Kino

Warten, dass wir aussterben "All My Loving"- Familiendrama mit Witz

25eb8b4b6cea8cb9f4fa0a7361dc5b71.jpg

Als Vater eine Katastrophe: Lars Eidinger als Stefan Hoffmann, Matilda Berger ist seine Tochter Vicky.

(Foto: dpa)

Zuerst unterhalten wir uns über die Vor- und Nachteile eines Overalls, oder Onesies, oder auch Jumpsuits. Denn Lars Eidinger trägt einen. Einen Overall von Burberry sogar, also ganz oberstes Regal, angelehnt an eine Arbeiterbekleidung, eher jeanslastig. Und jetzt mal ehrlich, Lars Eidinger darf doch tragen, was er will! Auch wenn seine Frau das Ding nicht so schön findet. Getroffen haben wir uns aber, um über "All My Loving" zu sprechen, einen Film, der beim Zuschauer sofort zündet - kann man doch nicht anders, als sich mit mindestens einer der Figuren aus den drei Episoden zu identifizieren. Eidinger spielt einen Piloten, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fliegen soll. Nele Mueller-Stöfen, die weder Kleid trägt noch Overall, die aber dafür das Drehbuch mitverfasst hat, spielt seine Schwester, die vieles gern will, aber nicht kann. Das, was sie kann, übertreibt sie jedoch. In Edward Bergers Film geht es zu wie im richtigen Leben. Denn es geht um Familie, um Geschwister, um alte Eltern und wie man mit seinem eigenen Leben klarkommt, um die Erziehung der Kinder und ob die Liebe zu Hunden unter Umständen größer sein kann als zum eigenen Mann.

n-tv.de: Ein Overall ist für einen Mann in etwa so praktisch wie ein Kleid für eine Frau, oder?

Lars Eidinger: Als Schauspieler geht man ja aus dem Haus und zieht sich am Set sofort wieder um. Da ist ein Overall also sehr praktisch. Abends schlüpft man dann wieder hinein in seinen Overall und ist komplett angezogen.

Ich hätte nicht gedacht, dass Lars Eidinger so praktisch denkt.

90bbf2256c1589803f813ac6d1a6ef22.jpg

Bequem gekleidet vielleicht, aber angemalte Fingernägel seit 20 Jahren - immer ein Hingucker, der Herr Eidinger.

(Foto: imago images / Cord)

LE: Vielleicht komme ich in das Alter, in dem die Funktionalität von Kleidung wieder im Vordergrund steht. (lacht)

Das letzte Mal haben wir uns gesehen bei "25 km/h", du hast eine Sprechrolle im aktuellen "Dumbo", du drehst "Babylon Berlin" weiter, deine Bandbreite ist riesig - und da hätten wir nur das Fernsehen und die Filme angerissen. Ist "All My Loving" eigentlich ein Drama?

LE: Ist Familie nicht immer irgendwie Drama?

Ich sag' mal: ja. Nele - wie wahnsinnig gut diese Personen doch getroffen sind! Und wenn man möchte, dann kann man sich mit jeder der Figuren hier und da identifizieren.

Nele Mueller-Stöfen: Das freut mich. 

Schön, wenn man Geschwister hat. Es scheint sich übrigens nichts zu ändern unter Geschwistern …

NMS: (lacht) Nein, man reagiert sehr empfindlich auf die Meinung der Geschwister, man teilt aber auch oft den gleichen Humor. Und man wird seine zugeteilten Rollen innerhalb der Familie nie los, das Muster bleibt. Einmal schwarzes Schaf - immer schwarzes Schaf. Einmal die Schlaue - immer die Schlaue,  die Rollen sind verteilt. Aber ich freue mich immer, wenn ich nach Hause komme und Kind sein darf. Auch heute noch.

Du spielst im Film die Schwester von zwei Brüdern, und du hast das Drehbuch geschrieben beziehungsweise mit daran gearbeitet. Ist 'ne Menge …

3a1a6f2a351e6773e7546396d8755b19.jpg

Nele Müller-Stöfen verliert nur im Film ihr Herz an Hunde - im wahren Leben hat sie leider keine Zeit für einen Vierbeiner.

(Foto: imago images / APress)

NMS: Ich versuche immer, das Schreiben von der Schauspielerei zu trennen. Wenn ich am Set bin, lasse ich die Drehbuchautorin zuhause, dann konzentriere ich mich nur auf meine Arbeit als Schauspielerin. Wenn Edward und ich schreiben, schreiben wir zunächst ein Outline und plotten das Buch von vorne bis hinten durch. Dann schreiben wir die Szenen aus, indem wir die Dialoge festlegen. Und sofort bekommen unsere Charaktere  ein klares Gesicht. Als wir unsere endgültige Fassung beendet hatten, dachte ich, dass alle Figuren stehen. Ich hatte eine genaue Vorstellung von der Julia. Aber als ich dann auf  meinen Mann Christian (Godehard Giese) traf, veränderte sich etwas. In dem Moment, wo es zur Interaktion kommt, tut sich etwas Neues in den Charakteren auf, was im Buch noch nicht da war, erst dann war meine Julia ganz.

Willst du dich im Nachhinein noch korrigieren?

NMS: Nein, ich denke nicht mehr über die Worte nach, die wir geschrieben haben. Ich sehe das, was mein Partner macht, und dann stelle ich mich darauf ein. Die Reaktionen verändern sich, der Inhalt bleibt gleich. Edward und ich haben uns  immer schon für das Thema Familie interessiert, wir kommen beide aus Familien mit vielen Geschwistern. Aber das Thema Familie ist ein weites Feld. Daher haben wir versucht, uns stark einzugrenzen. Und so sind wir auf die Idee gekommen uns auf die Geschichten der drei Geschwister um die vierzig zu konzentrieren, Charaktere, die an einem Punkt in ihrem Leben sind , wo sie etwas ändern müssen, um ihrem Glück vielleicht etwas näher zu kommen.

Lars, wie hast du dich in deine Rolle des Frauen-verschleißenden Piloten mit starkem Ego aber schwach ausgeprägtem Familiensinn reingefunden?

38d406ce93c99242149e11dfe338ce6c.jpg

Godehard Giese, Nele Müller-Stöfen und Lars Eidinger auf Kino-Tour.

(Foto: imago images / APress)

LE: Ich denke, dass man in jeder Figur Anteile von sich selbst wiederfindet. Allerdings muss ich bei meiner Rolle sagen, dass ich bei aller Liebe und Identifikation, die man so seiner Figur entgegenbringen muss, dachte: Mensch, das ist schon armselig, was der da macht. Sich, nachdem man für berufsunfähig erklärt wird, seine Pilotenuniform anzuziehen, um in Hotelbars Frauen abzuschleppen, ist ganz schön arm (lacht). Mir gefällt dieses Bild aber, dass ein taub werdender Pilot eine Metapher ist dafür, dass jemand dumpf und im wahrsten Sinne des Wortes taub für sein Umfeld geworden ist und nur noch um sich selbst kreist. Stefan ist, nicht nur dadurch, dass das Gehör ja unmittelbar mit dem Gleichgewichtssinn verbunden ist, vollkommen aus der Balance geraten. In der letzten Episode des Films, wenn die Eltern porträtiert werden, wird klar, wie viel von der seelischen Verkrüppelung und emotionalen Verwahrlosung der drei erwachsenen Geschwister mit deren Eltern zu tun hat. Der Vater ist unfähig seinen Kindern Liebe oder auch nur Interesse entgegenzubringen. Und wenn man sieht, wie wiederum Stefan mit seiner Tochter umgeht, wird deutlich, dass eine Generation es an die nachfolgende weitergibt, solange dieser Kreislauf nicht durchbrochen wird.

Das ist frustrierend …

LE: Aber dem liegt meist keine Boshaftigkeit zu Grunde, sondern Unvermögen. Wenn man Gesellschaft langfristig verändern wollen würde, müsste man bei der Erziehung anfangen. Das ist etwas, was den Menschen ja komplett selbst überlassen wird, die Erziehung ihrer Kinder. Jedenfalls zu großen Teilen.

Es gibt Ratgeber …

LE: Ja, aber überwiegend wird davon ausgegangen, das machen die schon, das macht jeder intuitiv richtig - aber das stimmt ja nicht. In der Regel folgt man einfach dem Vorbild der Eltern.

Wenn es schlecht läuft …

LE: ... ist es in den meisten Fällen doch so: jeder arbeitet sich an seinen Eltern ab. Egal, wie das Verhältnis zu den Eltern ist, es ist immer eine Referenz. Ob man sich von ihnen abgrenzt oder ihnen nacheifert.

Man wundert sich ab 40 doch auch einfach darüber, wie schnell die Zeit überhaupt vergeht, oder? Als Kind denkt man sich, man hätte unendlich viel Zeit …

8b99b86dac2942265a9e640db04114aa.jpg

Hans Löw ist der Dritte im Bunde

(Foto: imago images / Cord)

NMS: Ja, dieses Gefühl der Langeweile, was ich als Kind oft hatte, danach sehne ich mich. Früher fand ich das schrecklich, heute genieße ich es. Manchmal, wenn ich mit meiner Familie in den Ferien bin und wir keine terminlichen Verpflichtungen haben, sondern einfach nur in den Tag hineinleben, stellt sich dieser Zustand der Langeweile ein. Das ist das Schönste.

Was hat sich für dich verändert?

NMS: Ich riskiere mehr. Ob sich das immer lohnt, ist eine andere Sache (lacht). Und man teilt seine Zeit besser ein.

Man lässt manches einfach …

NMS: Ja, genau! Und anderes muss man sofort machen!

Wenn man selbst Kinder hat, kann man eine neue Verbindung herstellen, mit der Chance, Dinge besser zu machen. Oder?

LE: Die Gefahr besteht dann darin, dass Eltern sich in ihren Kindern verwirklichen. Diese müssen dann die Erfolge feiern, die man selbst nicht gefeiert hat. Und die Kinder werden zu Stellvertetern.

Machen wir, unsere Generation der Mittelalten, es unseren Kindern leichter als unsere Eltern es uns gemacht haben?

NMS: Das ist und bleibt sicher sehr individuell von Familie zu Familie. In unserer Filmfamilie ist der Verdrängungsmechanismus allerdings sehr groß. Alle drei Geschwister haben so viel Liebe in sich und wissen gar nicht, wo sie die hintun sollen. Das ist ein Phänomen, das mir recht häufig begegnet. Aber solche Angelegenheiten kann man nie über einen Kamm scheren. Ich denke, dass unsere Generation versucht, ihren Kindern mehr Selbstbewusstsein zu vermitteln und durchaus auch das Gefühl, dass man mal stolz auf sich sein darf. Ich glaube, wir können inzwischen unsere Liebe für andere Dinge und Menschen besser teilen. Das sehe ich besonders bei der jüngeren Generation.

Wir übernehmen weiterhin viel von unseren Eltern …

NMS: Oh ja, ich ertappe mich manchmal dabei und denke dann: "Oh Gott Nele, wie Mami", (lacht) aber schließlich war ja auch nicht alles schlecht früher. Alles in allem gehen unsere Kinder aber auch besser mit uns um, finde ich.

Hast du das Gefühl, Lars, dass du etwas kompensieren musst?

LE: Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich meiner Tochter die gleichen Kriterien zum Glücklichsein auferlege, wie ich sie bei mir selbst anlege. Dass man denkt es wäre schön, wenn sie erfolgreich wird zum Beispiel. Dabei empfinde ich meine Tochter tatsächlich als sehr glücklich, und auch als frei, frei von dem Druck, den ich hatte als Kind. Sie macht viele Dinge mit einer größeren Selbstverständlichkeit, ist super in der Schule ohne von falschem Ehrgeiz getrieben zu sein.

Hast du Anteil an dem Glück deiner Tochter?

LE: Ja, indem ich sie für das liebe, was sie ist. Bedingungslos.

Bist du glücklich?

9dc37090adf5222ece50b5f6f6ffd7d0.jpg

Leider nicht im Overall ...

(Foto: imago images / Cord)

LE: In meiner Generation ist es eher so, dass man zu Komplexbeladenheit neigt. Ich empfinde meine Generation als per se depressiv oder unglücklich. Und das hat vielleicht etwas mit einem gewissen Weitblick zu tun. Und der Frustration, die damit einher geht, immer schon das Scheitern oder die Aussichtslosigkeit einer Idee oder eines Vorhabens mitzudenken.

Die junge Generation scheint eigentlich ganz gut klarzukommen.

LE: Wir haben noch "Fuck The System" an die Wände gesprüht, als gebe es da irgendeine fremde Macht, die sich gegen uns verschworen hat, dabei sind wir es selbst. Die junge Generation heute fängt mit einer anderen Selbstverständlichkeit bei sich an. Sie benutzt keine Plastikbecher, isst kein Fleisch und hat ein ganz neues ökologisches Bewusstsein - ohne dabei missionarisch sein zu müssen. Unsere Generation haben sie wahrscheinlich schon als unverbesserlich abgeschrieben und warten nur noch darauf, dass wir aussterben. (lacht).

Wir haben früher also nur viel geredet …

LE: … und die machen es einfach. Und gut.

Apropos gut - gute Rückhand!

LE: (lacht) Danke! Ich habe früher auch sieben Mal die Woche trainiert. Endlich war das mal für was gut.

Mit Lars Eidinger und Nele Müller-Stöfen sprach Sabine Oelmann

"All My Loving" läuft im Kino.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema