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"Meine geniale Freundin" Neapel-Saga mischt Literaturwelt auf

Nun grassiert das Elena-Ferrante-Fieber auch in deutschsprachigen Ländern: Der erste Teil des Romanzyklus' ist übersetzt. Darin erzählt die "große Unbekannte der Gegenwartsliteratur" von zwei Mädchen, die inmitten von Armut und Gewalt aufwachsen.

Eine italienische Saga versetzt die Literaturszene in Aufruhr: Der Hype um das vierbändige Neapel-Epos über die Freundinnen Lenù und Lila, das 2011 in Italien erschien und vor allem in der angelsächsischen Presse euphorisch besprochen wurde, kennt kaum Grenzen. Das Geheimnis um die Autorenschaft tut sein Übriges, denn niemand weiß, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt. Mit etlichen Jahren Verzögerung dürfen sich nun auch deutschsprachige Leser mit dem #ferrantefever auseinandersetzen: Bei Suhrkamp erscheint "Meine geniale Freundin", der erste Band der insgesamt rund 1700 Seiten umfassenden Tetralogie.

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Der Roman ist bei Suhrkamp erschienen, hat 422 Seiten und kostet 22 Euro.

Das Stichwort "Abwesenheit" trifft nicht nur auf die Autorin zu, sondern auch auf den Anfang der Roman-Reihe: Lila tilgt penibel alle Hinweise auf ihr Leben, selbst aus Fotografien schneidet sie sich fein säuberlich heraus - und verschwindet. Ihre Freundin, die Schriftstellerin Lenù, will ihr das nicht durchgehen lassen und rekonstruiert ihre Spuren: Sie schreibt die Geschichte ihrer 60 Jahre währenden Freundschaft auf.

Der erste Band erzählt die Kindheit und Jugend der beiden Freundinnen. Lila und Lenù wachsen in einem dreckigen Rione (Stadtviertel) im Neapel der 1950er-Jahre auf, der von Armut, Gewalt und der Camorra geprägt ist. Mütter haben hier nichts zu sagen und agieren lieblos und desillusioniert, Väter werfen ihre Töchter vor Wut schon mal aus dem Fenster, Gerechtigkeit und Schläge gehören untrennbar zusammen.

Die Rebellin und die Brave

Lila ist die Rebellin des Rione: Frech, manchmal boshaft und immer unberechenbar hält sie sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze. Einen Mafioso bedroht man nicht mit einem Messer? Lila wagt es. Aber sie ist nicht nur draufgängerisch, sondern auch sehr gescheit. In der Schule kann es niemand mit der Intelligenz des Mädchens aufnehmen, Griechisch und Latein bringt es sich selbst bei.

Lenù hingegen ist die Brave, Disziplinierte, sie sich im Gegensatz zu ihrer charismatischen Freundin unscheinbar fühlt. Aus der Schule bringt sie nur allerbeste Leistungen mit nach Hause - die sie sich hart erarbeitet. Und das tut sie vor allem deshalb, weil sie Lila übertrumpfen möchte. Denn während es Lenù, die Tochter eines Portiers, am Ende des ersten Bands aufs Gymnasium schafft, muss Lila die Schule bereits nach wenigen Jahren verlassen, um Vater und Bruder in der Schusterei zu helfen.

Mal Zuneigung, mal Konkurrenz

Es ist eine komplexe Freundschaft, von der Ferrante in einer zwar nicht außergewöhnlichen, aber effektiven, weil sehr sachlichen und differenzierten Sprache erzählt: Mal sind Lenù und Lila einander innig zugeneigt. Dann wieder gewinnen Konkurrenz und Eifersucht die Oberhand.

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Blick in die Straße eines Arbeiterviertels in Neapel.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Doch auch wenn sich das Kräfteverhältnis der beiden und die Abhängigkeiten voneinander ständig ändern, wird vor allem Lila zum Fixstern von Lenù, die sich stark an der Freundin orientiert. Entscheidungen, zum Beispiel mit welchem Jungen sie anbändelt, trifft sie oft einzig aus dem Antrieb heraus, "wie viel ich in Lilas Augen an Ansehen gewinnen könnte".

Dass die Beschreibung dieser Freundschaft auf Dauer nicht langweilig wird, liegt vor allem daran, dass Ferrante es versteht, ihre Geschichte aus einem sehr intimen Blickwinkel zu erzählen und sie gleichzeitig subtil mit politischen und sozialen Themen zu verknüpfen: den Nachwirkungen des Faschismus, dem Gefangensein in männerdominierten Strukturen, der als selbstverständlich geltenden Unterdrückung der Frauen und der allmählichen Verseuchung der Gesellschaft durch die Camorra.

Und es liegt daran, dass Ferrante geschickt mit einem umfangreichen Personal (neun Großfamilien) jongliert. Sie lässt Don Achill, "den Unhold aus dem Märchen", vor dem alle Angst haben, lebendig werden, ebenso eine verrückte Witwe, einen dichtenden Eisenbahner und die selbstherrlichen Söhne des örtlichen Mafiabosses. Anhand winziger Gesten beschreibt sie die fragilen Machtstrukturen innerhalb des Rione - und mit einem riesigen Silvesterfeuerwerk, das in einer Schießerei endet, die Kämpfe um die Vorherrschaft.

Identität gibt Rätsel auf

Das einzige, was es dem Buch schwer macht, ist der enorme Rummel. Den erzeugt vor allem das Rätselraten um Elena Ferrante: Seit fast 25 Jahren veröffentlicht die "große Unbekannte der Gegenwartsliteratur", so der Klappentext, Romane - doch erst seit Erscheinen des Neapel-Zyklus wird in Medien und sozialen Netzwerken heiß debattiert, ob eine Frau, ein Mann oder gar ein Autorenkollektiv hinter dem Pseudonym steckt. Außerdem sparen Kommentatoren der Tetralogie nicht mit Superlativen: Es sei "das beste Porträt einer Frauenfreundschaft in der gesamten modernen Literatur", schreibt "The New York Times". Und eine Hollywoodschauspielerin bekennt gar, die Romane hätten ihr Leben verändert. Die Erwartungen, die dadurch aufgebaut werden, kann kein Buch dieser Welt erfüllen.

Doch egal ob man sich dem Hype hingeben mag oder sich einfach nur an einem unterhaltsamen Buch erfreut: Am nächsten Band kommt wohl kein Leser vorbei. Denn der erste Teil endet mit der Hochzeit der 16-jährigen Lila - und einem ungeheuerlichen Cliffhanger. Deutschsprachige Leser müssen sich allerdings noch ein wenig gedulden: Die komplette Übersetzung der Saga soll bis Ende 2017 vorliegen.

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Quelle: n-tv.de

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