Kino

Der tägliche Kampf ums Überleben Javier Bardem in "Biutiful"

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Was für ein Blick! Uxbal im Überlebenskampf: im Sweatshop der Chinesen mitten in Barcelona, wo gefälschte Taschen hergestellt werden.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Kein Streifen, nach dem man mit einem fröhlichen Gefühl den Saal verlässt. Keine leichte Kost, aber ein beeindruckender Film, der lange nachwirkt. "Eine körperliche, spirituelle und emotionale Reise" mit einem umwerfenden Javier Bardem in der Hauptrolle - dafür bekam er die Goldene Palme von Cannes.

Ich muss gleich zu Beginn zugeben: ich habe eine kleine Schwäche für Javier Bardem. Eine große Schwäche sogar. Ein großartiger Schauspieler, ein attraktiver, aber uneitler Mann mit Mut zur Hässlichkeit (man denke nur an seine graue Halbglatze in "Das Meer in mir"). Ich finde gar nicht, dass er "wie ein Affe aussieht", wie er kürzlich gegenüber einer deutschen Frauenzeitschrift sagte. Gut, er hat sehr markante Züge, ein kantiges Gesicht – aber das ist ja nicht das Schlechteste, das gibt ein gutes Gegengewicht zu der scheußlichsten, lächerlichsten Frisur der Filmgeschichte, die ihm die Coen-Brüder in "No country for old men" verpasst haben. Und dieses markante Gesicht trägt über weite Teile auch diesen Film.

Auch der Film ist, entgegen dem Titel, im herkömmlichen Sinne nicht schön. Kein Streifen, nach dem man mit einem leichten, fröhlichen, hoffnungsvollen Gefühl den Saal verlässt, bei dem man erleichtert aufseufzt, wenn das Licht angeht. Im Gegenteil. Keine leichte Kost, keine Liebhaber-Rolle für Bardem wie in der Komödie "Vicky Cristina Barcelona" oder wie in "Eat Pray Love". Er, in der Rolle des Uxbal, liebt auch in diesem Film, am allermeisten seine Kinder, irgendwie auch seine manisch-depressive Frau – aber vor allem anderen kämpft er. Er kämpft an allen Fronten – um seine Kinder, gegen seine Krankheit, um sein Leben, ums Überleben.

Nichts ist sicher

Uxbal ist ein Kleinkrimineller in Barcelona, der sich mit Geschäften mit illegalen Einwanderern durchschlägt – für die Vermittlung von raubkopierten CDs, gefälschten Markenhandtaschen und Schwarzarbeitern auf dem Bau bekommt er seinen Anteil, auch für die Bestechung von Polizisten, damit die möglichst nicht so genau hinschauen. Ein unsicheres Geschäft, bei dem man sich nie wirklich auf jemanden verlassen kann. Eine prekäre Situation, in der jederzeit alles in die Luft fliegen kann.

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Hausaufgabenhilfe für seine Tochter Ana: wie schreibt man eigentlich beautiful?

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ein sehr widersprüchlicher Charakter also, dieser Uxbal – er beschützt illegale Einwanderer vor dem Gesetz und beutet sie gleichzeitig aus. Zudem besitzt Uxbal eine seherische, eine spirituelle Gabe – er kann zu Verstorbenen sprechen, kann zu ihnen eine Verbindung herstellen. Dafür bekommt er Geld von den Angehörigen – er nimmt es nicht gern, aber er nimmt es. Schließlich ist er Vater zweier Kinder, die er sehr liebt und für die er mehr oder weniger allein sorgen muss, da die psychisch labile Mutter das Sorgerecht verloren hat. Er tut das, so gut er kann: er kocht, er bringt die Kinder zur Schule, macht mit ihnen Hausaufgaben.

Wenige helle Momente

Diese Momente sind die wenigen hellen Flecken im Film: die gemeinsamen Mahlzeiten, der Spaß, den sie miteinander haben, die große Zärtlichkeit. Das Elend, die Unsicherheit, die Probleme des Alltags sind für kurze Zeit ausgeblendet. Um dann mit um so größerer Heftigkeit hereinzubrechen: Uxbal hat große Schmerzen, er pinkelt Blut und erfährt, dass er Krebs hat und wohl nur noch wenige Monate zu leben. Was wird aus den Kindern? Die Mutter kann nicht für sie sorgen, labil wie sie ist. Uxbals Bruder Tito ist ein unverantwortlicher, krimineller Lebemann und daher auch keine Hilfe. Dann geschieht die nächste Katastrophe: die Polizei veranstaltet eine große Razzia und nimmt viele der afrikanischen Straßenhändler fest, mit denen Uxbal "gearbeitet" hat - ein Großteil wird abgeschoben. Auch bei den chinesischen Arbeitern, die die gefälschten Waren herstellen, geschieht Unfassbares.

Die Schlinge um Uxbal zieht sich immer mehr zu, die Situation scheint immer auswegloser, häufig fragt man sich: was denn jetzt noch? Wie schlimm kann es noch werden, wie erträgt er das? Gibt es denn so gar keine Hoffnung? Aber bei all der erdrückenden Last an Problemen, dem Elend, der scheinbaren Ausweglosigkeit ist "Biutiful" kein Film, der auf die Tränendrüse drückt. Regisseur Alejandro González Iñárritu sagte dazu: "Ich wollte, dass mein Film ... eine körperliche, spirituelle und emotionale Reise ist." Das ist es geworden – ein Filmerlebnis, das erschüttert und lange nachhallt. "Biutiful" lässt am Ende viele Fragen offen und gibt reichlich Stoff zum Nachdenken.

Kurze zweieinhalb Stunden

Dass der Film zweieinhalb Stunden lang ist, merkt man ihm nicht an. Er hat keinerlei Längen, ist zu keiner Zeit langweilig, sondern fesselt von Anfang bis Ende. Neben den großartigen Nebendarstellern, die zum Teil Laien sind – hervorzuheben hier vor allem Diaryatou Daff in der Rolle der Afrikanerin Ige – zeigt Javier Bardem in der Hauptrolle eine überragende Leistung. Sein markantes Gesicht wird in weiten Teilen des Film in Großaufnahme gezeigt, ein intimer, aber nicht voyeuristischer Blick. Für Iñárritu war Bardem "die Idealbesetzung für Uxbal ... Ich hätte den Film nicht ohne ihn machen können, denn für mich war nur er Uxbal".

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Verdient: Javier Bardem mit seiner Goldenen Palme im Mai 2010 in Cannes.

(Foto: picture alliance / dpa)

Für die überragende darstellerische Leistung in "Biutiful" wurde Bardem bereits mehrfach ausgezeichnet – so mit der Goldenen Palme in Cannes 2010 als bester Hauptdarsteller. Auch den spanischen Filmpreis Goya gewann er für die Rolle. Einen Oscar bekam Bardem für seine Verkörperung des Uxbal zwar nicht (die Konkurrenz war mit Colin Firth in "The King’s Speech" allerdings auch sehr stark), aber er war immerhin als Bester Hauptdarsteller nominiert – "Biutiful" ist damit der erste spanischsprachige Film mit einer Nominierung in dieser Kategorie.

In Deutschland kommt "Biutiful" am 10. März 2011 in die Kinos. Tragisch, schmerzhaft, spannend, beeindruckend, gut. Eine Empfehlung.

Quelle: ntv.de