Kino

"Das schönste Paar" Luise Heyer brilliert als Vergewaltigungsopfer

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Luise Heyer und Maximilian Brückner als Liv und Malte Blendermann.

(Foto: dpa)

Sex am Strand - eine herrliche Sache. Blöd nur, wenn man dabei beobachtet wird. Schlimm, wenn man danach verfolgt wird. Unvorstellbar katastrophal, wenn danach sexuelle Gewalt ausgeübt wird. Regisseur Sven Taddicken spricht mit n-tv.de darüber, ob dann ein normales Leben wieder möglich ist.

n-tv.de: Dieser Film hat ja bereits eine Art Festival-Karriere hinter sich …

Sven Taddicken: Ja, genau, mit Toronto ging es los und dann eine Handvoll anderer schöner Events. 

Wie kommt denn ein deutscher Film eigentlich nach Toronto?

Man bewirbt sich oder der Verleih oder die Produzenten machen das. Und wenn man Glück hat, dann wird man genommen. In Toronto mochten sie uns. (lacht)

Gibt einem das ein gutes Gefühl, wenn man sich mit einem Film bewirbt, der ein wirklich schweres Thema verarbeitet und der dann auf Festivals durchweg so positiv angenommen wird?

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Sven Taddicken bei der Filmpremiere in Köln am 29. April.

(Foto: imago images / Horst Galuschka)

Auf jeden Fall. Der Film bleibt für mich ja der gleiche. Aber ich weiß nie, ob ein Film auch wirklich funktionieren kann - bis ich ihn ein paar Leuten gezeigt habe. Ich vertraue schon meinem Instinkt, aber lauter fremde Menschen, die einem Feedback geben, wie auf einem Festival, das ist nochmal etwas anderes. Ich sehe den Film dann auch mit anderen, mit neuen Augen. Das ist spannend. Danach kann ich den Film dann loslassen.

In dem Film gibt es Szenen, die sind fast unerträglich intensiv. Zum Beispiel die Szene der Vergewaltigung. Ohne voyeuristisch sein zu wollen: Wie kann man sich den Dreh einer solchen Szene vorstellen? Wie wird der ansonsten sicher total friedfertige Schauspieler Leonard Kunz zu einem Monster?

Sie sagen es - er ist ein durchaus friedfertiger Mensch und ein höchst professioneller Schauspieler. Sonst könnte man das auch nicht drehen, wenn man es nicht mit Profis zu tun hätte. Ich muss gestehen, dass ich diese Erfahrung auch noch nicht gemacht habe. Es hatten alle, das ganze Team, wirklich Respekt davor, diese Szene zu drehen. Das hat zur Folge, dass alle sich verdammt gut vorbereiten und sehr sanft und respektvoll miteinander umgehen. Mein Credo bei Szenen, in denen es um Intimität oder Gewalt geht, ist, dass ich die Schauspieler haarklein darauf vorbereite. Ich mache eine Choreografie, in der quasi jeder Gang jeder einzelnen Figur wirklich festgelegt oder mit den Darstellern zusammen erarbeitet ist. Da wissen wir schon ganz vieles vorher und ich versuche wirklich, möglichst wenig dem Zufall zu überlassen.

Wie lange dauert so eine Szene dann?

Wir haben tatsächlich drei Tage daran gedreht, um dem Ganzen die Form zu geben, die es dann hat. Das war eine Art Theaterarbeit. Und ab und zu ist eben mal die Kamera an. Wenn die Szene vorbei ist, scheint draußen die mallorquinische Sonne und es gibt Kaffee und Kuchen. Das klingt jetzt fast langweilig, aber es ist vor allem eine sehr professionelle Arbeitsweise.

Das klingt nicht langweilig, sondern eher beruhigend.

Man geht in eine Rolle hinein und dann geht man auch wieder hinaus. Sonst kann man das nicht aushalten.

Sie haben Schauspieler besetzt, die uns noch nicht so vertraut sind.

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Ja, auch wenn Luise Heyer jetzt durch "Der Junge muss an die frische Luft" natürlich schon eine gewisse Bekanntheit erlangt hat …

… und sowohl dafür als auch für "Das schönste Paar" für den Deutschen Filmpreis nominiert ist; einmal in der Nebenrolle, für Ihren Film könnte sie sogar eine Lola als beste Hauptdarstellerin mit nach Hause nehmen.

Luise ist seit 2014 besetzt gewesen für die Rolle, aber dann kam zuerst die Finanzierung nicht zustande. Wir mussten ein bisschen warten. Ich bin aber mit allen Schauspielern bei dem Projekt sehr glücklich. Was ich der wunderbaren Simone Bär verdanke.

Frau Bär scheint ein besonders gutes Händchen bei Besetzungen zu haben, habe ich den Eindruck, denn viele Regisseure sind von ihr hellauf begeistert …

Ja, die Simone ist ein Glücksfall für alle Regisseure. Bei allen, die mitgemacht haben, vor und hinter der Kamera, hatte ich das Gefühl, dass sie auf meiner Seite sind. Das liegt am Thema, am Drehbuch, an der Herausforderung, die solche Rollen mit sich bringen.

Das nimmt man sowohl Luise als auch Leo und auch Jasna Fritzi Bauer und Maximilian Brückner absolut ab. Wie sind Sie denn auf dieses Thema gekommen?

Ganz erstaunlich war, dass mir, während ich an dem Projekt gearbeitet habe - schon während ich das Drehbuch schrieb - viele Geschichten zugetragen wurden, aus dem engeren und weiteren Freundeskreis. Nicht, dass das irgendwo genauso passiert wäre, aber ähnliche Situationen. Momente, in denen es dazu hätte kommen können und glücklicherweise dann doch nicht. Frauen, die mir gesagt haben: "Da hätte ich mehr erwartet von meinem Freund, dass der sich vor mich stellt", solche Dinge. Und in dem Fall zeige ich zwei Figuren, bin ganz nah an denen dran, an Liv (Luise) und Malte (Max), und zeige, wie das Ringen um ein normales Leben vonstattengeht, ein Leben mit einer normalen Beziehung, einer unversehrten Sexualität, nachdem ihnen etwas verdammt Übles passiert ist. Denn was passiert in einer Beziehung, wenn die Lockerheit verloren gegangen ist? Das fand ich als Thema total spannend.

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Kann Malte sich nun an Sascha (l.) rächen?

(Foto: dpa)

Wie sehr identifizieren Sie sich mit dem Film?

Ich kann mich mit beiden Rollen der Hauptdarsteller identifizieren. Aber: Malte selbst ist nicht direkt betroffen, sondern indirekt. Und ich glaube, dass es wahrscheinlich doch eine recht typisch männliche Angst gibt, sich zu fragen: "Habe ich die Liebe meiner Freundin noch verdient, wenn ich sie nicht vor einem anderen Typen beschützen kann?" Die Story war eine von viele schrecklichen Ideen, die ich hatte (lacht), aber ich fand, dass man ausgehend von dem Erlebnis, das die beiden haben, echt was machen kann. Wie geht es weiter? Wie gehen die damit um? Was passiert, wenn wir dem Täter begegnen? Wer verdrängt, wer will Rache? All diese Fragen.

Jede der Rollen bietet die Möglichkeit, zu hinterfragen: Was würde ICH tun, wenn …? Auch für die Freundin des Vergewaltigers, die seine Vergangenheit ja nicht kennt, ist es eine harte Herausforderung. Wenn einem einer sagen würde: "Dein Typ ist wirklich das letzte Schwein, weißt du eigentlich, was der getan hat?"  - was passiert dann mit einem?

Das ist doch gut, wenn man sich mal alle diese Fragen stellt. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen nach den Vorstellungen auf den Festivals auf mich zugekommen sind, entweder, weil sie persönliche Erlebnisse hatten oder weil sie jemanden kennen und nie wussten, wie sie sich verhalten sollen. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass der Film da irgendwas richtig macht, wenn er diese Dinge in Menschen auslöst.

Wo haben Sie sich Rat geholt für den Film?

Vor allem bei LARA (Anm.d.Red.: Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Frauen/Beratung, Krisenintervention, Koordination), das ist ein Verein in Berlin, der sich um die Opfer sexueller Gewalt kümmert. Die haben mir Literaturhinweise gegeben, Gespräche mit mir geführt. Ich habe viel gelernt.

Was zum Beispiel?

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Dass, wenn einem etwas so Traumatisches passiert, es dich nie ganz loslassen wird. Du wirst dich immer daran erinnern können, aber dennoch muss das nicht heißen, dass diese Erfahrung dein ganzes Leben überschatten muss. Man kann darüber hinwegkommen, es gibt so viele therapeutische Ansätze. Die Frage der Schuld und der Scham sind riesig. Mein wichtigster Orientierungspunkt für mich war aber immer, mich selbst zu fragen, wie ich mich verhalten würde. Und da sind Malte und Liv beide meine Projektionsflächen: Liv ist die Mutigere, die mehr Kraft hat und sagt, so jetzt aber vorwärts, ich will das hinter mir lassen, und Malte, der, als er den Vergewaltiger wiedersieht, denkt, dass er jetzt endlich die Chance hat, es richtig zu machen und ihn stellen will.

Filme enden ja gerne mal damit, dass das Paar sich endlich bekommt, heiratet und in den Sonnenuntergang reitet - in diesem Film hier geht es weiter. "Eine Beziehung ist ein lebendes Organ", so steht in den Produktionsnotizen.

Ja, wir wollten unbedingt zeigen, wie ein Paar mit einer solchen Katastrophe umgehen kann, wie es weitergehen kann.

Entwickelt sich beim Drehen noch eine andere, eine weitere Dynamik? Eine Chemie zwischen den Hauptdarstellern?

Ja, auf jeden Fall. Dafür muss man als Filmemacher tatsächlich Raum lassen. Denn wenn man es zulassen kann, dass sich am Set noch Dinge entwickeln, dann gibt es quasi Geschenke (lacht). Momente, von denen man nie gedacht hätte, dass sie so gut werden. In den Therapieszenen hat Luise zum Beispiel ihre eigenen Texte, ihre eigenen Vorstellungen eingebracht, weil es viel authentischer rüberkommt.

Ist Gewalt eine Lösung? Ist Rache süß?

Nur in der Fantasie (lacht). Ich glaube, in dem Moment, wo man Gewalt oder Rache ausübt, ist es vielleicht befriedigend, aber das ist etwas Kurzfristiges. Man hängt da drin, man ist trotzdem nicht frei. Der Film spielt die Möglichkeit einer Rache aus, sagen wir mal so, er stellt sie aber nicht als Lösung dar.

Mit Sven Taddicken sprach Sabine Oelmann

Der Film "Das schönste Paar" startet am 2. Mai im Kino. 

Am 3. Mai wird der Deutsche Filmpreis verliehen, Luise Heyer könnte ihn zwei Mal mit nach Hause nehmen.

Quelle: n-tv.de

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