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Jeder kann infiziert sein: Darin liegt der Reiz von "It Comes At Night".
Jeder kann infiziert sein: Darin liegt der Reiz von "It Comes At Night".
Donnerstag, 18. Januar 2018

Überleben nach der Apokalypse: "It Comes At Night" und die Welt stirbt

Von Thomas Badtke

"Alles wird wieder gut", sagt Paul. "Das glaubst du doch nicht im Ernst, oder?", antwortet seine Frau Sarah. Paul hat Sarahs Vater erschossen und angezündet. Er war "infiziert". Die Welt geht gerade unter, "It Comes At Night" beginnt aber erst.

Es sind noch keine fünf Minuten von "It Comes At Night" vergangen, da weiß der Zuschauer bereits: Der Film ist gut. Das Bauchgefühl stimmt, auch wenn dem Magen flau ist: Eine Frau blickt in das von einer Krankheit gezeichnete Gesicht eines alten Mannes. Ihr Gesicht ist hinter einer Atemschutzmaske versteckt, der Mann ist ihr dem Tod geweihter Vater. Allen Tränen zum Trotz: Sie kann ihm nicht helfen. Er bricht zusammen.

"It Comes At Night" startet am 18. Januar in den deutschen Kinos.
"It Comes At Night" startet am 18. Januar in den deutschen Kinos.

Kurz darauf liegt er draußen vor dem Haus der Familie. Der Mann der Frau, ebenfalls mit einer Atemschutzmaske versehen, zielt mit einer Waffe auf seinen Kopf. Er drückt ab, seine Frau schluchzt. Der Mann überkippt die Leiche mit Benzin, zündet es an. Die Flammen lodern, die Frau weint. Wofür das alles? Für ihren Sohn: Travis (Kelvin Harrison Jr.; "Roots")  ist der einzige Grund, warum Paul (Joel Edgerton; "The Gift") und Sarah (Carmen Ejogo; "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind") das tun mussten. Travis ist der einzige Grund, warum sie überhaupt noch am Leben sind.

Immer unter Strom

Denn die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Ein tödlicher Virus brach aus, der jeden niederstreckt, der sich infiziert. 100 Prozent Todesrate. Woher er kam? Paul, Sarah und Travis wissen es nicht. Sie wissen auch nicht, wie sich Sarahs Vater infiziert hat. Aber was sie wissen, ist, dass er tot ist. Und was sie ebenfalls wissen: Fremde sind in ihrer Welt nicht erwünscht. Das Risiko ist einfach zu groß.

Paul, Sarah und Travis leben abgekapselt von der Außenwelt. Zurückgezogen in einem Haus im Wald. Autark. Entsprechend knapp sind die Lebensmittelvorräte. Sie haben Regeln aufgestellt, an denen sie sich strikt halten: Niemals allein rausgehen. Niemandem vertrauen. Die Türen immer geschlossen halten. Doch eines Nachts hört Sarah ein Geräusch im Haus.

Pauls erste Handgriffe, nachdem Sarah ihn geweckt hat, gehen zielgerichtet zu Atemschutzmaske, Gewehr und Taschenlampe. Er schleicht sich nach unten, den Geräuschen entgegen. Auf alles gefasst.

Es kann jeden treffen

Ein Fremder im Haus? Selbst unbewaffnet stellt das eine tödliche Gefahr dar.
Ein Fremder im Haus? Selbst unbewaffnet stellt das eine tödliche Gefahr dar.

Als plötzlich ein Fremder vor Paul steht, fehlt nicht viel und er hätte ihn über den Haufen geschossen. Paul schreit ihn an, der Fremde hebt die Hände, beschwichtigend, er geht auf die Knie, bittet und bettelt.

Der Fremde heißt Will (Christopher Abbott; "Whiskey Tango Foxtrot"). Wie Paul ist er ein Familienvater. Wie Paul will auch er nur das Überleben seiner kleinen Familie sichern: Seine Frau Kim (Riley Keough; "Mad Max - Fury Road") und ihr gemeinsamer Sohn Andrew leben nicht weit weg, wie er sagt. Will möchte nur ein paar Lebensmittel, etwas Wasser. Dann sei er wieder weg, verspricht er.

Paul bleibt misstrauisch. Wer sagt, dass der Fremde die Wahrheit spricht? Vielleicht ist er nur ein Kundschafter einer größeren Gruppe? Vielleicht lügt er wie gedruckt? Paul überlegt: Jeder kleinste Fehler könnte den Tod von Sarah und Travis bedeuten, denn niemand weiß: Wer hat sich schon mit dem Virus angesteckt? Freund oder Feind? Familie oder Fremder? Es kann jeden treffen …

Überleben oder Moral?

Die Sache kann nur eskalieren.
Die Sache kann nur eskalieren.

Bis zu diesem Punkt von "It Comes At Night" sind gerade knapp 15 Minuten vergangen. Das flaue Gefühl in der Magengegend verstärkt sich. Die Nackenhaare stellen sich auf. Gänsehaut läuft über den Rücken. Was wird jetzt passieren?

Regisseur Trey Edward Shults ("Krisha") spielt gekonnt mit den Empfindungen der Zuschauer. Sein Horrorfilm ähnelt einem Kammerspiel, bei dem vieles im Dunkeln bleibt. Die so erzeugte Spannung hält von der ersten bis zur letzten der 90 Minuten an.

Dabei spielt Shults gekonnt auf der Klaviatur menschlicher Grenzerfahrungen. Manch einem würde schon angst und bange, wenn er zurückgezogen in einem Wald leben müsste. Manch anderer dürfte dabei erschauern, in einer postapokalyptischen Welt ohne Regeln und Moral leben zu müssen und darüber hinaus nicht zu wissen, was den Weltuntergang heraufbeschworen hat.

Denkt man in solch einer Situation nur noch an sich und seine Liebsten? Oder hilft man auch anderen Menschen? Wenn die Menschlichkeit stirbt, ist man da nicht schon lange selbst tot? "It Comes At Night" kommt mit wenig Gewalt und Blut aus, besitzt gleichzeitig aber den Mut, solch philosophische Fragen aufzuwerfen - bei einem Horrorfilm eher eine Ausnahme.

"It Comes At Night" ist eine Mischung aus "The Walking Dead" und "You're next": Post-Apokalypse meets Home-Invasion-Horror. Das Bauchgefühl stimmt. Der Film wird seine Fans finden - und birgt auch genug Möglichkeiten für einen zweiten Teil.

"It Comes At Night" startet am 18. Januar in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de