Kino

Wer hat Angst vor Sibylle Berg? "Das ist doch Randgruppenscheiße"

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Die Schriftstellerin bei der Arbeit - mit Ausblick.

Sibylle Berg provoziert, irgendwie. Ihre Lebensgeschichte vom DDR-Flüchtling zur Bestsellerautorin, Kolumnistin, Stimme aus dem Off (Neo Magazin Royale), klingt fast so, als hätte sie selbst sie erfunden. Früher suchte Sibylle Berg das Glück, heute sucht sie ein Haus. Wenngleich auch sie das Haus gefunden hat und das Glück teilweise immer noch sucht, erfahren wir im Porträt der großen ironischen Dramatikerin, wie die männliche Form von "Schriftsteller" lautet, warum diese auf Fotos meist ihren Kopf stützen, welche nützlichen Dinge (zum Beispiel Eistauchen) man in der DDR lernen konnte, wie Pilze die Gehirne von Politikern steuern - und dass sich hinter jeder scheuen Schriftstellerin ein scheuer Mensch verbirgt. Bereits seit 2000 arbeiten die Autorinnen und Regisseurinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier alias "Böller & Brot" zusammen. Entstanden sind außergewöhnliche Dokumentarfilme, Kurzfilme, Videoinstallationen und Daumenkinos. Nun präsentieren sie ihren sechsten abendfüllenden Kinodokumentarfilm, den sie auf den diesjährigen "Internationalen Hofer Filmtagen" vorstellten. Vorher sprachen die Damen aber noch mit uns über Diven, Dramen und Drohnen. 

n-tv.de: Sibylle Berg gehört ja wohl tatsächlich zu den schillerndsten Figuren der deutschsprachigen Literaturszene – aber: Schriftsteller gibt es viele. Warum haben Sie ausgerechnet sie ausgewählt, um einen Film über sie zu drehen?

Wiltrud Baier: Sie haben es quasi schon beantwortet: Schriftsteller. Es dreht sich ganz oft und gerne um ältere Herren, auch bei uns (lachen), und wir wollten mal was mit einer Frau machen. Vor allem mit einer schillernden.

Ist das tatsächlich alles so männlich dominiert in der deutschsprachigen Literaturszene?

Ja, schon. 

Was macht Sibylle Berg denn so besonders?

Naja, sie gilt ja als schwierig (lachen) und sie polarisiert. Entweder man liebt sie oder man hasst sie, das ist jedenfalls unsere Erfahrung. Und das ist total spannend, denn ist gibt wenig Leute, die das schaffen.

Das ist doch toll, besser als dieses gleichförmige Dahinplätschern. In der Spiegel-Reihe "Fragen Sie Frau Sibylle" beantwortet Sibylle Berg banale Fragen wie "Darf ich mit Mitte 40 meine Haare noch lang und offen tragen?" auf eine Art und Weise, die so gar nicht banal ist – wie macht sie das, was denken Sie?

Das müssten Sie eigentlich die Sibylle fragen. Aber sie sagt bei solchen Dingen gerne: "Das fliegt mir so zu", in ihrer ironischen Art.

Sigrun Köhler: Die Sibylle ist außerdem einfach so schnell im Kopf, ich kenne eigentlich kaum jemanden, der so schnell ist.

War es schwer, an sie heranzukommen?

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Die Doku-Schlampen sehen doch eigentlich ganz anständig aus: Frau Köhler (l.) und Frau Baier.

Wiltrud Baier: Ja, schon. Wir sind ja zwei so dahergelaufene Dokumentarfilmerinnen …

… "Doku-Schlampen", wie Frau Berg Sie auch bezeichnet hat …

(lachen) … stimmt, eine traumhafte Berufsbezeichnung für uns. Aber es war folgendermaßen, um genau zu sein: Wir haben unser bestes Briefpapier aus Paris genommen und ihr geschrieben.

Wie, keine Mail, sondern per Post auf Papier mit Stift, das volle Programm?

Ja, das hat ihr sehr gefallen, und dann kamen wir in Kontakt. Aber die Sibylle wollte auch einen "Mehrwert". Sie war gerade in Los Angeles und wollte in dieses Haus, das man auch aus dem Film "The Big Lebowski" kennt, und fragte uns deswegen: "Könnt ihr Doku-Schlampen mich da reinbringen?" Und komischerweise hat das geklappt. Der Milliardär, der da lebt, hat uns reingelassen.

Es war also gar nicht so schwer, an sie heranzukommen - sie fühlte sich vielleicht sogar ein bisschen geschmeichelt - aber wie war denn die Zusammenarbeit, eher kapriziös?

Ja. Schon (lachen). Die Sibylle ist eben ein besonderer Mensch, und besondere Menschen sind besonders interessant, aber auch besonders unberechenbar. Also, mal hat so jemand extrem gute Laune und ist offen und man denkt vielleicht schon: "Jetzt sind wir beste Freundinnen", aber dann ist sie wieder distanziert. Man weiß es nie so genau. Ich musste immer ein bisschen an die Zusammenarbeit von Billy Wilder mit Marilyn Monroe denken, der sagte: "Man kann sich darauf verlassen, dass man sich auf nichts verlassen kann." So war das auch bei unserem Dreh (lachen).

Ein steiles Auf und Ab also, aber für den Zuschauer eben besonders spannend. Die Frau Berg wirkt ganz oft aber auch sehr natürlich vor der Kamera. Da steckt schon eine

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Frau Berg mit Spielzeug.

Schauspielerin in ihr, oder?

Ja, das haben wir auch gedacht, dass sie eine geniale Darstellerin, oder vielleicht besser formuliert, Performerin, ist - aber sie glaubt das selbst nicht von sich. Ich glaube auch, dass wir als Regie-Duo mit unserem Zen-Buddhismus ganz viel aufgefangen haben (lachen).

Wie sieht so ein Buddhismus am Set dann aus?

Die Ruhe bewahren, nie drängen, lustige Streitgespräche, etwas ausdenken, was die Neugier weckt, damit es einfach nicht langweilig wird. Wir haben zum Beispiel eine Drohne gekauft, damit wir von oben filmen konnten, das fand sie spannend.

Die Dinger sind total laut ...

... das ist ein Riesen-Radau, ja!

Sibylle Berg ist ja umgeben von einer, ich nenne es mal – Clique: Katja Riemann, Olli Schulz, Matthias Brandt, Helene Hegemann, mit denen sie tatsächlich öfter zu sehen ist. Wie kommt  es denn zu der illustren Runde?

Ich würde mal sagen: Sibylle hat eine Schwäche für coole Leute!

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Das Lit-Chick Hegemann, die Hauptfigur und die gute alte Frau Riemann (v.l.)

Und bei so einer Doku, da bringt die Hauptprotagonistin dann ihre Gang mit oder haben Sie das vorgeschlagen oder wie darf man sich das vorstellen?

Naja, die Sibylle wäre am liebsten gar nicht selbst aufgetaucht in ihrem Film. Sie hätte lieber gehabt, dass nur andere etwas über sie sagen. So kam das aber, dass alle dabei waren. Und wir konnten sie auch überreden, ab und zu mitzumachen (lachen). Sonst wäre es auch ein guter Extra-Film: "All die coolen Leute, die Sibylle Berg kennt".

Sie haben das Wort Freundin eben erwähnt: Sind Sie und Ihre Regiepartnerin denn beste Freundinnen?

Sigrun Köhler: (lachen) Ja, doch, auf jeden Fall! Das kann man wohl sagen! Das muss man auch sein, wenn man zusammen Dokumentarfilme macht.

Ist Sibylle Berg ein Typ für die "beste Freundin"?

Wiltrud Baier: Viele wünschen sich das wahrscheinlich. Aber ob Sibylle das so sieht, das bezweifle ich mal.

Selbst wenn man ihr nahe kommt, wirkt sie so, als wahre sie eine gewisse Distanz, ist das richtig?

Ja, genau, es ist dieses Nähe-Distanz-Ding. Manchmal ist sie wie ein sehr junger Mensch, so herzlich und freundlich, und dann wieder ein bisschen Diva - aber das macht eine Person schillernd und das bringt etwas mit, was man getrost als Charisma bezeichnen kann.

Ist es mutig, einen solchen Film ins Kino zu bringen oder auch ein bisschen irre?

Na klar, auch Sibylle Berg hat gesagt, das ist doch Randgruppenscheiße, was wir da machen (lachen). Aber wir sind total gespannt. Es gibt eine große Sibylle-Berg-Gemeinde, also Fans, wenn die alle kämen, wär's schon mal schön.

Sigrun Köhler: Es ist tatsächlich immer noch ein Thema, dass erstens: Frauen einen Film machen und zweitens: dass eine Frau Thema des Films ist, aber da haben wir uns schon einiges anhören müssen. Es hat direkt unsere Kampfeslust geweckt.

Klingt ein bisschen nach den Fünfzigerjahren, oder?

Ja, das hat Björk bereits vor einer Weile schon sehr schön zusammengefasst: "Männer dürfen alles sein, gutaussehend, witzig, charmant, hässlich, dick, arm, langweilig, behindert, aber bei einer Frau, da fragt man erstmal: Ist sie denn feminin?" Ja, logisch, oder? Frauen sind doch grundsätzlich feminin.

Mit den Regisseurinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler sprach Sabine Oelmann

"Wer hat Angst vor Sibylle Berg" startet am 28. April in den deutschen Kinos

Quelle: ntv.de