als 400 Seiten, die Wege der afrikanischen wie der amerikanischen Nachkommen lebendig nachzuverfolgen, bis sie sich im letzten Kapitel kreuzen. Und immer wieder spürt man, wie viel sprachliche Kraft in dieser jungen Autorin schlummert.

Quelle: n-tv.de