Kino

Interview zu "Sweethearts" Ein Abgesang auf klassische Geschlechterrollen

rev-1-_SH_08-00370_High_Res_JPEG.jpeg

Verkehrte Welt: Als aus Geisel Franny eine Freundin wird, wird aus Polizist Harry eine Geisel.

(Foto: Warner Bros.)

"Sweethearts" ist die zweite Regiearbeit von Karoline Herfurth. In der Action-Komödie spielt sie an der Seite von Hannah Herzsprung, Anneke Kim Sarnau und Frederick Lau. Mit ihnen hat n-tv.de nicht nur über den Film selbst gesprochen.

Mit "Sweethearts" legt Karoline Herfurth ihre zweite Regiearbeit vor und setzt sich dabei mit Herz und Verstand vom üblichen Komödieneinerlei einiger männlicher Kollegen ab. Der Film ist eine illustre Mischung aus Gaunerklamotte, Roadmovie und Drama, bei dem es am Ende vor allem um Freundschaft und Loyalität geht.

*Datenschutz

"Sweethearts" erzählt die Geschichte von Mel, einer alleinerziehenden Mutter mit allerlei Problemen am Hals, gespielt von Hannah Herzsprung. Sie sieht nur einen einzigen Ausweg, ihr Leben und das ihrer kleinen Tochter noch einmal in bessere Bahnen zu lenken: einen Schmuckraub. Der geht natürlich schief, und plötzlich hat sie mit der von Herfurth verkörperten Franny eine psychisch labile und planlose Geisel am Hals. Während sich zwischen den beiden ungleichen Frauen ein feines Band der Freundschaft entspinnt, sind ihnen Polizist Harry (Frederick Lau) und SEK-Leiterin Ingrid von Kaiten (Anneke Kim Sarnau) auf den Fersen. Bald ist nicht mehr ganz so klar, wer hier eigentlich auf welcher Seite steht.

Nach dem Erfolg ihres Regie-Erstlings "SMS für dich" hat sich Herfurth erneut aus der Komfortzone als Schauspielerin herausgewagt und sich der Mehrfachbelastung Drehbuch/Regie/Hauptrolle hingegeben. Entstanden sind recht kurzweilige 107 Minuten, in denen auch schon mal mit Rollenklischees gespielt wird.

n-tv.de: Karoline, mit "SMS für dich" hast du die Latte selbst hoch gelegt. Hat dich der Erfolg für die Arbeit an "Sweethearts" entspannt oder eher unter Druck gesetzt?

Karoline Herfurth: Man muss sich davon befreien, irgendwas wiederherstellen zu wollen. Natürlich bin ich gespannt, ob der Film den Leuten gefällt, ob sie reingehen und berührt werden. Aber so geht es einem wohl bei jedem Film, den man macht. Allerdings war Regie bei “SMS für dich” noch ganz neu für mich. Ich hatte weniger Erwartungen - auch an mich selbst und daran, wie ich das umsetze. Dieses Mal habe ich von Beginn an alle Departments viel stärker in meine Überlegungen mit einbezogen. Die Architektur, den Look, die Farben, wie viel Staub unter jedem Wagen hervorkommt - das war alles genau überlegt. Da hatte ich viel konkretere Anforderungen an die eigene Umsetzung.

Obendrein war die Rolle der Franny vermutlich vor der Kamera wesentlich fordernder als die der Clara in "SMS für dich" …

rev-1-_SH_22-00995_High_Res_JPEG.jpeg

Geisel Franny wäre jedem männlichen Kidnapper sicherlich zu viel geworden.

(Foto: Warner Bros. )

Herfurth: Sicher, Clara ist eine ganz ruhige, stabile Person. Franny ist völlig überdreht und super verrückt. Das Gegenteil von dem, was man sein sollte, wenn man gerade Regie führt. Unentschlossen, beleidigt, kindlich, unsicher, überhaupt nicht souverän … Zwischen Schauspiel und Regie hin und her zu switchen, war dieses Mal eine größere Herausforderung.

An welchem Punkt war dir klar, dass Hannah Herzsprung die Rolle der Mel spielen soll?

Herfurth: Es war schnell klar, dass wir Hannah für die Rolle haben wollen. Das habe ich dir nie so erzählt, glaube ich.

Hannah Herzsprung: Nein, das ist gerade sehr spannend.

Herfurth: Trotzdem haben wir zwei Castings gemacht. Es war ganz klar, dass wir beide gemeinsam etwas herstellen, dass zwischen uns was passiert, was eine ganz besondere Energie hat. Hannah ist einfach wunderbar.

Ihr beide seid gut befreundet. Trotzdem hast du Hannah nicht einfach per Whatsapp gefragt, ob sie die Rolle möchte ...

Herfurth: Man hält bestimmte Regeln ein, auch in einer Freundschaft. Und davon haben wir ein ganz ähnliches Verständnis. Das hat also den offiziellen Weg über die Agentur genommen.

Herzsprung: Da wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, dich zu fragen, warum du mich nicht einfach persönlich anrufst und mir die Rolle anbietest. Für mich war das total klar und der beste Weg so.

Herfurth: So bringt man auch niemanden in Verlegenheit.

Und wenn du die Rolle nicht bekommen hättest, Hannah?

Herzsprung: Ich habe tatsächlich erstmal gedacht, ich sei beim Casting durchgefallen. Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie ich Karo beweisen kann, dass ich wirklich richtig bin für die Figur. Doch in diesem Moment konnte ich es aus irgendeinem Grund nicht gut auf den Punkt bringen. Ich hatte mich also schon damit befasst, dass sie mir absagt. Man lernt aber als Schauspieler früh, mit Niederlagen umzugehen. Man geht so oft zum Casting und denkt, das ist es jetzt, und dann bekommt man doch eine Absage.

Also gab es für dich von Beginn an keinen Zweifel daran, dass du die Rolle möchtest?

Herzsprung: Nach "SMS für dich" haben alle, die dabei waren, von den Dreharbeiten geschwärmt. Über die Einladung zum Casting für "Sweethearts" habe ich mich also sehr gefreut. Ich war vorm Casting ganz schön aufgeregt, weil ich nicht wusste, wie es sein würde, mit jemandem zu spielen, der gleichzeitig Regie führt.

Herfurth: Es ist nicht so einfach, wenn du beim Spielen im Casting schon die ganze Zeit die Regisseurin anschaust beziehungsweise sie dich.

Herzsprung: Keine Ahnung, wie Karoline das macht, sie gibt einem sogar aus der Figur heraus Regieanweisungen.

Mel handelt zwar vor allem in ihrer Rolle als Mutter, geht bei der Lösung ihrer Probleme aber wenig zimperlich vor. Kannst du ihre Motivation nachvollziehen und auch ihre Methoden?

rev-1-_SH_08-00414_High_Res_JPEG.jpeg

Nicht jede sollte eine Waffe mit sich führen.

(Foto: Warner Bros.)

Herzsprung: Dass die einzige Chance, die sie sieht, um ihrer Tochter eine neue Perspektive zu ermöglichen, die ist, kriminell zu werden? Das würde ich mich selbst so niemals trauen. Aber diese Kraft zu entwickeln, für den Menschen, den man liebt, diesen Mut aufzubringen und zu überwinden, das kann ich schon nachvollziehen. Auch ich möchte für Menschen da sein, die mir nahe stehen. Das Rabiate, das Karo sich von Mel gewünscht hat, war mir anfänglich schon ein bisschen fremd. Aber als Schauspielerin will ich natürlich viel Neues kennenlernen, mich ausprobieren und mit der Figur etwas erleben. Die Mel so zu spielen, fand ich total spannend.

Frederick, du warst schon bei "SMS für dich" im Cast. Hat das so gut funktioniert, dass du selbstredend auch beim zweiten Herfurth-Film dabei sein wolltest?

Frederick Lau: Karoline und ich haben uns beim ersten Film eigentlich erst so richtig kennengelernt und direkt gut verstanden. Als ich gefragt wurde, ob ich auch bei ihrem zweiten Film mitmachen möchte, habe ich mir angehört, worum es geht, und fand die Geschichte sogar noch besser als die erste. Ich finde, Karoline hat noch einmal einen riesigen Schritt als Regisseurin gemacht.

Anneke, für dich war es eine Herfurth-Regie-Premiere. Aber ich nehme mal an, du kanntest "SMS für dich" schon, als die Anfrage reinkam?

Anneke Kim Sarnau: Ja, ich hatte den Film tatsächlich damals im Kino gesehen. Als man mir die Rolle anbot, habe ich mich gefreut, dachte aber, es sei was Kleineres. Ich dachte, ich würde halt ein- oder zweimal kurz auftreten. Als ich dann das Drehbuch las und merkte, dass es doch eine größere Rolle ist, war ich ganz fröhlich. Zumal ich auch die Geschichte toll fand.

Die Rolle der Ingrid von Kaiten hat dir jedenfalls vor der Kamera nicht allzu viel zu lachen beschert. Sie wirkt immer sehr ernst und hart …

Sarnau: Ich fand es super, dass in dem Film auch die Frauen mal tough sein dürfen. Oft sind die männlichen Rollen doch viel spannender. Mir hat es gefallen, so einen harten Knochen spielen zu können.

Ein Mann, drei starke Frauen. Schaut man sich sonst so bei den erfolgreichen deutschen Kinokomödien um, haben noch immer die Schweigers, Schweighöfers und Fitzes die Oberhand. Dieses Mal war die geschlechtsspezifische Gewichtung anders …

_P6I5578.jpg

Geballte Frauenpower: Herzsprung, Herfurth, Sarnau (v.l.)

(Foto: Warner Bros. )

Lau: Normalerweise versuchen immer die Männer am Set, sich in dem Moment zu benehmen, wenn eine der wenigen Frauen vorbeikommt. Dieses Mal war es vermutlich genau anders herum.

Sarnau: Ich bin ganz froh, dass es auch mal so passiert. Vor allem bezogen auf die einzelnen Rollen. Meine Figur Ingrid von Kaiten ist eine, die auch von einem Mann hätte gespielt werden können. Und auch Mel und Franny könnten durch männliche Figuren ersetzt werden und der Film würde genauso gut funktionieren. Aber der weibliche Charme wäre dann bestimmt futsch. (lacht)

Lau: Dadurch ist es ein Film, den sich auch Männer anschauen können. Ich habe mal im Urlaub ein Buch gelesen, an dessen Titel ich mich leider nicht mehr erinnere. Jedenfalls stand eine Frau im Mittelpunkt und mit ihr und ihren Themen konnte ich so gar nichts anfangen. Immer wieder dachte ich: "Mensch, Mädchen …" Ich fand es einfach anstrengend, um ehrlich zu sein. Das ist bei diesem Film komplett anderes.

Herfurth: Es geht am Ende nicht darum, ob es Männer oder Frauen sind, sondern darum, dass es Menschen sind, die eine Geschichte erleben.

Ist die Arbeit mit einer Regisseurin denn anders als mit einem Regisseur oder ist auch das unabhängig vom Geschlecht und eher eine Typfrage?

Herzsprung: Ich habe noch nie hinterfragt, ob ein Film anders geworden wäre, wenn statt eines Mannes eine Frau Regie geführt hätte oder umgekehrt.

Herfurth: Es ist geschlechtsunabhängig. Die Stimmung am Set ist bei jedem Projekt anders, aber nicht weil Mann oder Frau Regie führen, sondern weil es immer ein anderer Mensch ist. Man kann auch weder die einzelnen Frauen noch die Männer untereinander vergleichen. Jeder ist auf seine Art anders.

TV-Sender haben inzwischen die Frauenquote eingeführt, um mehr Frauen in Departments wie Regie und Kamera unterzubringen …

Sarnau: Ich finde die Frauenquote in sämtlichen Bereichen super, beim Film ist das sicherlich etwas komplizierter. Aber in Vorständen müssen Frauen sein. Das ist eine ganz andere Energie und Denkweise, da fehlten sonst einfach 50 Prozent dessen, was in der Welt passiert.

DE_Hauptplakat_SWHTS.jpg

Ein Plakat, das mit dem Film wenig gemein hat.

(Foto: Warner Bros. )

Herfurth: Gesamtgesellschaftlich gesehen ist die Frauenquote auf jeden Fall wichtig, weil Männer immer noch viel stärker vertreten sind und ganz andere Chancen haben als Frauen. Das kann man nicht wegreden, egal in welcher Branche. Beim Umsetzen der Inhalte einer Arbeit geht es aber nicht um das Geschlecht. Doch die Wahlfreiheit muss ganz vorne stehen und die hängt natürlich mit der Chancengleichheit zusammen. Und sie herzustellen, muss das oberste Ziel sein. Die Frauenquote ist grundsätzlich ein Mittel, das man einsetzen muss, um den Boden überhaupt zu durchbrechen. Es müssen alte Rollenbilder hinterfragt und der Arbeitsmarkt verändert werden.

Lau: Man muss aufpassen, dass es nicht irgendwann so wirkt, als sei es eine Behinderung, eine Frau zu sein. Das macht die Frauen irgendwie unnötig klein. Ich unterscheide da doch nicht zwischen Mann und Frau.

Sarnau: Leider gibt es immer noch viele Männer, die das anders sehen und Bereiche, in denen über Jahrzehnte die Frauen außen vor gelassen wurden. Dass sie jetzt auch arbeiten und mindestens die Hälfte zum Einkommen beitragen, ist mittlerweile selbstverständlich. Und trotzdem ist es noch nicht zu allen durchgedrungen.

Karoline, nach dem Film ist vor dem Film. Arbeitest du also bereits schon wieder am nächsten Projekt?

Herfurth: Ich drehe jetzt erstmal "nur" als Schauspielerin und freue mich sehr darauf. Es wird ein lustiges Ensemble werden und eine total spannende Arbeit. Währenddessen bereite ich  - heimlich am Abend - schon die nächste Regiearbeit vor, die dann später in diesem Jahr noch folgt. Der Film wird von der Tonalität ein wenig anders als "Sweethearts". Es geht um fünf Frauen, episodisch erzählt, und er wird etwas melancholischer.

Mit Karoline Herfurth, Hannah Herzsprung, Anneke Kim Sarnau und Frederick Lau sprach Nicole Ankelmann

"Sweethearts" läuft ab dem 14. Februar in den Kinos.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema