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Hommage an Herbert Grönemeyer Hol' doch mal Luft, Junge!

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Mit 18 rannte er in Düsseldorf rum. Ach nee, das war der andere: Herbert Grönemeyer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Ruhrgebiet nennen sie ihn Häbbärt, er gibt seinen Zuhörern ein Stück Heimat, hasst die Hitparade, kann nicht singen, tut es trotzdem, ist cooler als Westernhagen, macht Kitsch, der die Herzen rührt und ist gar nicht in Bochum geboren. Wer? Na Herbert Grönemeyer! Und weil er heute 55 Jahre alt wird, gibt’s hier eine kleine Hommage.

Häbbärts Poeten-Schaffen

von Jochen Müter

"4630 Bochum". Da bin ich geboren. Und so hieß auch Grönemeyers erstes dickes Album. Den Charme des inzwischen zum Mitgröl-Song gewandelten Titelstückes kann aber eigentlich nur verstehen, wer nachts schon mal die A40, die Hauptschlagader des Ruhrpotts zwischen Essen und Dortmund, befahren hat. Rechte Spur, knapp unter 100, Fenster geöffnet, ich hab es nicht eilig, ich bin doch längst da. Castrop-Rauxel riecht anders als Gelsenkirchen, Bochum leuchtet heller als Herne, Duisburg ist flacher als Wanne-Eickel. Der Pulsschlag aus Stahl – Vergangenheit. Aber doch: Hier klebt der Schweiß auf der Haut, hier lebt noch sowas wie Ehre, hier existiert noch ein Ansatz von Zusammenhalt, der auf Geld keinen Wert legt.

Häbbärt, wie viele im strukturgewandelten Revier Grönemeyer nennen, fühlte das auch, soviel ist sicher. Und schrieb eine Ode an das Himmelbett für Tauben. Kurz reichte das für uns, die wir jung, aufbrausend, hungrig und doch irgendwie heimatlos waren Mitte der 80er, um einen Kult-Song zu haben, der uns sagte, wo wir hingehören. Und dass wir immer ein Zuhause haben werden, egal, wo es uns hintreibt. Danach wurde Grönemeyer schnell Pop – und niemand kann es ihm übel nehmen, denn er hatte wohl nie etwas anderes versprochen. Er füllt die Stadien, er lässt Augen leuchten, er begreift sein Poeten-Schaffen als Handwerk. Solange er, inzwischen gerne auch fernab von 4630 Bochum, den Zuhörern ein Stück Heimat gibt, macht er jedenfalls einen guten Job.

Beide Daumen gehen nach oben

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Musik und ein Typ für Leute, die auch auf Simply Red stehen?

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

von Volker Probst

In meiner Erinnerung habe ich Herbert Grönemeyer das erste Mal mit "Männer" in der ZDF-Hitparade zur Kenntnis genommen. Aber meine Erinnerung muss mich täuschen. Grönemeyer ist in der Hitparade gar nicht aufgetreten – "denn da stehen Leute dahinter, die ich in meinen Liedern bekämpfe". Sympathisch, muss ich heute sagen. Nun gut, wenn es nicht die Hitparade war, dann muss es ein anderes der damals noch spärlich gesäten Musik-Formate im Fernsehen gewesen sein. Jedenfalls erinnere ich mich an sein blaues Hemd, seine blonde Langhaar-"Frisur" und daran, dass ich ein gefühltes halbes Leben gebraucht habe, um die Zeile "werden als Kind schon auf Mann geeicht" zu dechiffrieren. Uncool, habe ich damals gesagt. Musik und ein Typ für Leute, die auch auf Simply Red stehen.

Hitparade hin oder her – das muss circa 1984 gewesen sein. Wer hätte damals gedacht, dass dieser nuschelnde Ruhrpottler 27 Jahre später immer noch allgegenwärtig sein würde. Ja, mehr noch: Dass er gar zu einer Art musikalischem Nationalheiligtum werden würde. Keine Frage: "Herbie" gehört zu uns wie Bochum, die Currywurst und die Flugzeuge in unserem Bauch. Und natürlich: Spätestens mit "Mensch" und der so unglaublich würdevollen Aufarbeitung seiner persönlichen Schicksalsschläge hat er sich auch meinen Respekt nur allzu verdient. Eine Platte von Grönemeyer habe ich mir noch immer nicht gekauft, aber man muss kein Fan seiner Musik sein, um Achtung vor ihm, seinem sozialen Engagement und seiner stillen Größe zu haben. Simply Red finde ich immer noch zum Schreien scheiße, bei Herbert Grönemeyer indes gehen beide Daumen nach oben.

Der VfL und nie gespielte Doppelpässe

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Hoffentlich das letzte Mal: Herbert Grönemeyer am 14. Oktober 2006 im Bochumer Ruhrstadion.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

von Stefan Giannakoulis

Es ist tatsächlich ein wenig so, als käme ich nach Hause. Stehplatz Osttribüne, Block Q rechts, ein paar Stufen rauf, links hinterm Tor. Und er ist immer dabei. Also nicht er selbst, zum Glück. Das bisher letzte Mal, dass Herbert Grönemeyer sich ein Fußballspiel im Ruhstadion angesehen hat, ist fünf Jahre her. 31.328 Zuschauer waren am 14. Oktober 2006 dabei, als er sich dafür feiern ließ, dass er einen Aufnahmeantrag beim VfL Bochum unterschrieben hat und die Mitgliedsnummer 4630 bekam – Sie wissen schon, die berühmte Langspielplatte. Anschließend verlor der VfL mit 0:6 gegen Werder Bremen. Und Herbert Grönemeyer kommt seitdem nur noch ins Ruhrstadion, um Konzerte zu geben.

Was bleibt, tief im Westen, ist sein Lied. "Machst mit dem Doppelpass jeden Gegner nass, Du und Dein VfL – Bochum." Seit März 1992, schlappe acht Jahre nach Erscheinen des Albums, läuft Grönemeyers Hymne vor jedem Spiel. Und ja, alle, zumindest die auf der Osttribüne, grölen mit. Auch wenn der VfL seine Doppelpässe, wenn überhaupt, seitdem viel zu oft in der zweiten Liga spielt. Und das gemeinsame Singen bisweilen der einzige Höhepunkt eines tristen Fußballnachmittags ist. Aber immerhin: Das Lied nimmt uns keiner. "Wer wohnt schon in Düsseldorf?" So kann es vorkommen, dass ein einsamer VfL-Fan im Berliner Exil bisweilen des Nachts nichts Besseres zu tun hat, als sich ein Bier aufzumachen, ganz laut und ganz oft "Bochum" zu hören und von nie gespielten Doppelpässen zu träumen. Und sich vorzustellen, er sei zu Hause.

Es ist gut, dass es vorbei ist

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Wie schafft es Grönemeyer, die Textstelle "Hat Dich beim Wühlen in den Kissen denn nie Dein Gewissen gebissen?" mit der Musik in Einklang zu bringen?

(Foto: picture-alliance / dpa)

von Jan Gänger

Er kann nicht singen. Er kann nicht tanzen. Egal, geht mir genauso. Außerdem darf ich das Herbert Grönemeyer wirklich nicht übelnehmen. Diese Nachsicht hat vor allem einen Grund: Seine Lieder gehören zum Soundtrack meiner Jugend. Was war das bloß für eine Jugend, kann man jetzt berechtigterweise fragen. Nun denn, begeben wir uns in die zweite Hälfte der 80er. Ich war dabei. Grönemeyer auch. "Bochum", "Männer", "Flugzeuge im Bauch", "Alkohol". Das ist die Musik von Geburtstagsfeiern in Kinderzimmern, in denen man erwachsen tat und es total doof fand, wenn Mutti oder kleiner Bruder auftauchten. Als es noch Schallplatten gab, die man auf Kassette überspielte, um sie dann in den Walkman zu schieben – dieses unförmige, gefühlt zwei Kilogramm schwere Statussymbol, das zwar Vorspulen konnte, was man aber dennoch nicht tat. Sonst war die Batterie ganz schnell alle.

Später "Sprünge", "Tanzen", "Lächeln", "Maß aller Dinge", "Kinder an die Macht". Das ist die Musik vom Grübeln über Politik und Zeitgeschichte. Über Helmut Kohl, Deutschland und die Dritte Welt. Von ehrlich gemeinter Empörung über Ungerechtigkeiten und dem Verzweifeln über den Lauf der Dinge. Noch später "Vollmond". Den Text kann ich heute bestimmt noch. Zumindest teilweise. Aber das ist nichts gegen "Was soll das". Ich habe das Lied hoch und runter gehört. Allerdings verstehe ich trotzdem noch immer nicht, wie Grönemeyer es verblüffenderweise schafft, die Textstelle "Hat Dich beim Wühlen in den Kissen denn nie Dein Gewissen gebissen?" mit der Musik in Einklang zu bringen.

Das werde ich wohl nie herausfinden, denn ich höre ihn nicht mehr. Das ist nicht weiter tragisch, ich hatte mich irgendwann von Grönemeyer weit entfernt, fortan begleitete mich andere Musik. Fall der Mauer, Wiedervereinigung, Studium in Berlin. Nein, da ist kein Grönemeyer zu hören. Ich habe ihn wie meine Jugend irgendwo zurückgelassen. Ich höre ihn nicht mehr. Und wie das mit der Vergangenheit im Rückblick so ist: Sie war schön. Trotzdem ist es gut, dass sie vorbei ist.

Hol' mal Luft, Junge!

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Hach. Räusper. Jetzt wird aber wieder Jazz-Radio gehört.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

von Samira Lazarovic

"Schatten im Blick - Dein Lachen ist gemalt - Deine Gedanken sind nicht mehr bei mir."
Diese Stimme. Ach du meine Güte. Ist das überhaupt Gesang?

"Streichelst mich mechanisch - völlig steril - eiskalte Hand - mir graut vor Dir."
Na, kein Wunder! Ich weiß ja nicht, wem das gilt, aber wenn mich jemand so anplärren würde, würde ich auch kalte Hände kriegen. Streicheln? Nein, momentan lieber nicht, danke.

"Fühl mich leer und verbraucht - alles tut weh - hab Flugzeuge in meinem Bauch."
Abgesehen davon, dass hier eine hübsche Metapher mal so mir nichts, dir nichts umgemodelt wird - schon mal probiert, auch so zu singen? Für eine gute Grönemeyer-Imitation muss man zu allererst die Luft anhalten. Und dann geht es los – einfach Kinn aufs Brustbein und die Worte kräftig und stoßartig rauslassen!

"Kann nichts mehr essen – kkk-ann dich nicht vergessen - aber auch das gelingt mir noch."
Vorsicht! Luft holen!!! Und jetzt gleich noch mal, aber mit Gefühl, in den Refrain. Brust raus, Kinn runter:

"Gib mir mein Herz zurück - Du brauchst meine Liebe nicht?- Gib mir mein Herz zurück - bevor’s auseinander bricht - Je eher je eher du gehst - umso leichter umso leichter wird's für mich." 
Hm. Gar nicht mal so schlecht. Aber gleich wechsle ich den Radiosender. Wirklich. Im Ernst. Wer hört denn schon Herbie? Nur noch eine Strophe vielleicht ... nur so zum Mitsingen ... und dann noch mal den Refrain, oh ja!

"Brauch niemand der mich quält - niemand der mich zerdrückt - niemand der mich benutzt - wann er will."
Genau, Du sagst es!

"Niemand der mit mir redet nur aus Pflichtgefühl - der nur seine Eitelkeit ..."
... ja, seine verdammte Eitelkeit! ...

"... an mir stillt. Niemand der nie da ist - wenn man ihn am nötigsten hat - wenn man nach Luft schnappt - auf dem Trocknen schwimmt."
... und jetzt gleich das ooohhh ...

Lass mich los – ohhhh- lass mich in Ruh - damit das ein Ende nimmt."
Warte, ich kurbel’ mal rasch die Fenster runter, damit alle anderen an der Ampel auch mitsingen können. Auf drei, alle zusammen:

"Oh - gib mir mein Herz zurück - Du brauchst meine Liebe nicht -? Gib mir mein Herz zurück -?bevor's auseinander bricht - Je eher je eher Du gehst - umso leichter umso leichter wird's für mich."?

Hach.
Räusper.
Jetzt wird aber wieder Jazz-Radio gehört.

Grönemeyer – der coolere Westernhagen

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Marius entschied sich für Anzüge und peinliche Feuerzeug-Balladen und dafür, nur noch Westernhagen zu heißen.

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von Hubertus Volmer

Die 80er Jahre waren nicht bunt, sie waren schwarz-weiß. Es gab den Westen und den Osten, Karottenhosen und Röhrenjeans, Michael Jackson und Prince. Und es gab Marius Müller-Westernhagen und Herbert Grönemeyer. Zumindest in meiner Welt war der eine - vor allem wegen des Films "Theo gegen den Rest der Welt" - kulturell akzeptiert. Grönemeyer nicht. Grönemeyer war steif und uncool.

Ein Irrtum, alles. Ende der 80er fiel die Mauer, Marius entschied sich für Anzüge und peinliche Feuerzeug-Balladen und dafür, nur noch Westernhagen zu heißen, die Karottenhosen landeten auf dem Müllhaufen der Geschichte. Es dauerte noch ein wenig, bis ich merkte, dass Grönemeyer der eigentlich Coole war. Ein Fan bin ich nicht geworden, aber eines habe ich verstanden: Zwar ist die Welt auch heute noch gelegentlich schwarz-weiß. Es ist nur nicht immer so leicht zu erkennen, was das Schwarze und was das Weiße ist.

Mambo von der Westverwandschaft

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Da sind Textfragmente, oft Wortgruppen nur, die rühren.

(Foto: picture-alliance / dpa)

von Nadin Härtwig

Mein Stück Grönemeyer besteht aus bisher zwei Akten. Erster Akt, 1990, Auftritt Onkel Arno aus Westdeutschland: Ich bekomme seine sehr kleine, sehr bescheidene Plattensammlung vermacht. Darunter vieles, das Mist ist, Mist war und Mist bleiben wird. Und Madonna, Depeche Mode und Herbert Grönemeyers "Bochum". Des Englischen noch nicht mächtig, sagt mir der Deutsch singende, mir unbekannte Herr mehr zu als die Popdiva, für die ich mich nie so richtig begeistern kann, oder die Synthie-Pop-Ikonen, deren musikalischen Wert ich erst später zu würdigen weiß - als ich mir mein viertes Ohrloch stechen lasse. Und so tanze ich in kindlicher Freude zu "Mambo" durchs Kinderzimmer und entwickle erste gesellschaftskritische Ambitionen zu "Amerika". Ende des ersten Aktes.

Zweiter Akt, 2010, Auftritt Kitsch: Seit ich Kitsch mag, ist Grönemeyer wieder da in meinem Leben. Das ist noch nicht so lange. Der mir längst nicht mehr unbekannte Sänger dudelt im Radio, nicht meine Musik, will schon wegklicken, doch plötzlich muss ich den Kloß in meinem Hals runterschlucken. Nicht seine musikalische Finesse, nicht seine eingängigen Melodien, nicht seine Qualitäten als Sänger sind dafür verantwortlich. Ich bin kein Fan, gehe nicht zu seinen Konzerten, bin über die "Bochum"-Platte nie hinausgekommen. Aber da sind Textfragmente, oft Wortgruppen nur, die mich rühren. Bei denen ich denke: Das sind die Worte, die mir oft fehlen. Nach denen ich verzweifelt suche, weil ich sie verschenken möchte. Ausgang offen.

Lederball, seine Familie und ein Klavier

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Nein, geboren wurde er gar nicht in Bochum, sondern ist erst mit drei bis vier Monaten dorthin gekommen. Skandal!

(Foto: picture alliance / dpa)

von Nikolas Neuhaus

Als Kind des Ruhrgebiets hat man wohl per se eine ganz eigene Einstellung zu Herbert Grönemeyer, dem Musiker, der nicht aus Deutschland, sondern aus Bochum kommt. Wenn der seinen musikalischen Durchbruch mit "Männer" dann auch noch just im Jahr der eigenen Einschulung feiert, muss man – Musikgeschmack hin oder her - dieses Schicksal annehmen. Entsprechend aufgeregt fieberte ich deshalb jenem 23. März 1994 entgegen, als Grönemeyer auf seiner "Chaos"-Tour ausgerechnet in Bochum Station machte und neben einer beunruhigend unaufgeregten Reporterin des Lokalradios auch einem zitternden Schülerzeitungsredakteur einen Interviewtermin gewährte.

Da waren sie also, meine 15 Minuten. Nein, geboren wurde er gar nicht in Bochum, sondern ist erst mit drei bis vier Monaten dorthin gekommen. Skandal! Ja, auch er trauert der guten alten LP hinterher, obwohl die so leicht zerkratzt. Hört hört: Das Musikalische an der Waldorfschule findet Grönemeyer toll, das Verhältnis zur Sexualität nicht. Und schon ist die Zeit fast abgelaufen – wäre da nicht noch die wichtigste aller Fragen offen: Auf eine einsame Insel würde Herbert Grönemeyer einen Lederball, seine Familie und ein Klavier mitnehmen.

Quelle: n-tv.de

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