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Die Wurzeln des Ferrante-Kosmos Neapel, viele Dessous und ein Trauma

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Um die Geheimnisse ihrer Mutter zu ergründen, irrt Ich-Erzählerin Delia quer durch Neapel.

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Eine Frau stirbt unter mysteriösen Umständen und die Tochter macht sich auf Spurensuche - im Chaos von Neapel, einem Dessousladen und der verdrängten Vergangenheit. Das neu übersetzte Debüt "Lästige Liebe" von Elena Ferrante hat es in sich.

Als der erste Roman von Elena Ferrante 1994 ins Deutsche übersetzt wurde, war seine Leserschaft überschaubar. Mehr als 20 Jahre später bricht die große Euphorie um die unter Pseudonym schreibende italienische Autorin aus. Damit ist die Zeit reif für eine Neuübersetzung des in Italien bereits 1992 erschienenen Werkes: Karin Krieger hat "Lästige Liebe" ebenso elegant ins Deutsche übertragen, wie zuvor schon die vier Romane der "Meine geniale Freundin"-Reihe.

Kreist die Tetralogie um die überaus komplexe Freundschaft zweier Frauen, geht es in "Lästige Liebe" um eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung, die von ein wenig Zuneigung und etwas mehr Abneigung geprägt ist. Thematisch verbinden zwei rote Fäden die Bücher: das Machtgebaren gewalttätiger Männer sowie das Zusammenklauben und Entwirren von Spuren, die eine Frau nach ihrem Verschwinden hinterlässt.

"Meine Mutter ertrank in der Nacht des 23. Mai, an meinem Geburtstag, im Meer vor einem Ort namens Spaccavento." So beginnt Ferrantes Debüt, das schnell Züge eines Psychothrillers entwickelt. Denn die Umstände des Todes sind rätselhaft. Zwei Tage zuvor hat die 63-jährige Amalia den Zug von Neapel nach Rom genommen. Bei ihrer Tochter, der Comiczeichnerin Delia, kommt sie aber nicht an.

Drei Anrufe und eine Warnung

Es folgen drei Anrufe: Zuerst erklärt die Mutter, sie könne nicht reden, weil ein Mann sie daran hindere - und legt lachend auf. Das zweite Telefonat besteht aus einer Flut dreckiger, dialektaler Ausdrücke. Bei ihrem letzten Anruf erzählt sie von einem Mann, der sie verfolge und in einem Teppich eingerollt wegschaffen wolle. Auch Delia sei in Gefahr.

Lästige Liebe: Roman
EUR 22,00
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Am nächsten Morgen finden zwei Jungen die Leiche von Amalia. Bis auf einen neuen, ungewöhnlich edlen BH ist sie nackt. War es Suizid, ein Unfall oder gar Mord? Die Polizei ist ratlos. Aber Delia will die Wahrheit über ihre Mutter herausfinden, die ihr im Leben immer fremd geblieben ist: "Bei unseren seltenen Begegnungen verschwiegen wir uns lieber alles, was wir uns zu sagen hatten". Und so tritt sie eine Reise in die verhasste Vergangenheit an.

Geschickt verwebt Ferrante Erinnerungen und Traumbilder, Fantasie und Realität miteinander. Zunehmend verzweifelt lässt sie ihre Protagonistin quer durch das verregnete, chaotische und laute Neapel irren. Der Dialekt, der überall um sie herum gezischt wird, zermürbt Delia, die für ihre Geburtsstadt "keinerlei Sympathie mehr empfand".

Körpergrenzen verschwimmen

Plötzlich taucht der sonderbare Caserta auf, ein früherer Freund von Delias prügelndem Vater und angeblicher Ex-Liebhaber von Amalia. Dann ist auch der Koffer der Mutter wieder da - randvoll mit Unterwäsche. Er führt Delia in einen Dessousladen, in dem sie sich Hinweise auf die letzten Tage ihrer Mutter erhofft. Aber statt Klarheit warten dort weitere irritierende Erkenntnisse auf die Tochter. Eine davon: Als Delia den Mitarbeitern zur Wiedererkennung den Personalausweis von Amalia vorzeigt, erntet sie entrüstete Reaktionen. Das Bild wurde stümperhaft manipuliert und ähnelt nun ihr selbst.

Bald verschwimmen in Delias Wahrnehmung die Grenzen zwischen ihrem und Amalias Körper immer stärker. Stück für Stück entfremdet sie sich von sich selbst. Um Amalias Geheimnisse zu lüften, nimmt sie die imaginierte Identität der Mutter an - und dringt am Ende zu ihrem eigenen, lange verdrängten Trauma kindlicher Schuld vor.

Auf rund 200 Seiten findet sich in diesem Erstling in komprimierter Form vieles von dem wieder, was Ferrante später in ihrem vierbändigen Gesellschaftstableau aufgreift. Neben den oben erwähnten Figuren- und Motivparallelen sowie dem klugen Aufbau von Spannung sind das vor allem die Schauplätze in Neapel: Leserinnen und Leser der Bücher um Lila und Lenù werden die Unterführung und das ärmliche Viertel wiedererkennen, in dem sowohl Delia als auch die beiden Freundinnen in den 50er- und 60er-Jahren aufgewachsen sind.

Fans von Ferrante ist mit "Lästige Liebe" eine kleine, literarische Kostbarkeit neu zugänglich gemacht geworden, die zweite Übersetzung hat sich gelohnt. Auch wenn das Neapel-Quartett mehr fesselt, ist es ungemein bereichernd, einen Blick auf die Wurzeln des Ferrante-Kosmos' zu werfen.

Quelle: n-tv.de

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