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Alexander Osang ist ein großartiger Erzähler. Als Journalist hat er dreimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis bekommen und wurde so oft dafür nominiert, dass schon der Witz kursierte, der solle in "Osang-Preis" umbenannt werden.
Alexander Osang ist ein großartiger Erzähler. Als Journalist hat er dreimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis bekommen und wurde so oft dafür nominiert, dass schon der Witz kursierte, der solle in "Osang-Preis" umbenannt werden.(Foto: imago/VIADATA)
Sonntag, 24. Dezember 2017

Osangs "Winterschwimmer": Weihnachten kann so trostlos sein

Von Andrea Beu

Von wegen still und heilig: In Alexander Osangs Weihnachtsgeschichten geht es nicht fröhlich, rührselig oder heimelig zu, sondern eher in Ritualen erstarrt, desillusioniert, trostlos. Aber was so beginnt, muss nicht so enden. Manchmal gibt es Hoffnung - aber nur manchmal.

Leser des "Spiegel" und der "Berliner Zeitung" kennen Alexander Osang gut; für beide schreibt er schon seit Jahren. Seit einiger Zeit auch Weihnachtsgeschichten, jedes Jahr eine. Erstmals nun sind ein paar davon in einem Buch nachzulesen - "Winterschwimmer" enthält 14 Geschichten zu 14 Weihnachtsfesten.

Wobei "Fest" hier nicht wörtlich zu nehmen ist, denn richtig festlich geht es selten zu. Es geht um sinnentleerte Rituale; um Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben oder die zu wissen meinen, was der andere gleich sagen wird; um Menschen, die sich Dinge schenken, die sie nicht brauchen, Dinge, die sie schon haben  -  aber schließlich muss man doch was schenken! Es geht um Standesdünkel, falsche Freunde und Familien, die nur das Wahren der Form, die alte Gewohnheit zu Weihnachten zusammenführt; um verlassene, einsame Menschen und eigentlich ist alles kalt und leer und öde.

Großes Aber

"Winterschwimmer" ist bei Aufbau erschienen; gebunden mit Schutzumschlag, 239 Seiten, 20 Euro.
"Winterschwimmer" ist bei Aufbau erschienen; gebunden mit Schutzumschlag, 239 Seiten, 20 Euro.(Foto: Aufbau Verlag)

Aber! Was die Geschichten so lesenswert macht, ist die scharfe Beobachtungsgabe von Alexander Osang, sein genauer Blick für Situationen, seine Menschenkenntnis. Der Leser trifft auf "ein kinderloses Paar, dem kurz nach der 30 die Energie ausgegangen war" und man weiß genau, was er meint, man sieht sie vor sich. Oder "ein Mann, der aussah und war, als habe ihn sich Ikea ausgedacht. Ingmar wäre der passendere Name für Thomas gewesen. Ingmar, der Mann, der nach anderthalb Jahren auseinanderfällt" - böse. Und gut.

Aus einem Irrtum oder einer kleinen, freundlichen Geste entwickeln sich lebensverändernde, einschneidende, krasse Konsequenzen: Ein Makler vermietet am Weihnachtsabend seine Wohnung, die sowieso wie unbewohnt, wie "ohne Leben" aussieht, an eine wildfremde Frau und will fortan als eine Art Nomade leben: "Er würde in eine Wohnung ziehen, die ihm nicht gehörte, die andererseits aber auch niemand mehr brauchte." Ein Geschäftsführer, der eigentlich nur höflich und galant sein wollte, versucht später sein Jackett aus dem Altkleidercontainer zu fischen, was dann sein "Leben aus dem Gleichgewicht brachte".

Das alljährliche weihnachtliche Grauen

Oft geht es aber auch nur um das alljährliche weihnachtliche Grauen: Geschäftskunden der Berliner Volksbank liefern sich beim Weihnachtsbaumschlagen einen kleinen Krieg, während sich ihre Gattinnen das öde Ereignis mit Glühwein auf Bankkosten schöntrinken (oder es versuchen). Eine bekannte Talkshow-Moderatorin - die mit Thomas, der besser Ingmar hieße - sperrt sich aus der noblen Schloss-Sauna aus und muss im Freien in (benutzte) Müllsäcke gehüllt lange warten und suchen, bis ihr jemand hilft. Thomas ist wieder mal nicht zu gebrauchen.

Der Besuch bei den Schwiegereltern in einer öden Gegend Floridas erinnert fast an die Filme von Ulrich Seidl - etwa der selbsternannte Wachschutz aus ausgewanderten Deutschen in einer "Siedlung aus Einfamilienhäusern, die willkürlich in die Steppe gestreut waren. Es waren vielleicht hundert Häuser, die alle gleich aussahen. Einstöckige, aquarellfarbene bungalowartige Holzvillen mit breiten Garagen an der Seite und schwarzen, vergitterten Anbauten im Rücken, die aussahen wie große Vogelkäfige. ... Schmidt musste an die unwirklichen Siedlungen denken, die nach dem Fall der Mauer am Rand von Berlin aus dem märkischen Ackerboden wuchsen. Er musste an Rangsdorf denken, hier in Florida."

Es gibt Hoffnung

Manchmal aber nimmt das, was so trostlos, öde oder traurig beginnt, eine hoffnungsvolle oder versöhnliche Wendung. Bei der Nachtschicht eines Pflegers im Altenheim stirbt ein Insasse, es gibt eine kleine Totenfeier im Essenssaal und zwei Senioren kommen dabei auf die spontane Idee, nach Kalifornien zu reisen - nur wegen der Bläue des Himmels. Gebucht, gepackt, geflogen - warum warten?

Die Geschichte mit Lars, seinem "Osthund" Pieck (wie Wilhelm Pieck, erster und einziger Präsident der DDR) und seiner Frau Cathrin fängt derart festgefahren an, dass der Fall klar scheint - eine tote Ehe: "Cathrin stand am Herd, wo sie die Fischsuppe vorbereitete, von der sie behauptete, er würde sie lieben. Eines der vielen Missverständnisse ihrer Ehe, das er nicht mehr ausräumte. Er hasste Fisch." Denn, so resigniert Lars: "Cathrin kannte ihn nicht und er hatte keine Lust, sich ihr nach all den Jahren noch einmal vorzustellen." Dann aber er läuft er beim Spaziergang mit dem Hund in ein RBB-Fernsehteam, lässt sich vor der Kamera zu ungewohnter Offenheit hinreißen und beim Rauchen erwischen - daraus entwickelt sich etwas, was nicht mehr möglich schien. Sogar Gefühle regen sich.

"Wenn ein Pool - dann von Ruhl!"

In der titelgebenden "Winterschwimmer"-Geschichte schließlich, in der einen die Vorort-Tristesse geradezu anschreit, versucht Axel Ruhl mit einem "Jubiläumsverkauf" am Weihnachtstag nochmal Schwung ins lahmende Geschäft zu bringen. Seine Firma "Ruhl-Pool" - Solarien, Saunen, Schwimmbäder - läuft gar nicht mehr, seine Frau hat ihn verlassen und er hängt traurig und allein in dem von ihr gestalteten, ungemütlichen Haus. Auch an seinem "Aktionstag" bleibt er so gut wie allein - bis zum Schluss doch noch eine Traumfrau auftaucht.

Osangs Geschichten spielen im Osten Deutschlands, meist im Osten Berlins - dort ist Osang 1962 geboren und das merkt man seinen Geschichten auch an. "In solchen Momenten erinnerten ihn die Richtlinien ... an die zehn Punkte der ökonomischen Strategie der Einheitspartei. Die immer bessere Verknüpfung der Vorzüge des Sozialismus mit den Errungenschaften der wissenschaftlich-technischen Revolution." Solche Sätze versteht wohl nur ein gelernter DDR-Bürger. Oder wenn einer der Protagonisten feststellt: "Er lebte seit 44 Jahren in Berlin, er war in der Greifswalder Straße zur Schule gegangen, niemand hatte dort Prenzlberg gesagt. ... Manchmal hatte er das Gefühl, sie zogen ihm seine Stadt direkt unterm Arsch weg."

Osang ist aber kein Jammerossi. Das Gefühl des Verlusts ihrer Stadt, wie sie sie kennen, teilen auch alteingesessene Westberliner - wie etwa Ulrike Sterblich in ihrem Buch "Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt: Eine Kindheit in Berlin (West)" festgehalten hat. Es ist einfach nicht mehr wie früher. "Früher war mehr Lametta", heißt es bei Loriot. Und bei Osang: "Weißt du noch, wie wir früher das Lametta gebügelt haben?"

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Quelle: n-tv.de