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Nordkoreanische Geschichten Nachrichten aus dem Inneren einer Diktatur

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Schon für Reisen in eine andere Provinz braucht man eine besondere Erlaubnis.

AP

Nordkorea ist eine kommunistische Diktatur, doch was heißt das für das tägliche Leben der Menschen? Eine Ahnung davon bekommt man in sieben Kurzgeschichten, die aus dem Land herausgeschmuggelt werden konnten.

Das kommunistisch-diktatorische Nordkorea ist so abgeschottet, dass von dort kaum eine Nachricht nach außen dringt. Freie Medien oder soziale Netzwerke, in denen Menschen ihren Alltag, ihre Sorgen und Nöte beschreiben könnten, gibt es nicht. Umso überraschender ist der Kurzgeschichtenband "Denunziation", der unter dem Pseudonym Bandi, übersetzt "Glühwürmchen" erschienen ist.

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Das Buch ist bei Piper erschienen und kostet 20 Euro.

Dem Verlag zufolge verbirgt sich hinter dem Autor ein literarischer Dissident, der noch immer in Nordkorea lebt, und dessen Manuskript 2013 über eine Hilfsorganisation für nordkoreanische Flüchtlinge zu einer Literaturagentin gelangt ist. Demnach hätte es der Autor einer Cousine mitgegeben, der die Flucht nach Südkorea gelang. Belegt ist das nicht, und doch glauben Nordkorea-Kenner an die Authentizität der Texte.

Das liegt vor allem an der Unaufgeregtheit der insgesamt sieben Kurzgeschichten. Beinahe beiläufig beschreibt Bandi ungeheuerliche Begebenheiten. Ein kleiner Junge träumt von den großen Propagandaplakaten in seiner Straße schlecht, am Ende wird die gesamte Familie deportiert. Ein Arbeiter wird Jahr für Jahr für seinen unermüdlichen Einsatz ausgezeichnet, doch dann gerät er wegen einer Lappalie mit der Obrigkeit in Konflikt, verliert seine Illusionen und schließlich das Leben. Ein Mann will an das Sterbebett seiner Mutter reisen, in Nordkorea ist dieser menschliche Wunsch aber einfach unerfüllbar.

Ein Staat voller Bösartigkeit

Entstanden sind die Geschichten zwischen 1989 und 1995, als noch Kim Il Sung, der "Große Führer" regierte. Inzwischen ist dessen Enkel Kim Jong Un an der Macht, aber an den brutalen Gesetzen des kommunistischen Regimes dürfte sich kaum etwas geändert haben. Vielleicht ist die Überwachung noch etwas enger geworden, der Hunger noch quälender, die Angst noch größer.

Offenbar hat auch der Tod Kim Il Sungs Eingang in die Erzählung gefunden, anders lässt sich die Beschreibung des Staatsereignisses Nummer Eins kaum verstehen. Das ganze Land ist im Ausnahmezustand, Verkehrswege sind gesperrt, überall werden an Altären Blumen niedergelegt. Sämtliche Blumenläden sind längst leergekauft, also ziehen die Menschen in die Berge, um dort Blumen zu pflücken. Was nach einem kleinen Ausflug klingt, entpuppt sich als lebensgefährliches Unterfangen gleich in zweierlei Hinsicht. Nach dem Monsun ist der Boden in den Bergen durchgeweicht, Erdrutsche reißen immer wieder Blumen Pflückende mit. Doch wer seine Trauer nicht überzeugend mit einem Blumenstrauß zum Ausdruck bringt, könnte wegen antirevolutionärer Verbrechen angeklagt werden.

Es sind diese Zusammenhänge, die dem Leser in ihrer Ungeheuerlichkeit und Gnadenlosigkeit, in der jedes menschliche Gefühl der Staatsdoktrin untergeordnet wird, schier den Atem rauben. Ein Staat, der sich mit solcher Bösartigkeit gegen seine Bürger wendet, scheint nur in einer Dystopie vorstellbar. Doch was Bandi in rauen, kurzen Sätzen beschreibt, ist der Alltag in Nordkorea. Offenbar ein Alltag, in dem schon die Geburt in eine Familie von Staatsdienern oder Flüchtigen über das weitere Schicksal entscheidet, in dem Hunger, Kälte und Bespitzelung für viele zum Alltag gehören und jeder auf seine eigene Weise zum Scheitern verurteilt ist.

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Quelle: n-tv.de

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