Glamour, Horror, Charli xcxDie Berlinale beweist Mut zum Risiko

Es wird experimentell: Berlinale-Chefin Tricia Tuttle hat viele Filmschaffende mit weniger großen Namen eingeladen. Spannend aber: Unter den gleich drei deutschen Beiträgen ist ein politisches Drama. Und der Kreisch-Alarm, wenn Popsängerin Charli xcx ihren Film präsentiert, ist programmiert.
In der Musikwelt gibt es den Mythos oder gar Fluch des zweiten Albums. Bands haben Angst, nach einem Knaller-Debüt die hohen Erwartungen der Fans nicht zu erfüllen, und Kritiker sezieren das Nachfolgewerk besonders streng. Wie stark Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle, die das Filmfest im vergangenen Jahr zur Rekordzahl von 336.000 verkauften Tickets führte, beim Kuratieren ihres zweiten Festivalprogramms unter Druck stand, ist nicht bekannt. Skeptisch beäugt wird ihre Auswahl aber auf jeden Fall.
Vorsichtshalber verteilte die US-Amerikanerin bei der Vorstellung der Beiträge, die bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin vom 12. bis 22. Februar um den Goldenen und die Silbernen Bären konkurrieren, schon mal selbst ein paar Vorschusslorbeeren: "Wir sind so überzeugt vom Charme dieser 22 Filme, dass wir unerschrocken sagen: Wer hier nichts zum Lieben findet, liebt das Kino nicht!"
Ein wenig cineastische Bildung kann derweil nicht schaden, für das Durchschnittspublikum bekannte Regiegrößen sind im Wettbewerb nicht vertreten. Die Werke des ungarischen Filmemachers Kornél Mundruczó etwa laufen zwar regelmäßig auf großen Festivals wie Cannes, viele Kinogänger dürften seinen Namen trotzdem nicht kennen. Ähnliches könnte für den Brasilianer Karim Aïnouz oder den Österreicher Markus Schleinzer gelten.
Mut zum Risiko zeigt schon der Eröffnungsfilm, der als Berlinale Special Gala läuft: Die romantische Komödie "No Good Men" der in Hamburg lebenden afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat erzählt von einer Kamerafrau aus Kabul, die sich nach der Trennung von ihrem Ehemann in einer patriarchalen Gesellschaft behaupten muss.
Allerdings darf man das ewige Schielen in Richtung Hollywood und die ständigen Vergleiche mit Cannes und Venedig auch mal sein und sich überraschen lassen. Schließlich lehrt die Erfahrung vergangener Berlinalen: Der erste Eindruck ändert sich oft im Laufe des Festivals. Und ganz ohne Glanz und Gloria sind die Beiträge längst nicht.
"Rosebush Pruning" bringt Hollywood-Prominenz
Das größte Staraufgebot im Wettbewerb bietet Aïnouz' "Rosebush Pruning" mit Elvis-Enkelin Riley Keough, Elle Fanning, Jamie Bell, Callum Turner und Pamela Anderson. Die Story: In einer Villa leben vier Geschwister in Reichtum und Abgeschiedenheit. Als einer von ihnen die Wahrheit über den Tod der Mutter aufdeckt, zerfällt das Familiengefüge.
Die sechsfach Oscar-nominierte Amy Adams spielt in "At the Sea" von Mundruczó eine Frau, die nach einem Entzug zu ihrer Familie zurückkehrt und sich mit einem unterdrückten Trauma auseinandersetzen muss.
US-Indie-Filmemacher Lance Hammer besetzte Juliette Binoche in seinem Drama "Queen at Sea" als erwachsene Tochter, die zurück nach London zieht, um sich um ihre an Demenz leidende Mutter zu kümmern.
Historienfilm mit Sandra Hüller
Auch ein Horrorfilm schaffte es in den Wettbewerb: In "Nightborn" der finnischen Regisseurin Hanna Bergholm mit "Harry Potter"-Darsteller Rupert Grint erlebt ein im Wald lebendes Paar nach der Geburt seines Kindes unheimliche Dinge.
In "Josephine" von Beth de Araújo sind Channing Tatum und Gemma Chan als Eltern zu sehen, die ihrer Tochter bei der Überwindung eines Traumas helfen wollen; die Achtjährige wurde in einem Park Zeugin eines sexuellen Übergriffs.
Sandra Hüller kommt in Schleinzers "Rose" nach dem 30-jährigen Krieg als alleinstehende Frau in ein Dorf und gibt sich als Mann und Kriegsveteran aus, um Teil der Gemeinschaft zu werden.
Drei deutsche Filme im Bären-Rennen
Tuttle setzt mit drei Beiträgen zudem stark auf den deutschen Film, wenn auch nicht mit den üblichen Verdächtigen wie Christian Petzold oder Andreas Dresen. Erstmals im Bären-Rennen ist İlker Çatak, der 2024 mit "Das Lehrerzimmer" für den Oscar nominiert war. Sein neuer Film "Gelbe Briefe" handelt von einem Theaterpaar aus Ankara, dessen Leben und Arbeit über Nacht durch die Willkür des Staates auf den Kopf gestellt wird.
Neu im Wettbewerb ist auch Eva Trobisch, die mit "Etwas ganz Besonderes" mit Max Riemelt und Eva Löbau eine in Thüringen spielende Familiengeschichte über eine Schülerin auf der Suche nach sich selbst präsentiert. Stammgast in der Königsklasse ist derweil Angela Schanelec. In "Meine Frau weint" geht es um Existenzielles, aber Unausgesprochenes: Ein Kranführer holt seine Frau aus dem Krankenhaus ab und findet sie in Tränen vor.
Glamour in der Sektion Berlinale Special Gala
Wie in den Vorjahren lohnt es, sich für die Filme der Reihe Berlinale Special Gala so früh wie möglich um Karten zu kümmern. Ethan Hawke und Russell Crowe sind in "The Weight" als Goldschmuggler zur Zeit der Great Depression zu sehen, Amanda Seyfried stellt in dem Musicaldrama "The Testament of Ann Lee" die titelgebende Gründerin der Shaker-Bewegung dar. John Turturro schlägt sich in "The Only Living Pickpocket in New York" als Taschendieb durch, der sich mit dem Diebstahl eines USB-Sticks den Zorn einer Gangsterfamilie einhandelt.
Die französische Grande Dame Isabelle Huppert spielt an der Seite von Birgit Minichmayr und Lars Eidinger in dem satirischen Vampirfilm "Die Blutgräfin" von Ulrike Ottinger, an dessen Drehbuch auch Elfriede Jelinek mitschrieb. Viel Spaß verspricht das neue Werk von "Fluch der Karibik"-Regisseur Gore Verbinskis: In der Actionkomödie "Good Luck, Have Fun, Don't Die" muss ein Zeitreisender in einem Diner in Los Angeles ein Team zusammenstellen, um die Welt vor einer gefährlichen KI zu retten.
Charli xcx kommt nach Berlin
Für kreischende Fans auf dem Roten Teppich dürfte die britische Popsängerin Charli xcx sorgen, die in "The Moment" von Aidan Zamiri sich selbst persifliert und zur Vorstellung persönlich anreist. Der Film aus der Reihe Panorama ist eine Mockumentary über die Höhen und Tiefen des Erfolgs. Mit dabei: Reality-TV-Star Kylie Jenner.
Außerdem in der Hauptstadt erwartet werden nach Angaben der Berlinale unter anderen Juliette Binoche, Isabelle Huppert, Sean Baker, Tom Courtenay, Florence Hunt, Ethan Hawke, Bella Ramsey, Sam Rockwell, Juno Temple, Channing Tatum, Gemma Chan, John Turturro, Pamela Anderson, Amanda Seyfried, Hiam Abbass, Sam Riley, Carice van Houten und Rupert Grint.
Die Goldenen und Silbernen Bären werden am 21. Februar verliehen. Präsident der Internationalen Jury ist der deutsche Regisseur Wim Wenders. Den Goldenen Ehrenbären für das Lebenswerk erhält die malaysische, Oscar-prämierte Schauspielerin Michelle Yeoh. Insgesamt sind bei der Berlinale 276 Filme aus 80 Ländern zu sehen.