Kino

Augen auf im Straßenverkehr "Unhinged" - "Gladiator" außer Kontrolle

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Nicht gerade ein gut gelaunter Zeitgenosse: Tom (Russell Crowe).

(Foto: Leonine Distribution GmbH)

20 Jahre ist es her, dass Russell Crowe in "Gladiator" die muskelbepackte Kampfmaschine mimte. Kampfeslustig ist er in "Unhinged - Außer Kontrolle" auch, nur nicht mehr muskelbepackt. Stattdessen wird er zum schmerbäuchigen Pick-up-Killer. Da jault nicht nur der Motor.

Erinnern Sie sich noch ans Kino? Dieser Raum mit einer großen Leinwand, auf der Filme gezeigt werden, während man Popcorn futtert, Cola schlürft und zusammen laut lacht, erschrickt oder auch einfach nur vor sich hin döst? Ja, es gab mal eine Zeit, da konnte man diesen Raum besuchen, ganz ohne Mundschutz, Abstandsregeln und der steten Sorge davor, sich eine Virenladung einzufangen. Gefühlt ist das ungefähr so lange her wie "Gladiator" - der Streifen, der Russell Crowe so richtig berühmt machte, ihm einen Oscar einbrachte und ihn als muskelbepackte Kampfmaschine ins Gedächtnis brannte.

Okay, wir übertreiben ein bisschen. Der Siegeszug von "Gladiator" im Jahr 2000 liegt dann doch noch ein Stückchen länger zurück als der Anfang der Corona-Krise. Aber dafür obliegt es Crowe nun, wenigstens das Ende des totalen Lockdowns in den Lichtspielhäusern als erster Hollywood-Star einzuläuten. Sein neuer Film "Unhinged - Außer Kontrolle" ist tatsächlich die erste Großproduktion aus der US-Traumfabrik, die hierzulande wieder in die Kinos kommt - Mundschutz, Abstandsregeln und die Sorge vor einer Virenladung inklusive, versteht sich.

Doch vielleicht ist zumindest die Mund-Nasen-Bedeckung in diesem Fall gar nicht so schlecht. Dann sieht und hört zumindest niemand, wie hinter ihr die Mundwinkel nach unten sinken, die Nase gerümpft oder verzweifelt geseufzt wird. Aber der Reihe nach: "Unhinged" kommt wie eine Art Crossover aus Filmen daher, die man allesamt schon mal gesehen hat. Ein bisschen "Falling Down - Ein ganz normaler Tag" hier, in dem Michael Douglas einst erst im Stau stand und dann durchdrehte. Ein wenig "Duell" da, Steven Spielbergs Spielfilmdebüt von 1971, in dem ein Lkw-Fahrer einem Geschäftsmann auf der Autobahn die Verfolgungshölle heiß machte. Und eine Prise "Hitcher, der Highway Killer" dort, in dem Rutger Hauer 1986 zum blutrünstigen Psycho mutierte.

Ein schlimmer Tag

"Unhinged" spielt jedoch nicht auf dem Highway, sondern irgendwo mitten in einer US-amerikanischen Metropole. Dafür beginnt das Unheil jedoch auch in diesem Fall im Stau. Rachel (Caren Pistorius) hat einen echt miesen Tag. Sie hat verschlafen, bringt ihren Sohn Kyle (Gabriel Bateman) deshalb ohnehin schon mit Verspätung zur Schule und auch ihrer Klientin stinkt ihre Unpünktlichkeit so sehr, dass sie ihr kurzerhand am Handy kündigt. Da hebt es nicht gerade die Laune, dass sie und Kyle zu allem Unglück auch noch in einem fetten Stau stecken. Erst recht nicht, als der Fahrer eines Pick-ups vor ihnen vergisst, aufs Gas zu steigen, als die Ampel gerade ausnahmsweise mal grün zeigt und der Weg ein Stück lang frei wäre.

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Auf sie hat es Tom abgesehen: Rachel (Caren Pistorius).

(Foto: Leonine Distribution GmbH)

R achel tut, was viele wohl in dieser Situation täten: Sie hupt. Dem Fahrer vor ihr, einem gewissen Tom (Russell Crowe), schmeckt das jedoch so gar nicht. Auch er hat alles andere als einen entspannten Tag hinter sich - ist allerdings wohl generell nicht so der entspannte Typ. Als Rachel sich weigert, sich bei ihm zu entschuldigen, dreht er auf - und durch. "Ich glaube, Sie wissen nicht so richtig, was ein schlimmer Tag ist", fährt der schmerbäuchige Tom die gestresste Mutter an. "Aber das wird sich ändern." Von da an beginnt eine gnadenlose Verfolgungsjagd, bei der nicht nur Rachel und Kyle ins Visier des wild gewordenen Wutbürgers auf vier Rädern geraten. Tom hat auch Rachels Handy in die Finger bekommen und arbeitet sich an ihren Kontakten ab ...

Logiklücken am laufenden Band

Ja, Crowes kolossale "Gladiator"-Zeiten liegen wirklich schon lange zurück. Und mit Blick auf "Unhinged" muss man leider sagen, dass sich das nicht nur auf seine Optik bezieht. Nicht, dass er sein schauspielerisches Talent grundsätzlich eingebüßt hätte. Und auch seine eher zweitklassigen Co-Stars geben in dem Streifen sicher ihr Bestes. Doch bei einem derart hanebüchenen Drehbuch und einem vor Logiklücken nur so strotzenden Plot kann auch das beste Ensemble nicht viel retten.

So verhalten sich die Protagonisten in dem Film derart tölpelhaft, unsinnig und intelligenzbefreit, dass man am liebsten in den Mundschutz beißen möchte. Frage: Stellen Sie sich vor, ein offensichtlich Irrer verfolgt Sie (mit Ihrem Kind) in Ihrem Kleinwagen am helllichten Tag mitten in der Stadt mit seinem Pick-up - was tun Sie? A) Ich liefere mir mit ihm eine wilde und todesmutige Verfolgungsjagd. B) Ich stelle das Auto ab, steige aus und suche mir Hilfe. Oder: Wenn Sie die Wahl haben - wie suchen Sie sich Hilfe? A) Ich fahre quer durch die Stadt zum Haus einer Verwandten und verstecke mich dort. B) Ich halte um die Ecke an der nächsten Polizeistation.

Wenn Sie A) angekreuzt haben, können Sie sich "Unhinged" getrost anschauen. Wenn nicht, sollten Sie es lassen. Es tut beim Zuschauen weh.

"Unhinged - Außer Kontrolle" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de