Kino

"The Last Duel" ist skurril Ridley Scott verwebt Kettenhemd mit MeToo

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Sucht sein Recht in einem "Gottesurteil": Jean de Carrouges (Matt Damon).

(Foto: 20th Century Studios)

Ob "Alien", "Blade Runner" oder "Gladiator" - Regisseur Ridley Scott hat schon viele Meisterwerke auf die Leinwand gezaubert. Nun versucht er sich an einem Ritter-Film. Oder was soll "The Last Duel" eigentlich sein?

Der Name Ridley Scott ist so etwas wie ein Gütesiegel. Und das so ziemlich über alle Genres hinweg. Klar, mit Streifen wie "Alien", "Blade Runner", "Prometheus" oder "Der Marsianer" könnte er als Spezialist für Science-Fiction gelten. Doch auch Filme wie das Roadmovie "Thelma und Louise", das Kriegsdrama "Black Hawk Down" oder die "Das Schweigen der Lämmer"-Fortsetzung "Hannibal" stehen in seiner Vita.

Von Streifen wie "Gladiator", "Königreich der Himmel", "Robin Hood" oder "Exodus: Götter und Könige" mal ganz zu schweigen. Auch mit monumentalen Stoffen, Rüstungen, Mantel und Degen kennt sich der Kultregisseur also bestens aus. Dass er in seinem neuen Film "The Last Duel" die Ritter von der Leine lässt, ist deshalb nicht unbedingt eine Überraschung. Wie er das in diesem Fall konkret macht, ist es jedoch allemal.

Wahre Begebenheit

Aber der Reihe nach: "The Last Duel" basiert auf einer wahren historischen Begebenheit. Wir schreiben das 14. Jahrhundert in Frankreich. Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver) dienen ihrem Land Seite an Seite auf dem Schlachtfeld im Krieg gegen England. Während sich der vom Adel abstammende Carrouges durch Geschick und Tapferkeit im Gefecht seine Meriten verdient und sogar zum Ritter aufsteigt, gelangt der Knappe Le Gris durch seine Intelligenz und Eloquenz zu Ansehen. Bald schon geht er am Hof ein und aus, insbesondere weil mit Graf Pierre d’Alençon (Ben Affleck) ein Cousin des Königs einen Narren an ihm gefressen hat.

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Meister aller Klassen: Ridley Scott.

(Foto: imago images/NurPhoto)

Nicht nur ihr ungleicher Werdegang entzweit die einstigen Freunde Carrouges und Le Gris zusehends. Auch ihre Interessenskonflikte nehmen stetig zu, dann etwa, als Le Gris damit beginnt, für den Grafen hohe Abgaben von den Vasallen einzutreiben - auch von Carrouges. Der Streit um ein Grundstück und schließlich sogar die Vertreibung Carrouges' von seinem Familien-Stammsitz lassen die Fronten zwischen den beiden Kontrahenten endgültig verhärten.

Drei verschiedene Sichtweisen

Ridley Scott nimmt sich viel Zeit, um die Geschichte von den Freunden, aus denen Feinde wurden, zu erzählen. Ja, im Prinzip erzählt er die Geschichte des Films sogar dreimal hintereinander - aus drei verschiedenen Sichtweisen: der von Carrouges, der von Le Gris und der von Marguerite de Carrouges (Jodie Comer), die auch noch eine zentrale Rolle in diesem Epos spielt. Um nicht zu sagen: die zentrale.

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Anfangs sind Jean de Carrouges und Jacques Le Gris (Adam Driver) noch Freunde.

(Foto: 20th Century Studios)

Schließlich ist es die Ehefrau von Jean de Carrouges, die mit ihrem Vorwurf, von Le Gris vergewaltigt worden zu sein, die Situation endgültig zum Eskalieren bringt. Als sich der Hof abermals schützend vor seinen Widersacher stellt, sieht Jean de Carrouges keinen anderen Ausweg mehr, als auf das verbriefte Recht eines "Gottesurteils" im Duell zu pochen. Der König gibt dem Drängen schließlich nach - und die beiden Kontrahenten treffen sich zu einem letzten mörderischen Gefecht, Mann gegen Mann in der Arena ...

Schillerndes Konglomerat

Es gibt so einige Gründe, weshalb viele Besucher von "The Last Duel" nach rund zweieinhalb Stunden leicht irritiert das Kino verlassen dürften. Ben Affleck, der in dem Film aussieht, als sei er nach dem Sturz in einen Jungbrunnen erblondet, könnte einer davon sein. Oder Matt Damon, der als Ritter mit Vokuhila jedem Hipster aus Berlin-Mitte locker Konkurrenz machen würde. Nur sein vernarbtes und von Schmissen übersätes Gesicht ist dann doch nicht ganz so stylish.

Doch insbesondere ist es - zumal Affleck, Damon und auch Driver wirklich brillant spielen - dieses schillernde Konglomerat eines Films, das Ridley Scott einem hier kredenzt. Dem Meister nahezu aller Klassen ist es mit "The Last Duel" doch tatsächlich gelungen, im Prinzip drei klassische Subgenres in einem Werk zu vereinen: Ritter-Film, Gerichts-Thriller und anklagendes Drama rund um das Verbrechen einer Vergewaltigung.

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Interessante Frisur.

(Foto: 20th Century Studios)

Dass Marguerite und Jean de Carrouges den Missbrauchs-Vorwurf gegen Le Gris erhoben haben, ist ebenso historisch belegt wie der Fakt, dass der Beschuldigte die Tat abstritt. Darüber, was genau sich damals vor über 600 Jahren wirklich zugetragen hat, hat sich aber wohl für immer der Mantel der Geschichte gelegt. Der Film allerdings lässt keinen Zweifel daran, auf wessen Seite er steht. Nicht etwa auf der des arroganten und schmierigen Le Gris. Aber auch nicht auf der des grobschlächtigen und aufbrausenden Jean de Carrouges. Sehr wohl jedoch auf der von Marguerite, die in einer von Männern dominierten Welt mutig ihre Stimme erhebt - und an deren Darstellung der Ereignisse der Film keine Zweifel aufkommen lässt, egal, aus welcher Sichtweise die Handlung gerade auch erzählt wird.

Für Scott schließt sich ein Kreis

So verwebt Ridley Scott in "The Last Duel" noch zwei weitere Dinge miteinander, die so gar nicht miteinander zu verweben scheinen: einen historischen Kettenhemd-Schinken mit der hochaktuellen MeToo-Debatte. Doch auch hierüber wird sich so mancher verwundert die Augen reiben: Es funktioniert, so tollkühn das Unterfangen auch anmuten mag.

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Jodie Comer spielt Marguerite de Carrouges.

(Foto: 20th Century Studios)

Tatsächlich war der am 29. Dezember 1386 ausgetragene Zweikampf zwischen Jean de Carrouges und Jacques Le Gris das letzte gruselige Duell dieser Art in Frankreich. Für Ridley Scott indes schließt sich mit dem Streifen ein Kreis. Sein Kinodebüt gab er seinerzeit 1977 mit dem Film "Die Duellisten", der ebenfalls in Frankreich spielte. In diesem Fall war die Handlung jedoch im frühen 19. Jahrhundert angesiedelt und weitgehend erfunden.

In "Die Duellisten" treffen sich zwei Männer über 15 Jahre immer wieder, um sich gegenseitig eins auf die Mütze zu geben. Auch das ist skurril, bei Weitem jedoch nicht so skurril wie das, was der Regisseur nun mit "The Last Duel" aufs Tapet bringt. Skurril im besten Sinne. Der Film ist wirklich in jeder Hinsicht außergewöhnlich.

"The Last Duel" läuft ab sofort in den deutschen Kinos

Quelle: ntv.de

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