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"Rollstuhl and the Gang": Steeve (Franck Falise), Farid (Soufiane Guerrab), Ben (Pablo Pauly) und Toussaint (Moussa Mansaly) rollen sich Witze reißend durchs Reha-Leben.
"Rollstuhl and the Gang": Steeve (Franck Falise), Farid (Soufiane Guerrab), Ben (Pablo Pauly) und Toussaint (Moussa Mansaly) rollen sich Witze reißend durchs Reha-Leben.(Foto: dpa)
Dienstag, 19. Dezember 2017

"Humor ist Teil unserer DNA!": "Lieber leben" ist eine Ode an das Leben

Von Sabine Oelmann

Wissen Sie, was das Blödeste an Mädchen im Rollstuhl ist? Dass man ihren Hintern nicht sehen kann. Politisch unkorrekt? Auf jeden Fall! Aber anders kommt man nicht durch die Reha, wenn man ein junger Mann mit großen Plänen und kaputtem Körper ist.

Eine Horrorvorstellung: Nicht mehr den eigenen Körper kontrollieren zu können. Jung zu sein, den Kopf voller Träume zu haben, und zu wissen, dass sie wahrscheinlich nicht mehr in Erfüllung gehen können. "Lieber leben" ist eine wahre Geschichte, inspiriert von der persönlichen Erfahrung des Regisseurs Grand Corps Malade, der als Poetry-Slammer begann und zu einem der angesagtesten Hip-Hop-Musiker Frankreichs wurde. "Lieber leben" erzählt von dem jungen, schlagfertigen Sportler Benjamin, der nach einem schweren Unfall fast vollständig querschnittsgelähmt in ein Reha-Zentrum kommt. Hier begegnet er jungen Menschen wie ihm selbst: am Boden zerstört und mit großem Lebenswillen. Dem setzen sie gemeinsam etwas entgegen, das sich nicht so leicht schlagen lässt: ihre Jugend, ihre Musik und ihren Witz.

Lieber verlieben: Ben (Pablo Pauly) lernt im Reha-Zentrum Samia (Nailia Harzoune) kennen.
Lieber verlieben: Ben (Pablo Pauly) lernt im Reha-Zentrum Samia (Nailia Harzoune) kennen.(Foto: dpa)

Ja, Benjamin hatte haufenweise Pläne und einen großen Sinn für Humor. Auch Farid hatte einiges vor, bevor er vor Jahren durch einen Unfall im Rollstuhl landete. Die beiden treffen sich in einem Reha-Zentrum, in das auch Benjamin verlegt wird, nachdem er sich einen Halswirbel gebrochen hat. Er wird lebenslang behindert sein, heißt es. Ob telefonieren, pinkeln oder essen - nichts geht bei Benjamin mehr ohne die Hilfe der ungeschickten Schwester Christiane und des immer viel zu gut gelaunten Pflegers Jean-Marie. "Den Jean-Marie gibt es wirklich. Und auch wenn der total verrückt war, dann ist doch er es, der einem bei den kleinsten Dingen hilft, immer gut gelaunt, und wir haben ihn total gern gehabt, " so Regisseur und Drehbuchautor Grand Corps Malade, der mit dem Namen Fabien Marsaud zur Welt kam und in "Lieber leben" seine eigene Geschichte erzählt.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Benjamin/ Fabien/ Grand Corps Malade gibt nicht auf, er reißt einen Witz nach dem nächsten über die Reha-Psychologin und ihre unzumutbaren Stützstrümpfe. Aber wie schafft man es, einen lustigen Film zu machen, wenn das Thema doch so ernst ist? Grand Corps Malade sagt dazu im Interview mit n-tv.de: "Das war ja unsere Absicht, dass es auch lustig ist. Wir hatten nicht vor, ein Melodram zu drehen, oder einen Film voller Pathos, der einfach zu schwer wird. Diese Leichtigkeit, das schafft man über Dialoge, das schafft man über Situationen, denn - und das ist besonders wichtig - in solchen Reha-Zentren ist der Humor ultra-präsent!" Grand Corps Malade - also großer kranker Körper, so wie er sich selbst genannt hat - erklärt, fast belustigt: "Es gibt einen gewissen Humor von Behinderten, und der hat Trash-Elemente. Dieser Humor ist total schwarz, aber absolut authentisch. Und man macht sich permanent lustig über seine eigene Situation. Und die der anderen." Er lacht herzlich - aber wo nimmt man diesen Humor in solch einer Situation her? "Keine Ahnung, der ist in mir. Aber der Humor ist das, was einen rettet, sonst kann man das nicht überstehen." Die Szenen und die Figuren in "Lieber leben" sind einfach echt. "Diesen Humor braucht man, und er ist ein Teil von mir. Deswegen habe ich den auch in den schlimmsten Situationen nicht verloren."

Der Regisseur, dessen Geschichte Mut macht: Grand Corps Malade.
Der Regisseur, dessen Geschichte Mut macht: Grand Corps Malade.(Foto: imago/PanoramiC)

Einschlafen mit Derrick

Benjamin trifft während seiner Behandlung auch auf Toussaint und Steeve, ebenfalls Patienten, die die große Kunst beherrschen, das Unglück einfach auszulachen. Und dann ist da noch die bildhübsche Samia, in die Benjamin sich auf den ersten Blick verliebt. Gibt es ein Happy End? Grand Corps Malade lacht: "Seht es euch an, das ist ja eine wahre Geschichte, ich erfinde nichts dazu."

Und was macht der Derrick da im französischen Nachmittagsprogramm, das auf der Station läuft? Beide Regisseure - Mehdi Idir ist dazu gekommen - lachen: "Wir mussten Derrick unsere komplette Kindheit hindurch ertragen. Die gesamten Nachmittage bestanden aus Derrick. Den haben wir euch Deutschen einfach geklaut, und ist er jetzt Teil unseres kulturellen Erbes geworden", so Idir. "Derrick drückt auch die unendliche Langsamkeit eines Nachmittags aus," ergänzt Grand Corps Malade. Man spürt bei beiden, dass sie sich blind verstehen - bei der Auswahl der "Derrick"-Szenen sind die beiden dann auch prompt gemeinsam vor der Glotze eingenickt.

Eine Gruppe voller Knallköpfe und Kämpfer finden sich da in dieser Reha-Klinik - auf den ersten Blick - zusammen. Versehrte Helden, die gemeinsam die Verzweiflung aus dem Weg räumen und jeden Millimeter Bewegung feiern. Da fragt man sich als Zuschauer schon: Was ist das Schlimmste? Nicht allein essen zu können? Sich nicht allein waschen zu können? Einfach in allem abhängig zu sein? "Ganz klar, der Mangel an Autonomie. Das Allerhärteste ist aber, dass man nicht mal mehr allein auf die Toilette gehen kann," erzählt Grand Corps Malade, der noch immer mit Gehhilfen unterwegs ist, dessen eiserner Wille und wahrscheinlich auch sein Humor ihm aber ein relativ normales Leben bescheren.

"Lieber leben" ist ein filmischer Glücksfall, dem eine seltene Balance aus Heiterkeit und berechtigter Schwermut gelingt und der in jedem einzelnen Moment die Echtheit einer wahren Geschichte atmet. Ohne jede Spur von Sentimentalismus, aber dafür mit einer perfekten Dosis Galgenhumor nimmt er uns mit in das Universum der kleinen Bewegungen und des großen Glücks.

"Lieber leben" läuft in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de