Kino

Tommy Lee Jones ist "The Homesman" Hilary Swank - eine Frau wie ein Kerl

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Hart im Nehmen: Mary Bee Cuddy kann all das, was Männer können, manches sogar besser.

(Foto: AP)

Die Kerle sind rau und ungehobelt, das Leben im Westen hart und die Zivilisation fern - da kann man als Frau schon den Verstand verlieren. Und muss in den Osten gebracht werden. Fünf Wochen durch Kälte und Indianerland? Die Männer kneifen, eine Frau muss ran.

Wilder Westen, 1855. Die Menschen sind gottesfürchtig oder Gauner. Die Pioniere müssen hart im Nehmen sein - sie kämpfen mit Dürren, Missernten, Krankheiten und den Indianern. Vor allem die Frauen haben es schwer, in dieser erbarmungslosen Umgebung zu bestehen. Da kann man schon mal durchdrehen und den Verstand verlieren.

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Durch die Härten des Lebens wahnsinnig geworden - den Frauen muss geholfen werden.

(Foto: AP)

Genau das passiert drei Frauen in Loup, einem Nest im Nebraska-Territorium: Arabella Sours (Grace Gummer, Tochter von Meryl Streep), erst 19 und schon drei Kinder verloren; Theoline Belknapp (Miranda Otto), verzweifelt durch unzählige Missernten, Rückschläge und die harten Lebensumstände; und Gro Svendsen  (Sonja Richter) aus Norwegen, von ihrem Mann immer und immer wieder genommen wie ein Tier ("Mach mir einen Sohn! Mach mir einen Sohn!"). Alle drei haben sich verabschiedet von der äußeren Welt, reden nicht, starren nur vor sich hin, bis auf Gro mit ihren aggressiven, gefährlichen Ausbrüchen.

Zurück in die Zivilisation

Die Gutmenschen von Loup, allen voran Reverend Dowd (John Lithgow), beschließen: die armen Geschöpfe müssen zurück in den Osten, in die zivilisierte Welt. Ihre Männer sind dazu nicht in der Lage, können oder wollen sich nicht auf diesen Treck begeben - denn der bedeutet fünf Wochen durch die öde Steppe, durch Wind, Schnee und Eis, durch Indianerland. Eine lebensgefährliche Reise - noch dazu mit drei unberechenbaren, dem Wahnsinn verfallenen Frauen als menschliche Fracht. Wer machts?

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Schlafen, kochen, essen im Schnee - die fünfwöchige Reise wird hart.

(Foto: dpa)

Nur eine Frau erklärt sich schließlich bereit, die alleinstehende und fromme Siedlerin Mary Bee Cuddy (Hilary Swank). Sie empfindet es als ihre Pflicht als gottesfürchtiger Christenmensch, den von allen guten Geistern verlassenen Frauen zu helfen. Erst später wird ihr mit Schrecken klar, welch lebensgefährliche Aufgabe sie da auf sich genommen hat - und nimmt sich einen Mann zur Hilfe, der sie begleitet. Das tut Outlaw George Briggs (Tommy Lee Jones) allerdings nicht ganz freiwillig - sie erpresst ihn: mit seinem Ehrgefühl. Und mit Geld, denn sicher ist sicher.

Das Recht des Stärkeren

Und so schlägt sich das ungleiche Paar durch die Prärie, unter denkbar schwierigen Bedingungen. Alles um sie herum ist bedrohlich, ja lebensgefährlich - die Stürme, die Kälte, der Schnee, die Indianer und auch die Siedler-Trecks. Denn hier herrscht das Gesetz des Stärkeren, man nimmt sich, was man braucht, der Schwächere bleibt tot zurück. Dazu die drei durchgedrehten Frauen im Wagen, unberechenbar und aggressiv, die man keine Minute aus den Augen lassen darf und festbinden muss.

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Kampf um Leben und Tod - und um eine Frau.

(Foto: AP)

Aber Mary ist eine taffe Frau, sie hat schließlich auch Haus, Hof und Land allein bestellt. Und auch der ungehobelte George weiß, was zu tun ist, weiß auch mit feindlich gesinnten Indianern umzugehen. So nähern sich die beiden immer mehr an, was schließlich dazu führt, dass Mary ihm ein überraschendes Angebot macht, das schwerwiegende Folgen hat und alles ändert.

Wider die Verwahrlosung

Tommy Lee Jones hat sich bei "The Homesman", seiner zweiten Regiearbeit nach "Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada" von 2005, für eine großartige Hauptdarstellerin entschieden: Hilary Swank spielt die fleißige, fromme Farmerin äußerst überzeugend und beeindruckend. Sehr berührend, zu sehen, wie sie auch in der rauen, kargen Umgebung versucht, den Grad der Zivilisierung hochzuhalten: die Frisur immer perfekt, die Kleidung makellos, Blumen und Tischdecke auf dem Tisch, das Häuschen blitzt, zum Nachtisch gibts Kuchen. Und wenn sie dann auf ihrem Behelfsklavier aus Stoff "spielt" und dazu singt, versteht man: Sie will das Rohe, Grobe, Sittenlose nicht siegen lassen und nicht der Verwahrlosung anheimfallen.

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Mary Bee ist fromm, fleißig - und den Männern zu selbstbewusst.

(Foto: AP)

Mary Bee hat einen eisernen Willen, einen festen Gottesglauben - und ein großes Herz, erfüllt von Nächstenliebe. Aber ihre Selbstständigkeit, ihr Selbstbewusstsein und ihre forsche Art - heute würde man sie vielleicht feministisch nennen - schreckt die Männer ab. Sie kann zwar kochen, backen, das Feld bestellen, ist fleißig und geschickt - aber sie sei viel zu direkt für eine Frau, viel zu dominant und zudem "trocken", weist etwa Farmer Bob Giffin ihr Heiratsangebot brüsk ab.

"Los, pinkeln!"

Tommy Lee Jones, in diesem Film Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent in einem, gibt in gewohnter Qualität den zerfurchten, grummeligen Rumtreiber. Garstig und zynisch, aber auch durchaus empfindsam und liebevoll im Umgang mit den Frauen. Und sogar komisch - etwa, wenn er eine der teilnahmslosen Frauen zum morgendlichen Toilettengang mitten in der Prärie bringen muss: "Und jetzt: pinkeln! Los, pinkeln!"

Nicht nur in dieser Szene hat der Film lustige Momente - auch wenn er in seinem Grundton eher ein düsteres, hartes, gnadenloses Bild des amerikanischen Westens zeichnet. Aber spätestens wenn der Wagen mit den Frauen an der Ostküste ankommt, wo sie von der Pastorenfrau Altha Carter (Meryl Streep) warmherzig in Empfang genommen werden, ändert sich die Atmosphäre des Films schlagartig - die Farben werden wärmer, das Licht heller. Ein berührender Film mit starken Darstellern.

"The Homesman" startet am 18. Dezember 2014 in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de