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Die bunte Welt von Marvel Comics Nimmermüde Helden in Strumpfhosen

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Hulk - Mitglied der Avengers - gehörte zu den Figuren, die in den 60ern den Erfolg von Marvel begründeten.

(Foto: MARVEL/Courtesy TASCHEN)

Comicverfilmungen von Marvel gehören zu den größten Kinohits der letzten Jahre. Doch wie fing alles an? Wie entstanden Iron Man, Thor und Spider-Man? Ein umfangreicher Band geht der Geschichte von Marvel nach - und erweist sich als Schatzkiste.

Comichefte galten lange als Schund, als minderwertig und obszön. Zum Glück sind diese Zeiten lange vorbei, als sie als Gefahr für Kinder und Jugendliche verschrien waren. Heute sind sie fester Teil der Popkultur und haben auf verschiedenste Weise auch Eingang in andere Bereiche gefunden, in Malerei, Design und Film. Comicfiguren, vor allem Superhelden, kennt heute die ganze Welt. Comicverfilmungen gehören zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Ganz vorne mit dabei ist Marvel. Der Comicverlag, der zum Disney-Konzern gehört, ist längst auch ein Studio für Spiel- und Trickfilme sowie Fernsehserien.

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Ein Heft der "Mystic"-Serie von 1951. Damals waren vor allem Horror- und Science-Fiction-Serien beliebt.

(Foto: MARVEL/Courtesy TASCHEN)

Vor 75 Jahren wurde der Verlag gegründet. "75 Jahre Marvel" heißt auch ein umfangreicher Band aus dem Taschen-Verlag, der dessen Geschichte erzählt. Das Buch ist ein Monument, ein Denkmal für das "Haus der Ideen", wie sich der Verlag gern selbst bezeichnet. 712 Seiten umfasst es, 6,7 Kilogramm bringt es auf die Waage, zusammen mit dem bedruckten Karton, in dem es geliefert wird. Es enthält zudem eine Broschüre mit der deutschen Übersetzung der Texte und eine 1,20 Meter lange, ausklappbare Zeitleiste.

Vom Pulp zum Comic

Der Band verfolgt die Verlagsgeschichte von den Anfängen bis heute, vom goldenen Zeitalter der Superhelden-Comics bis zu den erfolgreichen Comicverfilmungen im Kino - und stellt dabei auch die Macher hinter den Kulissen vor. Der Schwerpunkt liegt allerdings, zum Glück, auf der Frühzeit und auf den klassischen Marvel-Jahren bis 1970. Das erlaubt auch heutigen Comiclesern und Filmfans, mehr über die Vorgeschichte ihrer Helden zu erfahren.

Zwei Elternteile haben die Comichefte, schreibt Roy Thomas, von dem die Texte zur Verlagsgeschichte stammen. Einerseits die Comicstrips aus den Zeitungen, die mit den Heften ein neues Medium fanden und sich ein junges Publikum erschlossen. Andererseits aber waren es billige Romanhefte, sogenannte Pulps. Auch Martin Goodman verlegte Pulp-Hefte, bevor er 1939 - angespornt durch den Erfolg von Superman und Batman - Timely Publications gründete und so den Grundstein für Marvel legte.

Bald gab es die ersten Stars: Namor, Human Torch und Captain America. Hinzu kamen beliebte Genre-Serien mit Western, Krimis, Fantasy und Horror. Bis Anfang der 60er erlebte der Verlag Höhen (vor allem in den Kriegsjahren) und Tiefen (wie die verstärkten Zensurmaßnahme in den 50ern). Dann jedoch kam es zu einer Revolution. Marvel-Redakteur San Lee und Zeichner Jack Kirby, beide schon länger bei Goodman beschäftigt, entwickelten 1961 die Fantastischen Vier - und landeten damit eine riesigen Erfolg.

Iron Man, X-Men, Daredevil

Dann ging es Schlag auf Schlag. Innerhalb weniger Jahre wurden all die Figuren entwickelt, für die man Marvel heute kennt: Iron Man, Thor, Hulk und die Avengers, die X-Men, Daredevil sowie natürlich Spider-Man, den Lee zusammen mit Steve Ditko entwarf. Später kamen noch Ghost Rider und Wolverine hinzu. Und der Verlag erhielt seinen neuen Namen: Marvel Comics.

Thomas verfolgt diese Geschichte in recht langen, faktenreichen, aber unkritischen Texten. Er war schließlich selbst Autor und Chefredakteur von Marvel. Schade ist auch, dass er sich - wohl aus Platzmangel - auf die bekannten Figuren des Verlags beschränkt. Viele kleine Figuren oder Serien werden gar nicht erst genannt - obwohl gerade sie die Vielfalt von Marvel ausmachen.

Aber die Texte sind ja auch nicht das Herzstück des Bandes. Es sind die fast 2000 Abbildungen, bei denen aus dem Vollen geschöpft wird, denn Marvel hat offenbar seine Schatzkiste geöffnet. Zuhauf gibt es alte Comiccover zu bestaunen, Seitenausschnitte, Fotos, Originalzeichnungen und Entwürfe aus allen Phasen der Verlagsgeschichte. Auch hier ist es die Frühphase, die besonders zu fesseln weiß. All die Horror-, Mystery- und Pulpcover sind ein Fest für Trash-Nostalgiker, während das grobe Druckraster der frühen Comics - das auf den großen Seiten des Bandes besonders sichtbar wird - bereits auf die Pop-Art von Roy Lichtenstein verweist.

Teenager, Mutanten, Punisher

In den 60ern begann dann die klassische Marvel-Zeit mit Zeichnerlegenden wie Jack Kirby und Steve Ditko. Sie kreierten Figuren, die viel näher am echten Leben waren als Super- oder Batman. Hier ging es um Teenager, die verliebt waren und nichts anfangen konnten mit ihren Superkräften. Es ging um Mutanten, die als Außenseiter gebrandmarkt wurden. Und es ging um Helden, die sich erbittert stritten und bekämpften. Kein Wunder, dass sich so viele Leser mit ihnen identifizieren konnten.

Und Marvel machte weiter, erfand immer neue Figuren, die alle in einem Universum angesiedelt waren. Man eroberte mit Silver Surfer und den "Guardians of the Galaxy" das Weltall, führte düstere Figuren ein wie Punisher oder den Daredevil von Frank Miller und erfand die alten Helden immer wieder aufs Neue - um dem jeweiligen Zeitgeist gerecht zu werden. Nach dem Beinahe-Ruin in den 90ern, dem Aufkauf von Disney und der Eroberung des Kinos schwimmt Marvel finanziell wieder obenauf. Künstlerisch allerdings hat der Verlag derzeit wenig Herausragendes zu bieten.

Auch das macht der Prachtband "75 Jahre Marvel" deutlich, wenn auch eher auf indirekte Weise. So mag er Spezialisten zwar nicht viele neue Einblicke bieten können, aber Fans aller Arten von Popkultur werden ihre helle Freude haben.

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Quelle: ntv.de