Kino

(Anti-)Kriegsfilm reloaded "Im Westen nichts Neues"? Von wegen!

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Felix Kammerer schlüpft in die Rolle des Soldaten Paul Bäumer.

(Foto: Reiner Bajo / Netflix)

Der Ukraine-Krieg lässt uns derzeit mit Entsetzen nach Osten schauen. Die Neuverfilmung von "Im Westen nichts Neues" richtet den Blick indes in die entgegengesetzte Richtung und über 100 Jahre zurück. An Aktualität aber hat der Stoff nichts eingebüßt.

Zumindest hierzulande ist "Im Westen nichts Neues" aus der Feder von Erich Maria Remarque wohl der Klassiker der Antikriegsliteratur schlechthin. Und das, obwohl der "Roman", wie das 1928 verfasste Werk erst seit 1957 genannt wird, eigentlich nur eine nüchterne Kriegsbeschreibung ist.

Remarque verarbeitete in seinem Buch nicht nur seine eigenen Erfahrungen als Soldat des Deutschen Reichs an der Westfront im Ersten Weltkrieg (1914-1918). Er ließ auch die Berichte und Tagebuchaufzeichnungen anderer Frontkämpfer in seine Erzählung einfließen, durch die der fiktive Paul Bäumer aus der Ich-Perspektive führt.

Die Bezeichnung "Roman" ist somit schon ganz zutreffend. Der Realitätsnähe der Schilderung tut dies jedoch keinen Abbruch. Dies bestritten allenfalls die Nazis, die Ausgaben von "Im Westen nichts Neues" zu Tausenden verbrannten. Allen anderen indes ist das Buch eine immerwährende Mahnung vor den Gräueln bewaffneter Konflikte, erst recht in Zeiten der industriellen Kriegsführung und Massenvernichtungswaffen.

Durch die deutsche Brille

So reicht allein Remarques sachliche Beschreibung der grausamen Geschehnisse in den Schützengräben, Bombentrichtern und Giftgaswolken aus, um "Im Westen nichts Neues" von der Kriegs- zur Antikriegserzählung zu erheben. Dafür brauchte es keine Ideologie und keinen erhobenen Zeigefinger. Ein Umstand, der etwa Kriegsdienstverweigerern zu Wehrpflichtzeiten in der Bundesrepublik entgegenkam. Sich auf Remarques Roman zu berufen, war relativ unverfänglich und gehörte deshalb zum Standardrepertoire der Verweigerung.

Zweimal wurde "Im Westen nichts Neues" bereits verfilmt. Das erste Mal tatsächlich schon 1930. Mit durchschlagendem Erfolg: Nicht nur Regisseur Lewis Milestone erhielt für seine Arbeit einen Oscar. Auch als "Bester Film" wurde der Streifen seinerzeit ausgezeichnet. Die zweite Verfilmung datiert auf das Jahr 1979. Obwohl lediglich als TV-Produktion konzipiert, erntete auch diese Umsetzung unter der Regie von Delbert Mann positive Kritiken und einen Golden Globe als bester Fernsehfilm.

Was Milestone und Mann eint: Sie waren beide US-Regisseure und ihre Filme angelsächsische Produktionen. In Deutschland hatte sich indes bisher niemand daran gewagt, den Roman aus dem eigenen Land selbst auf der Leinwand zu interpretieren. Bis jetzt. Edward Berger, in der Vergangenheit etwa als Regisseur beim "Tatort" oder bei der viel gelobten Serie "Deutschland 83" im Einsatz, hat sich daran gemacht, "Im Westen nichts Neues" erstmals durch die deutsche Brille fürs Kino und den Streamingdienst Netflix zu inszenieren.

Felix Kammerer gibt Spielfilmdebüt

Berger orientiert sich bei seiner Erzählung nur lose an Remarques Vorlage. An vielen Stellen weicht der Film vom Roman deutlich ab. Das liegt auch daran, dass er sich nicht auf die subjektive Perspektive des Soldaten Paul Bäumer (Felix Kammerer) beschränkt. So richtet Berger den Blick etwa auch aufs militärische Führungslager, wo General Friedrich (Devid Striesow) den Krieg immer weitertreiben will, oder auf die diplomatischen Gespräche über ein Ende der Kampfhandlungen in einem Eisenbahnwaggon beim französischen Compiègne. Doch auch während man dem deutschen Unterhändler Matthias Erzberger (Daniel Brühl) dabei zusieht, wie er an seinem knallharten Gegenüber der Alliierten regelrecht zerschellt, bleibt eines fortwährend klar: Auf den Schlachtfeldern draußen häufen sich in dieser Zeit weiter die Verwundeten, Verstümmelten und Toten.

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Daniel Brühl spielt als deutscher Diplomat Matthias Erzberger eher eine Nebenrolle.

(Foto: Reiner Bajo / Netflix)

Denn natürlich stehen die Kriegsgräuel, die Bäumer und seine Kameraden erfahren, auch in Bergers Verfilmung im Mittelpunkt. Hier wiederum bleibt der Regisseur dicht bei seinen Protagonisten. Er verlegt sich nicht darauf, das große Schlachtgemälde zu zeichnen, sondern rückt individuelles Leid und Schrecken in den Vordergrund. Die Thematisierung des Giftgaskriegs etwa lässt er dabei geradezu links liegen. Dafür bekommt zum Beispiel die auch von Remarque beschriebene Szene, in der Bäumer mit einem langsam sterbenden Franzosen im Trichter liegt, ganze elf heftige Minuten lang Raum.

Abgesehen von Striesow und Brühl wartet der Film mit einem nur mittelmäßig bekannten Cast auf. Dass kein überbordendes Staraufgebot vom Eintauchen in die Handlung ablenkt, ist jedoch eher ein Vor- als ein Nachteil. Die Speerspitze bildet dabei der Österreicher Felix Kammerer in der Hauptrolle des Paul Bäumer. Für den unter anderem am Wiener Burgtheater beschäftigten 27-Jährigen ist es sein Spielfilmdebüt.

Deutscher Beitrag beim Oscar

Und das ist ebenso beeindruckend wie der Film an sich, dem es gelingt, den Betrachter über fast zweieinhalb Stunden beklommen in den Sitz zu drücken. Dazu trägt auch das Wechselspiel aus dem intensiven Kameraeinsatz des Briten James Friend und der bewusst verstörend eingesetzten Filmmusik von Volker Bertelmann bei. In der Summe wird so auch aus der deutschen Neuinterpretation von "Im Westen nichts Neues" ein überzeugender Antikriegsfilm, der sich vor den bisherigen Umsetzungen nicht zu verstecken braucht. Nicht ohne Grund geht der Film bei der kommenden Oscar-Verleihung als deutscher Beitrag ins Rennen.

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Am Ende sind Tod und Zerstörung die einzige Bilanz.

(Foto: Reiner Bajo / Netflix)

Obwohl sich diese Geschichte um einen Konflikt dreht, der mittlerweile über 100 Jahre zurückliegt, erscheint sie vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs aktueller denn je. Ein Angriffskrieg, der der sich verteidigenden Ukraine aufgezwungen wurde und aus dem es derzeit auch nur einen militärischen Ausweg zu geben scheint. Die Botschaft, die "Im Westen nichts Neues" sendet und Bergers Film nun einmal mehr untermauert, ist dennoch wichtig und für alle Zeiten richtig: Am Ende kennen Kriege auf allen Seiten nur Verlierer.

"Im Westen nichts Neues" läuft ab sofort in den deutschen Kinos und ist ab 28. Oktober auf Netflix abrufbar.

Quelle: ntv.de

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