Kino

Moritz Bleibtreu und "Cortex" "Freue mich über jeden einzelnen Zuschauer"

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Moritz Bleibtreu als Hagen in seinem Regiedebüt "Cortex".

(Foto: Warner Bros Germany)

Mit "Cortex" startet diese Woche der erste Film in den Kinos, der nicht nur mit Moritz Bleibtreu, sondern auch von ihm ist. Jahrelang hat der Schauspieler - und nun auch Autor und Regisseur - immer wieder am Drehbuch gefeilt, ehe der Traum vom Regiedebüt endlich in Erfüllung ging.

Mit ntv.de hat Bleibtreu darüber gesprochen, warum ihm das Projekt so am Herzen lag, er dessen komplexen Inhalt nicht erklären möchte und weshalb er trotz des Erfolgs der Streamingdienste am deutschen Kino festhält.

ntv.de: Du hast die Idee, diesen Film zu machen, schon ein paar Jahre mit dir herumgetragen. Wie fühlt es sich jetzt an, wo er endlich realisiert ist?

Moritz Bleibtreu: Sehr geil. Das macht schon Spaß. Es ist ein riesiger Prozess, und der ist durchsetzt von allem Möglichen. Von wunderschönen Momenten, aber auch Momenten, in denen man denkt, das wird der schlimmste Film, den die Welt je gesehen hat. Es sind ständige Wechselbäder, durch die man geht und durch die ich unheimlich viel gelernt habe. Ich merke, ich mache das zum ersten Mal. Ich bin genauso ein Debüt-Regisseur wie ein junger Filmhochschüler, der mit 22 seinen ersten Kurzfilm macht. Es war für mich ein riesiger Lernprozess, aber jetzt so langsam beginnt der angenehme Teil. Ich werde nicht nur mit Eiern beschmissen, es gibt auch Leute, die den Film mögen.

Und du bist mit "Cortex" nicht mal auf Nummer sicher gegangen. Die verschachtelte und komplexe Erzählweise kennt man eher von US-Regisseuren wie Lynch oder Nolan.

Der imaginäre Zuschauer sitzt bei den Sachen, die ich schreibe, nicht mit am Tisch. Und wenn er am Tisch säße, würde ich niemals etwas schreiben, um ihm zu gefallen oder ihm etwas verständlicher zu machen. Allenfalls achte ich darauf, dass er den Anschluss nicht verliert. Ich kann und muss mir aber die Freiheit nehmen, darüber nicht nachzudenken. Es ist eine eigene Art, Filme zu konzipieren. Ich kann natürlich auch einen Film machen mit dem Anspruch, dass ihn möglichst viele Leute sehen. Es gibt konzeptorische Mittel, damit das klappt. Ich will aber einfach eine Geschichte erzählen, die ich geil finde, und einen Film machen, den ich selbst gern sehen würde. Und dann ist es mir streng genommen egal, ob das noch ein anderer guckt. Wobei ich mich natürlich über jeden einzelnen Zuschauer freue, das ist klar. (lacht)

Könntest du jemandem, der danach fragt, die Geschichte denn erklären? Bei dem einen oder anderen bleiben sicher Fragen zurück …

Ich habe immer große Angst davor gehabt, erklären zu müssen, was ich da mache. Das ist beim Film schwer und bei so einem Streifen noch viel schwerer. Es ist ein Bodyswitch, aber eben nicht komödiantisch, sondern dramatisch. Ich bin Schauspieler und verbringe viel Zeit damit, so zu tun, als wäre ich ein anderer und mich in dem anderen zu finden. Es geht um Träume. Was sind Träume? Träume sind das ultimative Kino, das wir alle in uns tragen. Sobald wir einschlafen, geht der Vorhang auf, dann geht das Kino los, das wir selber schreiben. Wir haben keine Ahnung, warum und wieso. Und das ist nicht immer lustig, aber auch nicht immer bedeutsam. Vieles von dem, was wir träumen, ist vermutlich nur unterbewusster Müll, damit im Kopf mal wieder defragmentiert wird. Aber jeder hat wohl auch schon mal einen Traum erlebt, in dem es beeindruckende Überschneidungen zur echten Welt gab.

War es also schon immer dein Plan, das mal in einem Film zu thematisieren?

Ich schreibe schon sehr lange und hatte deshalb mehrere Geschichten. Und als dann die Frage aufkam, welche ich als ersten Film nehme, hat sich das mit dieser einfach richtig angefühlt. Bei all den Fehlern, die ich sicher gemacht habe und die ich auch selbst sehe … jeder, der mich ein bisschen besser kennt, würde schon sagen, dass es zu mir passt.

Du hast das Drehbuch geschrieben, den Film produziert, Regie geführt und die Hauptrolle gespielt. Doch wie schwer ist es, sich selbst zu inszenieren? Also, von außen drauf zu gucken, wenn man selbst in der Rolle steckt? Fehlt da nicht das Regulativ?

Ich habe gelernt, dass es sowieso nie so wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich habe die Schauspieler, die die Figuren spielen. Ich habe jemanden, der die Bilder macht, und jemanden, der es mit Musik untermalt. All diese Leute können natürlich nicht das umsetzen, was ich mir vorgestellt habe. Sie machen, was sie sich vorstellen. Ich habe als Regisseur gelernt, dass das was ganz Tolles ist. Man muss lernen, sich ein Stück weit von den eigenen Vorstellungen zu lösen. Wenn man das einmal geschafft hat, kann man darin was Großartiges wiederfinden. Wie oft ich dachte, es wird ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. "Oh nein, es entgleitet mir. Es ist nicht mehr meins." Um dann herauszufinden, dass das Bullshit ist. Ich habe mir die Scheiße ja ausgedacht, es bleibt immer meins. Die Frage ist: Wie weit gibst du ab und lässt die anderen da rein? Das ist eine Entscheidung, die ich relativ früh getroffen habe, auch weil ich - zum Glück - auch echt überfordert war.

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Wer ist Niko (l.) wirklich?

(Foto: Warner Bros Germany)

Zumindest die Hauptrolle auszulagern, hätte da vielleicht geholfen?

Ich wollte das nicht spielen. Ich habe wochenlang gecastet, ich wollte mich null haben. Der Regisseur Bleibtreu und Produzent Bleibtreu wollten den Schauspieler Bleibtreu ums Verrecken nicht. (lacht) Ich habe aber niemanden gefunden, bei dem es so 100 Prozent gepasst hat. Irgendwann war dann klar, auch weil ich drehen musste, dass wir jemanden brauchten. Dann dachte ich, ehe ich jetzt eine halbherzige Entscheidung treffe, packe ich mir das lieber selbst auf die Schultern. Dann wissen die Leute auch genau, wo sie die Eier hinwerfen müssen, nämlich auf mich.

Verlangsamt das den Drehprozess, wenn du Regie und Hauptrolle übernimmst?

Würde es, wenn ich mich selbst inszenieren würde. Aber in dem Moment, in dem ich beschlossen habe, es selbst zu spielen, war klar, dass ich einen Kameramann brauche, an den ich diese Verantwortung in dem Moment übergeben kann. Das war der Moment, in dem ich Thomas Kiennast angerufen habe. Ich wusste, ich brauche jemanden, bei dem ich das Regieführen dann komplett delegieren kann, wenn ich vor der Kamera stehe. Und dann gucke ich mir das auch nicht noch dreimal an. Wenn er sagt, das ist es, dann ist es das. Das hat besser funktioniert, als ich erwartet habe. Und ich habe gemerkt: Je mehr man abgibt, umso mehr kriegt man auch zurück. Das ist wie im echten Leben. Spielberg hat mir mal gesagt, als ich ihn fragte, wie er das macht: "Ich mache gar nichts. Alles, was ich tue, ist, die besten Leute der Welt zu engagieren und ihnen zu sagen, wie toll sie sind."

Dann ist es natürlich von Vorteil, wenn die besten Leute auch mit einem zusammenarbeiten wollen …

Um den Kreis da zu schließen: Das ist der große Vorteil, den ich dem Filmhochschüler voraushabe. Eben, dass ich Jannis Niewöhner anrufen kann und er zusagt. Dass die Leute mir vertrauen, obwohl sie mich als Regisseur noch gar nicht kennen. Nadja Uhl hat nach den ersten Lesen gesagt, sie habe das Buch nicht so ganz verstanden. Aber das war gar nicht schlimm. Ich glaube, wir müssen nicht immer alles verstehen und jeden Film linear erzählen.

Welche Daseinsberechtigung hätten sonst auch Filme wie "Mulholland Drive" oder "Tenet"?

Das ist das Tolle am Kunstkino. Die Rezeption ist immer deine eigene. Der eine sagt: "Ich habe gerade was geschenkt bekommen." Der andere meint: "Alter, ich habe keine Ahnung, was du von mir willst." Ich habe tatsächlich gerade "Tenet" gesehen - da ging es ganz vielen so. Und ich bin rausgegangen und habe mich gefragt, wie man es nicht verstehen kann. (lacht)

Aufgrund von Corona haben viele Filmemacher beziehungsweise Studios entschieden, ihre Filme ins Netz zu bringen statt in die Kinos, die ja eine Weile geschlossen waren. Hast du das ausgesessen, um mit "Cortex" eben doch dort stattfinden zu können?

Wir haben vor Corona gedreht, aber in einer Zeit, als das mit dem Kino generell schon schwierig war. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, als Warner gesagt hat, sie bringen den Film auf die große Leinwand. Ich weiß aber natürlich, dass man so einen Film wie "Cortex" in den nächsten Jahren nicht mehr dort sehen wird. Es ist ein zu komplexes Kino und Geschichtenerzählen, was man dann vielleicht weltweit nur noch ein paar Leute machen lässt, wie Christopher Nolan eben. Hätte irgendein junger Regisseur Warner das Drehbuch auf den Schreibtisch gelegt, hätten die auch nicht gesagt, wir machen das. Die hätten gesagt: "Geh damit mal woanders hin, junger Mann."

Oder junge Frau …

Oder junge Frau. Du hast natürlich recht. Das sind Stoffe, die werden immer mehr an die Streamer weitergegeben. Wenn man keine Vorschusslorbeeren hat, wird das schwer werden. Das Kino lag aber schon vorher im Sterben und es wäre auch ohne Corona gestorben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Es hätte vielleicht noch ein bisschen länger gedauert. Aber dass das Kino seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft einbüßt und Platz macht für das, was die Streamer jetzt anbieten, war absehbar. Das ist eine Entwicklung, die schon immer so war. Das ist eine obsolete Diskussion, wie die Gentrifizierung.

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Video, CD, DVD …

Genau. Theater, Oper … Jetzt kann man das jahrelang beweinen oder annehmen. Die einzige Gefahr, die ich sehe, ist die Masse. Es ist so viel Content, dass man sich fragt, wer soll das wann gucken? Das verwässert die potenzielle Kraft des einzelnen Films. Das einzelne Produkt ist irrelevant, es geht nur noch um den Provider. Die Entwicklung ist gefährlich. Es führt dazu, dass so viel gedreht wird, was es unheimlich schwer macht, den einen Film zu machen, der alles wegledert.

Mit Moritz Bleibtreu sprach Nicole Ankelmann

"Cortex" läuft ab dem 22. Oktober in den Kinos.

Quelle: ntv.de