Kino

Ein Schwanz, zwei Brüste, viel Haut SM-Märchen für Hausfrauen

Kaum einem Film wird so sehr entgegengefiebert wie "50 Shades of Grey". Weil alle, die das Buch gelesen haben, mal gucken wollen, ob es in ihrer Fantasie nicht doch viel schöner war. n-tv.de will sich überraschen lassen. Und wird auch überrascht.

Frauenurlaub vor drei Jahren. Wir haben wenige Klamotten, viel Sonnencreme, Kopfhörer, und - Achtung, Klischee! - Prosecco (nein, keinen Aceto Balsamico) im Strand-Gepäck. Und was zu lesen. Eine natürlich auch "50 Shades of Grey", hui! "Wenn es was Spannendes gibt, dann les' ich euch das vor", bereitet uns Freundin D. vor und wir sind entzückt. Einen Tag später fragen wir mal nach: "Du wolltest uns doch was vorlesen!?" "Ja, schon, aber ich weiß noch nicht, was." Okay, wir sind jung, wir können warten.

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Geheimes Verlangen - naja, inzwischen wohl nicht mehr.

(Foto: dpa)

Am nächsten Tag, die Sonne und keine Männer, nicht mal italienische, lassen uns nach etwas erotisch Aufgeladenem dürsten. "Äh, nee, also, wenn ihr auf Kabelbinder-Sex oder Klebeband steht, ja, also, dann geht was." Ach nö, lass mal, wir warten auf ne bessere Stelle. Am nächsten Tag liest D. gar nicht. Gibt sie sich ihren Tagträumen hin? Eher nicht, sie schnarcht. Tag vier, same question as every day: Wir wollen was Eroddisches!! "Ja, also, ich weiß nicht." Gut, das Buch bleibt in der Ecke für den Rest der Tage, wir gehen an den Strand und amüsieren uns lieber über die Gockel, die dort spazieren. Erotisch is' was anderes, aber deswegen sind wir schließlich nicht hier. Das Buch bleibt in der Ferienhausbibliothek zurück.

Liebes Tagebuch, es war einmal ...

Und nun also das Buch als Film. Das kann man sich ja mal angucken, vor allem bei dem Hype, der darum gemacht wird. "Und, wie war's?" fragt eine Pressedame nach der Vorführung. "Besser als gedacht", sage ich nach kurzem Zögern und lasse die zwei Stunden zwischen Blümchenbluse und Sexfolterkammer Revue passieren.

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Hübsch anzuschauen: Anastasia und Christian.

(Foto: AP)

Denn zugegeben: Die Gesichter (und Körper) der beiden Hauptdarsteller, Dakota Johnson und Jamie Dornan, sind schön und unverbraucht. Sie sind aber nicht zu schön, so dass man ihrer schnell überdrüssig werden könnte. Sie strahlen tatsächlich so etwas wie Begierde, Neugier und Verletzlichkeit aus. Sollte man zwischen der Originalfassung und der synchronisierten schwanken, dann unbedingt das Original anschauen, denn das kommt wirklich besser. Für manche Worte gibt es einfach keine gute Übersetzung. Und es gibt Stellen im Film, an denen man lachen muss, obwohl das von Regisseurin Sam Taylor-Johnson sicher nicht beabsichtigt war.

Ein Märchen - ein SM-Märchen

Gut, die Popoklatsche-Nummer ist irgendwie albern und auch über die Pferdegerte und die Handschellen wurden bereits so viele Witze gemacht, dass es sich ausgewitzelt haben müsste. Auch, dass das 21-jährige Fräulein Steele noch Jungfrau ist und total romantisch defloriert wird (obwohl er gar kein Romantiker ist!!), bevor es zur wirklichen Action kommt, ist nicht so recht glaubhaft. Aber was soll's? Das ist ein Märchen! Junge Frau lernt reichen, gutaussehenden Mann kennen, der sich vertraglich verpflichten möchte, nur ihr zu gehören. So weit, so gut, dann schenkt er ihr auch noch einen neuen Laptop, Auto, Klamotten, was man so braucht als Anfänger-Sexsklavin. Er hat obendrein eine 1a-Wohnung mit Spitzenausblick, fordert das Mädchen zum Einzug auf und fliegt mit dem eigenen Helikopter von Stadt zu Stadt. Er spielt nach dem Sex auf dem Flügel und wenn er gut drauf ist, dann nimmt er das Mädel gleich nochmal auf dem Klavierhocker.

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Nach dem Sex ist Mr Grey gern nach Hausmusik.

(Foto: AP)

So weit, so traumhaft. Frauen, die schon mehr gesehen haben als Miss Steele ("Nennen Sie mich Ana, nur Ana") hätten sich bereits beim Anblick des begehbaren und akribisch aufgeräumten Kleiderschrankes des Junggesellen - Marke Carrie "Sex and the City" Bradshaw, nur drei Mal so groß - aus dem Staub gemacht, denn so ein Mann ist grundsätzlich zu viel mit sich selbst beschäftigt. Aber dann, liebes Tagebuch, passiert natürlich etwas, das den Jungmädchentraum der Studentin zerstört. Dass es dafür einen Grund gibt, ist klar (seine miese Kindheit und so weiter), und dass Erniedrigung, Fesselspiele und Kontrollverlust bis zu einem gewissen Grad Spaß machen, wissen wir ja alle, äh, glaubt man den beiden Protagonisten mit ihrer gründlichen Art der Darbietung auf jeden Fall.

Natürlich ist es der Wunsch der Frau, den Mann zu verändern - ein Naturgesetz, wenn man Männern Glauben schenkt. Und damit erklärt sich auch, warum ein Großteil der Millionen, überwiegend weiblichen Leserschar des globalen Bestsellers von  E. L. James die Bücher geradezu verschlungen haben: Weil sie am Ende wissen wollten, ob es Anastasia gelungen ist, den, sagen wir mal, in sexuellen Dingen eher speziellen Herrn Grey doch zu Mister Nice Guy zu transformieren. Und wenn, wie!

So wird das nix mit dem Playboy

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Und? Neugierig?

(Foto: AP)

Denn ab und zu gibt er sich nun, mit Ana, ganz bürgerlichen Gelüsten hin, er will sogar an manchen Tagen eine "normale" Beziehung (was soll das sein?) führen, also mit der Frau im Boxspringbett löffeln, ins Kino gehen, essen mit Freunden und den ganzen Pärchenquatsch. Und schließlich will sie ja das verletzte Kind in ihm retten, das ihn noch immer quält und seine Dämonen freisetzt. Ja, dieser sehr schön gefilmte und zu Recht erst ab 16 freigegebene Softporno hat überraschenderweise so etwas wie eine kleine, klitzekleine Storyline.

Er lässt einen Blick auf die offene Hose des Christian Grey (hui), die echten Brüste und die nicht Playmate-kompatible Intimzone der Tochter von Don Johnson und Melanie Griffith zu, man könnte fast meinen, man wäre in den Siebzigern (allein, das Achselhaar, es sprießt nicht, und das sieht man sehr gut, denn so oft wie die Liebes-Elevin irgendwo festgebunden wird, haben wir ausreichend Gelegenheit dazu). Und letzten Endes ist es nicht vollkommen absurd, sich nach den gut zwei Stunden, die der Film dauert, vorzustellen, dass man Teil zwei und drei auch noch im Kino sehen möchte.

Zwei weitere Facetten

Das wirklich Gute, also das echt Beste an dem Film sind zwei Dinge: Erstens der Original-Soundtrack von Danny Elfman, auf dem sich unter anderem Annie Lennox, Beyoncé, Sia, Ellie Goulding und Frank Sinatra das Klebeband in die Hand geben, womit wir auch bei Punkt zwei wären: Nie wieder wird uns ein Baumarkt unsexy erscheinen. Wer sich schon immer gefragt hat, warum der/die Liebste den Samstagvormittag gerne zwischen Schleifmaschine, Kabelbindern, Seilmeterware und Engländern verbringt, der findet die Antwort bei "Fifty Shades of Grey" garantiert.

Teil zwei und drei in Buch-Form müssen im nächsten Frauenurlaub allerdings von vornherein zu Hause bleiben: "Gefährliche Liebe" und "Befreite Lust" können nicht besser sein als die Original-Gockel am Strand.

"Fifty Shades of Grey" läuft ab dem 12. Februar garantiert in einem Kino in Ihrer Nähe.

Quelle: ntv.de