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Erkannt? Gary Oldman als Winston Churchill in "Die dunkelste Stunde".
Erkannt? Gary Oldman als Winston Churchill in "Die dunkelste Stunde".(Foto: Universal Pictures International)
Mittwoch, 17. Januar 2018

Churchills "dunkelste Stunde": Gary Oldman greift nach dem Oscar

Von Volker Probst

Der Film "Dunkirk" warf ein Schlaglicht auf die britische Kriegsgeschichte. Nun richtet "Die dunkelste Stunde" den Blick auf Englands Innenpolitik zu jener Zeit. In der Hauptrolle: Winston Churchill. Oder Gary Oldman. Egal. Brillant sind sie beide.

Über 30 Jahre lang hat der Brite Gary Oldman mit den Film-Gurus in Hollywood gehadert. Allen voran mit denen, die bei den Golden Globe Awards das Sagen haben. Schließlich schienen sie ihn in all der Zeit, in der er in Rollen vom Sex-Pistols-Punk Sid Vicious über den JFK-Mörder Lee Harvey Oswald bis hin zum Ober-Vampir Dracula geschlüpft war, geflissentlich zu ignorieren. Auch für den Oscar war er nur einmal nominiert - 2012 als Agent George Smiley in "Dame, König, As, Spion". Die Golden-Globe-Jury hingegen berücksichtigte ihn nicht einmal da.

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Seit dem 7. Januar jedoch ist alles anders. Seither hält Oldman den Golden Globe als bester Hauptdarsteller in der Hand - für seine Verkörperung von Winston Churchill in "Die dunkelste Stunde". Und nachdem er in der Vergangenheit mehr als einmal gegen die Preisverleihung gewettert hatte, zeigte er sich nun geradezu demütig: Er sei "erstaunt, geschmeichelt und sehr stolz". Tatsächlich hatte er die Ehrung längst verdient. Kaum ein anderer Schauspieler hat sich als derart vielseitig bewiesen. Da hätte eigentlich nicht erst Churchill um die Ecke kommen müssen.

Das Gegenstück zu "Dunkirk"

Doch gut, dass er es tat. So konnte Oldman ein weiteres Mal zeigen, was er draufhat. Zumal man sich den hageren Schauspieler in einem ersten Reflex so gar nicht in der Rolle des untersetzten Politikers vorzustellen vermochte. Doch auch die Maskenbildner haben ganze Arbeit geleistet. Und so wird in "Die dunkelste Stunde" ein Stück Zeitgeschichte so lebendig, als begegne man dem 1965 gestorbenen Ex-Premier der Briten leibhaftig.

Ja, so sieht er eigentlich aus: Oldman mit seinem Golden Globe.
Ja, so sieht er eigentlich aus: Oldman mit seinem Golden Globe.(Foto: imago/MediaPunch)

Nicht irgendein Stück Zeitgeschichte. Sondern eines, dessen Bedeutung für das Schicksal Europas wohl kaum zu überschätzen ist. Christopher Nolans Kriegsdrama über die Schlacht von Dünkirchen - "Dunkirk" - wurde vor einem halben Jahr von den Kritikern umjubelt. Mit "Die dunkelste Stunde" liefert Regisseur Joe Wright nun das passende Gegenstück, das die britische Innenpolitik in eben jener Phase in den Fokus rückt.

Ein Zufall? Wenn es um die Mikroebene von Drehs, Produktionen und Startterminen geht, schon - die Studios haben sich mit den Filmen sicher nicht abgesprochen. Auf der Makroebene dagegen lässt sich viel in die momentanen britischen Nabelschauen hinein interpretieren. "Die dunkelste Stunde" sei noch immer aktuell, findet etwa Produzentin Lisa Bruce, "denn wir fühlen ein Vakuum an Führung, wir wollen jemanden, der sich der Situation gewachsen zeigt, wie Winston es tat". Brexit, wir sehen dich winken.

Vom Dunkel ins Licht

Die Situation, der sich Churchill gewachsen zeigte und der sich Wright und Oldman unter anderem mit der Unterstützung von Kristin Scott Thomas (Clementine Churchill), Ben Mendelsohn (König George VI.) und Lily James (Elizabeth Layton) intensiv widmen, beginnt am 10. Mai 1940: Churchill übernimmt mitten im Krieg mit Nazi-Deutschland von Neville Chamberlain die Führung der britischen Regierung. Viele zweifeln daran, dass der schrullige Kauz der Richtige für den Job ist - nicht zuletzt der amtierende König George VI.

Churchills Reden spielen in dem Film eine wichtige Rolle.
Churchills Reden spielen in dem Film eine wichtige Rolle.(Foto: Universal Pictures International)

Für Churchill stellt sich keine geringere Frage als die nach dem weiteren Umgang mit dem deutschen Aggressor. Chamberlains Bemühungen, Hitler durch eine von Zugeständnissen geprägte Appeasement-Politik im Zaum zu halten, waren gescheitert. Doch der Nazi-Vormarsch in Westeuropa scheint so unaufhaltsam, dass die für Verhandlungen mit dem deutschen Diktator eintretenden Kräfte nicht verstummen wollen. Erst recht nicht, als den eingekesselten englischen Truppen auf dem Festland in Dünkirchen die komplette Vernichtung droht. Churchill bleibt entgegen aller Widerstände bei seiner Haltung, Hitler "kein Jota" entgegenzukommen. Seine Landsleute davon zu überzeugen, Großbritannien zu verteidigen, "was auch immer es koste", wird zu seiner "dunkelsten Stunde". Am Ende jedoch führt diese nicht nur die Briten zurück ins Licht ...

Authentizität und Freiheit

Wright errichtet das Fundament für seine Inszenierung auf drei zentralen Reden Churchills. Der Film segelt ein ganzes Stück allein auf der Woge ihrer originalen Sprachgewalt. Doch auch sonst haben sich der Regisseur und sein Team um möglichst viel Authentizität bemüht. Teile der unterirdischen "War Rooms", aus denen heraus Churchill mit seinem Kabinett den Krieg führte und die heute in London ein Museum sind, wurden bis ins Detail originalgetreu nachgebaut. Neben all den historischen Fakten bleibt jedoch auch noch genügend Raum, Wesen und Wirken des schillernden Staatsmannes, dem die Geschichtsforscher in der Rückschau nahezu einhellig großen Weitblick attestieren, künstlerisch zu interpretieren.

Raum, den Gary Oldman mit all den unechten Pfunden auf seinen Rippen fulminant zu nutzen weiß. Allein das macht "Die dunkelste Stunde" absolut sehenswert. Als Blockbuster wird der Film - zumal in Deutschland - wohl dennoch nicht durch die Decke gehen. Dafür nimmt er zu sehr die angelsächsische Innenperspektive ein. Und dafür setzt er zu viel Geschichtsinteresse voraus. Anders als "Dunkirk" ist "Die dunkelste Stunde" eben kein action- und spannungsgeladener Kriegsfilm, sondern ein bisweilen fast kammerspielartiges Politdrama, wenngleich mit durchaus amüsanten Zügen.

Für die Beurteilung Oldmans macht das allerdings keinen Unterschied. Für seine Verkörperung Churchills greift er nach dem Golden Globe nun auch nach dem Oscar.

"Die dunkelste Stunde" läuft ab dem 18. Januar in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de