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Das neapolitanische Stadtviertel Luzzatti steht angeblich Pate für den Rione, im dem die Ferrante-Figuren Elena und Lila leben.
Das neapolitanische Stadtviertel Luzzatti steht angeblich Pate für den Rione, im dem die Ferrante-Figuren Elena und Lila leben.(Foto: picture alliance / Lena Klimkeit)
Mittwoch, 21. Februar 2018

2200 Seiten Neapel-Tetralogie: Ferrante-Finale - brutal und mysteriös

Von Katja Sembritzki

Es ist geschafft: Der letzte Band des Quartetts von Elena Ferrante über die Freundschaft zweier Neapolitanerinnen erscheint auf Deutsch. Nach über 2200 gelesenen Seiten stellt sich die Frage: Hat sich die Lektüre gelohnt?

Elena Ferrante hat einen Nerv getroffen. Ihre Neapel-Tetralogie ist ein gefeierter Weltbestseller, alleine in Deutschland wurde im vergangenen Herbst die magische Zahl von einer Million verkaufter Exemplare geknackt. Jetzt liegt mit "Die Geschichte des verlorenen Kindes" der letzte von Karin Krieger übersetzte Band bei den Buchhändlern. Er komplettiert die Erzählung über die 60 Jahre dauernde Freundschaft zwischen Elena und Lila.

Karin Krieger hat das Neapel-Quartett in einem wahren Übersetzungsmarathon griffig ins Deutsche übertragen.
Karin Krieger hat das Neapel-Quartett in einem wahren Übersetzungsmarathon griffig ins Deutsche übertragen.(Foto: imago/Manfred Segerer)

"Ich begann unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist", notiert Ich-Erzählerin und Schriftstellerin Elena zu Beginn des ersten Romans, als sie erfährt, dass Lila verschwunden ist und jede noch so winzige Spur ihres Lebens vernichtet hat. Und so erzählt Elena: von ihrer gemeinsamen Kindheit im Rione, einem ärmlichen Stadtteil Neapels, von Lilas früher Albtraum-Ehe und ihrer Schufterei in einer Fabrik, von den eigenen schulischen Erfolgen und ihrem Intellektuellenleben in Pisa, von Liebe, Intrigen, Gewalt und der Camorra.

Der vierte Band, der mit "Reife und Alter" untertitelt ist, setzt gegen Ende der 70er-Jahre ein - die Freundinnen sind in ihren Dreißigern - und endet im Jahr 2010. Der Schluss, so viel darf verraten werden, bleibt mysteriös. Um die Spannung nicht zu mindern, sei ansonsten nur die Ausgangssituation skizziert. Denn wie schon die vorherigen Romane strotzt auch der letzte vor Katastrophen, Widersprüchen, Überraschungen und einem alles überschattenden Unglück.

Morde und Drogen im Rione

Elena hat ihren Mann verlassen, um endlich mit Nino, ihrem Schwarm seit Jugendtagen, zusammen sein zu können. Doch der spielt ein falsches Spiel. Gemeinsam mit ihren Töchtern geht Elena zurück in den Rione, wo sie eine Wohnung direkt über der von Lila bezieht. Inzwischen eine wichtige literarische Stimme Italiens, fühlt sie sich ständig hin- und hergerissen zwischen ihren beruflichen Ambitionen und dem Wunsch, ihren Töchtern eine präsente Mutter zu sein.

Lila gründet zusammen mit ihrem Partner Enzo eine IT-Firma. Sie hat Erfolg, ist reich, großzügig und genießt im Rione eine enorme Autorität. Ein Teil der Bewohner sieht in ihr eine Alternative zu den Camorristi, den Solara-Brüdern, die im Viertel das Sagen haben.

Der Rione verkommt indes immer mehr, die Kriminalität steigt, Heroin hält Einzug. Verwandte, Freunde und Bekannte der beiden Freundinnen sterben einen schlimmen Tod, werden ermordet, verfallen der Drogensucht. Kaum eine Grausamkeit wird ausgespart.

Auch das Verhältnis der beiden Frauen kennt Tiefpunkte und ist das, was es schon drei Bände lang war: äußerst kompliziert. Mal überwiegen Herzlichkeit und gegenseitige Unterstützung, dann wieder Bosheit und Eifersucht. Die blitzgescheite Lila bleibt eine Meisterin der Manipulation und undurchsichtigen Manöver. Elena hört nie auf, sich ihr unterlegen zu fühlen. Ihre Freundschaft sei "strahlend und finster" gewesen, so ihr Fazit.

Vielschichtige Lesarten

Nach über 2200 gelesenen Seiten ist es auch Zeit für ein anderes Resümee: Haben sich die mit Lila und Elena auf dem Sofa zugebrachten Stunden gelohnt? Die Antwort ist ein eindeutiges Ja. So vieles durfte man lesen: das Porträt einer überaus ambivalenten Freundschaft, gleichzeitig einen Bildungsroman, ebenso wie die Geschichte einer Emanzipation. Ferrante beschreibt präzise die gesellschaftlichen Mechanismen, denen Frauen aller Schichten unterworfen sind.

Außerdem reflektieren die Romane die Nachkriegsgeschichte Italiens aus konsequent weiblicher Sicht - ein Novum in der Literaturgeschichte. Um ein schillerndes Panorama gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Veränderungen aufzuzeigen, verwebt Ferrante die individuellen Lebenswege der beiden Freundinnen und der über 50 Nebenfiguren geschickt mit realen Ereignissen - in Band vier zum Beispiel der Korruptionsaffäre "Mani pulite" in den 1990er-Jahren und dem Linksterrorismus.

Und letztendlich ist die Neapel-Saga auch eine Geschichte über das Schreiben, die Kraft der Sprache und die Frage: Was ist Realität, was Fiktion? Dazu passt natürlich, dass Ferrante unter einem Pseudonym schreibt und hinter ihren Büchern zurücktreten möchte. Nie bestätigt wurde die Enttarnung der Übersetzerin Anita Raja durch einen italienischen Wirtschaftsjournalisten. Sein Vorgehen - er folgte der Spur des Geldes - löste in der Literaturwelt und unter Ferrante-Fans mehrheitlich Missfallen aus.

Doch das Geheimnis um die Autorenschaft ist nicht der Schlüssel zum Erfolg des Buches. Ja, vielleicht schreibt Anita Raja als Elena Ferrante. Vielleicht aber auch nicht. Was zählt: Es ist eine Autorin (oder auch ein Autor), die das Lesepublikum mitzureißen weiß und um eine faszinierende Lektüreerfahrung reicher macht.

Quelle: n-tv.de