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Scheint ihre Pferdephobie dann doch zu überwinden: Jessica Chastain, neben Michael Greyeyes.
Scheint ihre Pferdephobie dann doch zu überwinden: Jessica Chastain, neben Michael Greyeyes.(Foto: dpa)
Donnerstag, 05. Juli 2018

"Dann lebe mehr!": Die Frau, die vorausgeht

Von Sabine Oelmann

Eine Frau geht nicht vor einem Häuptling - oder doch? Und ein Häuptling baut keine Kartoffeln an. Im 19. Jahrhundert reist eine Frau aber auch nicht allein durch den "Wilden Westen". Außer Jessica Chastain: Sie spielt "Die Frau, die vorausgeht".

Auszuwandern, fremde Kulturen zu entdecken, in einem anderen Land zu leben, für immer oder nur für einige Zeit, ist auch heute noch ein Abenteuer. Doch wie mag es vor über 100 Jahren gewesen sein, für eine alleinreisende Frau, mitten in ein Krisengebiet? Auf eine solche Reise begibt sich Catherine Weldon (Jessica Chastain). Sie kommt aus New York, wir schreiben das Jahr 1889. Catherine ist seit 12 Monaten Witwe und beschließt, dass nun die Zeit für einen Neuanfang gekommen ist. Die junge Malerin hat einen ungewöhnlichen Plan für Frauen ihrer Zeit, denn unbeeindruckt von gesellschaftlicher Konvention und ganz auf sich allein gestellt, begibt sie sich auf die gefährliche Reise nach North Dakota, um den legendären Sioux-Häuptling Sitting Bull zu porträtieren. Vor Ort macht sich Catherine mit ihrer romantischen Vorstellung von einem selbstbestimmten Leben im "Wilden Westen" jedoch schnell Feinde. Und romantisch ist das Leben des berühmten Indianers schon mal gar nicht.

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Vor allem Colonel Groves (Sam Rockwell, just mit einem Oscar für seine Rolle als Polizist in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" ausgezeichnet), ist die selbstbewusste Witwe mit ihrer Sympathie und ihrem Engagement für die Ureinwohner ein Dorn im Auge. Mit allen - anfangs für seine Verhältnisse noch freundlichen - Mitteln versucht er, die unbequeme Frau wieder loszuwerden. Häuptling Sitting Bull (Michael Greyeyes) hingegen lernt Catherine als einen friedfertigen und besonnenen Mann kennen, dessen Vertrauen und Zuneigung sie nach einem ruppigen Start bald gewinnt. Sie beeindruckt ihn sogar so sehr, dass er der mutigen und unangepassten Malerin den indianischen Namen "Frau geht voraus" gibt. Diese Frau ist definitiv nicht für die zweite Reihe gemacht.

Aber Catherine ist nicht nur die Frau, die vorausgeht, sondern auch die Frau, die den Regen brachte. Bringt sie gar Veränderungen für die in einem Reservat kasernierten Ureinwohner des Kontinents? Und nützen ihr ihre Beziehungen im Tausende Kilometer entfernten New York wirklich, wenn sie es hauptsächlich mit Wilden - und damit sind nicht die Indianer gemeint - zu tun hat?

Wenn Wunsch und Wahrheit verschwimmen

Wir lernen auf jeden Fall: Der "Wilde Westen" war schon 1889 nicht mehr das, was wir uns vorgestellt haben. Der Häuptling baut Kartoffeln an, er trägt einen Anzug und hat ein Zirkuspferd. Aber er sagt immer noch so kluge Dinge wie: "Wir bewerten den Menschen nicht nach dem, was er hat, sondern nach dem, was er gibt", und er rät seiner ungewöhnlichen Freundin, doch einfach mal mehr zu leben. Das Unbändige schlummert in ihm, auch wenn es gebändigt scheint. Und in der Frau, die ihren Weg gehen will in einer Gesellschaft, die von Männern dominiert ist, schlummert ebenfalls etwas: der absolute Wille, durchzuhalten.

Die Hauptdarsteller mit der Regisseurin bei der Premiere.
Die Hauptdarsteller mit der Regisseurin bei der Premiere.(Foto: AP)

Nicht ungewöhnlich für eine Frau, aber für die Zeit. Und Catherine werden Mutproben abverlangt, von denen die Männer aus ihrem alten New Yorker Leben sicher nur in Büchern gelesen haben. Als Colonel Groves und seine Leute beginnen, die letzten Stammesmitglieder auszuhungern und zu vertreiben, muss Catherine sich entscheiden, wie weit sie im schicksalhaften Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit bereit ist zu gehen.

Ist "Die Frau die vorausgeht" ein Western? Nicht wirklich, denn eine Frau, die obendrein kein Barfräulein ist, spielt die Hauptrolle. Es wird aber geschossen, es werden unglaublich schöne Bilder gezeigt, die einem die USA wieder ein wenig schmackhaft machen könnten und es gibt "Cowboys und Indianer". Deswegen fällt auch eher ein Schuss als ein Kuss, und auch wenn der Film auf Tatsachen beruht, so scheint er doch wenig realistisch - zu schön und zu sauber ist Jessica Chastain, der Häuptling ein durchgängig wahrer Gentleman, und selbst der Bösewicht hat seine sympathischen Momente. Wahr ist das ganze Szenario dennoch: Catherine Weldon, die eigentlich Caroline hieß und in Kleinbasel, Schweiz, geboren wurde und Mitglied der National Indian Defense Association war, gab es wirklich. Sie war eine enge Vertraute des Häuptlings Sitting Bull. Finanziell unabhängig war sie aufgrund einer Erbschaft.

Regisseurin Susanna White hat sich ein schönes Paar für ihren Film ausgesucht: die ätherische und dennoch so energische Jessica Chastain und Michael Greyeyes, der ein Angehöriger der kanadischen Ureinwohner ist. Beide brillieren in der durchaus ergreifenden Geschichte von weiblicher Emanzipation und vom Freiheitskampf eines diskriminierten Volks, dessen Häuptling in den Kunstwerken der Malerin weiterlebt. Zum Glück war Catherine/Caroline so hartnäckig!

"Die Frau, die vorausgeht" startet am 5. Juli in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de