Unterhaltung
Cate Blanchett spielt in Julian Rosefeldts "Manifesto" die Hauptrolle.
Cate Blanchett spielt in Julian Rosefeldts "Manifesto" die Hauptrolle.(Foto: Julian Rosefeldt und VG Bild-Kunst)
Donnerstag, 23. November 2017

Interview mit Julian Rosefeldt: "Es trifft einen wie ein Stromschlag"

"Manifesto" hat viele Gesichter. Das einer Nachrichtensprecherin zum Beispiel. Und das einer Obdachlosen. Anfang des Jahres zeigte Julian Rosefeldt seine Kunstinstallation erstmals im Berliner Museum Hamburger Bahnhof. Dann tourte er mit ihr um die Welt. Cate Blanchett spielt in gut einem Dutzend Rollen verschiedene Künstlermanifeste von Fluxus bis Dada und das kommt an. Jetzt kommt die Arbeit als Film ins Kino. n-tv.de hat mit Rosefeldt über alte Texte als "Call for Action" gesprochen.

n-tv.de: In "Manifesto" konfrontieren Sie die Zuschauer mit einer Sammlung von Texten, mit denen sich privat vermutlich die wenigsten auseinandersetzen würden. Wieso gehen die trotzdem so viele Menschen was an?

Julian Rosefeldt: Die Texte sind insofern aktuell, als sie eine antipopulistische Energie ausstrahlen. Sie aktivieren dich als Zuhörer oder Zuschauer. Du spürst, dass du gemeint bist und dass du als einzelner Mensch eine Stimme hast in dieser Gesellschaft. Ich glaube, dieser Gedanke springt sehr stark aufs Publikum über. Seit wir die installative Fassung von "Manifesto" vor zwei Jahren das erste Mal gezeigt haben, wird in Gesprächsrunden mit dem Publikum immer häufiger unmittelbar über Tagespolitik gesprochen. Die wollen über das kulturelle oder politische Klima reden, in dem sie sich gerade diesen Film angeguckt haben. Obwohl in den Manifesten selber gar nicht so viele konkrete politische Inhalte stecken, wird der Film also sehr politisch wahrgenommen.

Bei so einem Manifest schwingt oft eine gewisse Grundaggression mit. Inwiefern kann es trotzdem ein positiver Gegenentwurf zur derzeit so präsenten politischen Wutrede sein?

Die Manifeste sind auch wütend und laut, aber sie haben eben Inhalt, Ideen, Inspiration und Kreativität. Die Phrasen der Populisten sind einfach nur laut. Da steckt nichts drin.

Muss man den anspruchsvollen Texten der Manifeste mit Ehrfurcht begegnen oder kann man sie gleich anwenden?

Julian Rosefeldt begreift seine Arbeit "Manifesto" als einen "Call for Action".
Julian Rosefeldt begreift seine Arbeit "Manifesto" als einen "Call for Action".(Foto: picture alliance / dpa)

Ich weiß nicht, ob man sie direkt anwenden kann. Ich glaube eher, der Geist der Texte hallt in der Erinnerung nach, wenn man aus dem Film oder aus der Installation rausgeht. Viele Leute berichten mir, dass sie unheimlich unruhig im positivsten Sinne wurden und dass sie die Ideen wahnsinnig gekickt haben. "Manifesto" ist ein "Call for Action". Es trifft einen wie ein Stromschlag. Die Menschen werden unmittelbar inspiriert und unmittelbar aktiviert. Ich finde schön, zu sehen, dass Kunst das kann. Kunst ist Sprache und diese Sprache bringt Leute zum Sprechen.

Die Manifeste beschreiben Utopien. Diese kontrastieren Sie mit Bildern, die Versionen der Gegenwart sein könnten. Ziehen Sie dadurch die Bilanz unserer Lebensrealität?

Kann man so sagen. Es sind ja teilweise ganz dystopische Bilder, die man sieht - gerade diese Ruinenlandschaft am Anfang. Vielleicht ist die Moderne mit dem Anspruch, den sie gestellt hat, gescheitert und das bildet sich eben in "Manifesto" ab. Wir leben in einem System, das viele Menschen total überfordert. Sie fühlen sich marginalisiert. Deswegen sind die Populisten auch gerade so erfolgreich. Die Ruinen dieser Welt, die ich da zeige, stehen vielleicht als Metapher für diese Überforderung oder die Endzeit, die daraus entstehen könnte. Die Überführung der Manifeste in den heutigen Kontext dient aber auch der Funktion, diese Texte als reine Ideen, losgelöst von der Kunst der Autoren und Autorinnen wahrzunehmen.

Wie meinen Sie das?

Mit Cate Blanchett spricht in "Manifesto" eine Frau Texte, die vornehmlich von Männern verfasst wurden.
Mit Cate Blanchett spricht in "Manifesto" eine Frau Texte, die vornehmlich von Männern verfasst wurden.(Foto: Julian Rosefeldt und VG Bild-Kunst)

Ich habe mich immer für die eigentliche Kunst des Schreibens interessiert. Für die Ideen, die in diesen Texten stecken, und auch für die Schönheit ihrer Poesie. Dadurch, dass die Texte von einer Frau gesprochen werden und dadurch, dass sie in einer heutigen Situation gezeigt werden, dringt man einfach viel stärker zu ihrem eigentlichen Kern vor. Der Blick ist nicht länger verstellt von der Kunstgeschichte und dem Werk der betreffenden Autoren und Autorinnen.

Erlaubt es eine feministische Lesart, dass eine Frau Texte spricht, die größtenteils von Männern geschrieben wurden?

Ich freue mich darüber. Tatsächlich stand immer der Gedanke im Raum, dass diese doch sehr testosterongeschwängerten Texte anders wahrgenommen werden durch die andere Art, wie eine Frau sie spricht oder denkt. Die Geste, das mit einer Frau zu besetzen, hat einen "Feminist Twist". Es ist aber nicht primär eine feministische Geste. Vornehmlich geht es darum, die Texte aus ihrem eigentlichen Kontext, in dem Fall eben auch dem geschlechtlichen Kontext, rauszureißen.

Die Hauptrolle spielt in "Manifesto" Cate Blanchett, ein Hollywoodstar. Auf der einen Seite steigert das die Aufmerksamkeit für Ihr Projekt, auf der anderen droht es, dessen inhaltliche Botschaft zu überschatten. Wie stehen Sie dazu?

Dass Cate Blanchett als Schauspielerin so bekannt ist, hat es Rosefeldt nicht unbedingt leichter gemacht.
Dass Cate Blanchett als Schauspielerin so bekannt ist, hat es Rosefeldt nicht unbedingt leichter gemacht.(Foto: Julian Rosefeldt und VG Bild-Kunst)

Von dem Moment an, als wir uns vor sieben Jahren begegneten und die Idee zu einer Kollaboration entstand, habe ich geahnt, dass es eben nicht nur eine tolle Chance ist, mit so einer fantastischen Schauspielerin zu arbeiten. Es bringt auch etwas Gefährliches mit sich, dass es andere Arbeiten überschattet oder dass eine Art Misstrauen aufkommt - zumindest bei einem Teil des versierten Kunstpublikums. "Muss es denn unbedingt ein Hollywoodstar sein?"

Und, muss es?

Es ist wichtig zu wissen, dass ich Cate nicht für dieses Projekt gecastet habe, sondern dass die Begegnung am Anfang stand. Wir hatten einfach Lust, was auszuprobieren. Es ist eine ganz, ganz tolle Erfahrung und es freut mich sehr, dass sich jetzt noch viel mehr Leute mit diesen Manifesttexten beschäftigen. Aber klar, mir ist das Ganze auch ein bisschen über den Kopf gewachsen. Cate hat da immer eine Sensibilität für gehabt.

Wie sind Sie beide damit umgegangen?

Zunächst war "Manifesto" als Multikanalinstallation zu sehen. Nun kommt die Arbeit als Film ins Kino.
Zunächst war "Manifesto" als Multikanalinstallation zu sehen. Nun kommt die Arbeit als Film ins Kino.(Foto: picture alliance / dpa)

Wir haben gesagt: Wir müssen echt aufpassen, dass bei allem Fokus auf ihre Schauspielleistung die Idee der Kunst, die wir da produziert haben, im Vordergrund bleibt. Ich finde, das ist uns auch gelungen. Man kann sagen: "Wow, ich schau der jetzt zu, wie toll sie sich von Rolle zu Rolle verwandelt." Aber gleichzeitig macht sie das so gut, dass man sie als den Star Cate Blanchett vergessen kann. Gerade weil sie so eine gute Schauspielerin ist, kann der Zuschauer tief in die Texte eintauchen. Es ist lustig: Im Kino ist es selbstverständlich die Aufgabe des Schauspielers, dass er so gut spielt, dass die Geschichte glaubwürdig ist und der Text nahegebracht wird. In der Kunstwelt steht der Schauspieler auf einmal im Weg.

Nun kommt "Manifesto" ins Kino. Geht der Multikanalinstallation auf der einen Leinwand nicht etwas verloren?

Für mich ist es ein ganz anderes Werk geworden, was mich auch selber überrascht. Der Film hat eine völlig andere Atmosphäre. Der Fokus liegt viel stärker auf dem Text, weil man nur eine Figur sprechen oder denken hört. Dadurch kann man sich viel mehr auf die Ideenwelt einlassen. Es fehlt allerdings dieser umarmende Moment des Chores, der in der Installation immer wieder kommt. In der Installation ist jeder selber Editor und Soundmixer und entscheidet, wie lange er wo bleibt und was er hört. Ich bin froh, dass die in beiden Formen existieren, vor allem weil das Publikum ein ganz anderes ist.

Ist "Manifesto" denn überhaupt etwas für den typischen Kino-Gänger?

Innerhalb der Filmwelt ist eine Arbeit wie "Manifesto" sehr speziell. Es gibt Kurzfilm, Langfilm, Dokumentarfilm. In 100 Jahren Filmgeschichte sind also diese drei Formate und nicht mehr entstanden, was wirklich absurd ist. In der Kunstwelt gibt es diese Limitation nicht. Da gibt es andere Limitationen, aber diese nicht. Du kannst in allen möglichen Formen bewegtes Bild erzählen oder zeigen. Im Kino sitzt man und wartet, bis der Film losgeht und eine Geschichte erzählt wird. Das passiert bei "Manifesto" nicht. Wir haben aber doch eine Art von visueller Narration gefunden, die das ersetzt.

Und wir nennen es weiter Kunst und nicht Kino?

(lacht) Es ist mir, ehrlich gesagt, nicht wichtig, wie es genannt wird.

"Manifesto" startet am 23. November in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de