Kino

"Steig.Nicht.Aus." Wie Wotan Wilke Möhring die Welt rettet

7ac202adbeeb13dee472711e340e30da.jpg

Kurz vor der Implosion: Wotan Wilke Möhring als verzweifelter Familienvater Karl Brendt.

(Foto: dpa)

Wotan Wilke Möhring kommt zu unserem Interview gerade aus dem "Dschungel" - er war im Urlaub, hatte wenig WLAN und ist blendend gelaunt und erholt. So sieht er auch aus. Das totale Kontrastprogramm bietet sein neuer Film "Steig.Nicht.Aus." - ein Action-Film, der sich hinter Bruce-Willis-Krachern nicht zu verstecken braucht. Er rettet zwar nicht die ganze Welt, sondern nur seine eigene, aber das ist bis zur letzten Minute spannend. Wir sehen Möhring dabei zu, wie er versucht, das Leben seiner Kinder, seines und letztendlich auch das ganze Familienleben aus den Flammen zu reißen. An seiner Seite sind Christiane Paul als seine Frau, die beiden Kinder Emily Kusche und Carlo Thoma, Marc Hosemann als Gegenspieler und Hannah Herzsprung als Polizistin mit dem Gespür für das gewisse Etwas. Berlin ist die Kulisse, und es kommt zum atemlosen Showdown am traditionsreichen Gendarmenmarkt.

n-tv.de: Der Film lockt einen ja erstmal schön auf die falsche Fährte mit der ersten sexy Flugzeug-Szene …

Wotan Wilke Möhring: Ja, na klar, das ist eine Klammer, die zeigen soll, was er alles auf sich nimmt, um seiner Frau seine Liebe zu beweisen. Er überwindet seine Flugangst, er tut einfach alles, um rechtzeitig zu Hause zu sein.

wwm4.jpg

Ist nicht zufrieden mit ihrem Mann: Simone Brendt (Christiane Paul)

Und er tut viel dafür, um nicht als "totales Arschloch" wahrgenommen zu werden - was ihm ja von verschiedenen Seiten vorgeworfen wird - aber ich habe das gar nicht so gesehen …

(lacht) Das ist doch ein gutes Zeichen! Das geht uns doch bei vielen Bösewichten so, oder? Bei "Narcos" zum Beispiel: Kokain und Knarren, 1000 tote Leute, und trotzdem sind wir auf seiner Seite …

… ja, schon, aber ich habe mich gefragt, ob ich selbst nicht schon ein bisschen sehr abgebrüht bin, wenn ich das Schlechte an ihm so gar nicht mehr wahrnehme.

Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube viel eher, dass uns da etwas gelungen ist, dass du so gut mit den Darstellern und dem Plot mitgehen konntest. Das ist doch auch so im "Tatort": Kein Mensch, auch Serienkiller nicht, machen mit Absicht von Anfang an alles falsch. Ein Serienkiller zum Beispiel macht alles, was in seine Welt gehört, richtig. So zumindest empfindet er das, und wenn wir den Zuschauer mit in diese Welt nehmen, dann empfindet der das auch so. Und im konkreten Fall bei "Steig.Nicht.Aus." sehen wir ja im Umgang mit der Todesbedrohung, dass eben doch die archaischen Instinkte - wie das Leben der Kinder zu retten, sich seinen Lebenslügen zu stellen - doch noch funktionieren bei Karl.

Ihr sitzt fast die ganze Zeit im Auto - wie war das bei den Dreharbeiten, die Kinder immer auf dem Rücksitz, immer im Nacken zu haben?

wwm5.jpg

Die Kinder stehen unter enormem Druck.

Zuerst einmal muss ich sagen, dass Emily Kusche und Carlo Thoma, die beiden Kinder, großartig gespielt haben, das war ja nicht einfach. Ich habe aber ganz oft niemanden im Nacken gehabt, denn die Kinder drehen bloß drei, vier Stunden am Tag und ich - endlos (lacht). Da saßen dann kleinere Schaufensterpuppen, die mich angestarrt haben, während ich sie tränenüberströmt angefleht habe, dies oder das zu tun beziehungsweise nicht zu tun. Zu meiner Filmtochter muss ich sagen: Großartig, wie die Emily das gespielt hat. Sie weiß ja mehr über die Beziehung ihrer Eltern als ich selbst, sie ist sehr verzweifelt und dennoch bereitet sie mir, ihrem Vater, das größte Glück, den größten Liebesbeweis, indem sie sich selbst - für ihn - in Lebensgefahr bringt.

Sie rettet ihn in vielerlei Hinsicht, oder?

Ja. Da merkt man, wie nah Liebe und Verzweiflung, Leben und Tod, beieinander sind.

Sie spürt einfach, dass er nicht lügt …

Ja, und als er sie anfleht, zu gehen, da geht sie nicht, so doll liebt sie ihn, dass sie ihr Leben geben würde, was er ja gar nicht will!! Damit bereitet sie ihm auch den größten Schmerz, den ein Vater haben kann.

Wir wollen nicht zu viel verraten ...

Richtig (lacht). Die Chemie hat einfach gestimmt. Für mich ist das übrigens kein reiner Actionfilm, sondern eher ein Kammerspiel …

Steht hier bei mir genauso auf dem Zettel …

Ja, sehr gut, denn ich habe meinen Hauptmitspieler ja nicht physisch bei mir, sondern im Ohr, der redet andauernd auf mich ein. Und ich kann den Gefühlen, die da auf mich einwirken, überhaupt nicht entkommen. Außerdem darf ich mich vor den Kindern nicht gehen lassen, im Gegenteil, ich muss sie beruhigen und ihnen versprechen, dass alles wieder gut wird. Und bämm – schon kommt wieder die nächste Ohrfeige. Da hat man nicht viele Möglichkeiten, zu agieren. Alles, was normalerweise in einer persönlichen Explosion enden würde, wird hier zu Implosion. Geht in einen weiteren, tiefen Abgrund …

wwm2.jpg

Sie kann ihrem Vater doch vertrauen - oder?

Die Aufnahmen gehen irre nah an dich ran - wie ist das, quasi "nur" ein Gesicht zu sein?

Das klingt so simpel - aber man muss sich wirklich in dieser Situation befinden! Also wortwörtlich befinden. Und das war nicht der lustigste Dreh. Ich hatte teilweise 17-Minuten-Takes, mit einem Vokabular über Finanzgeschichten, dann Emotionen, dann wieder Konzentration auf meinen "Mann im Ohr", das ging ja alles ständig hin und her. Es ist die reine Konzentration auf diese eine Situation, anders kann man das nicht machen. Was aber für die Figur super ist - denn es geht nur um eine Sache, es geht um "die Rettung"! Alles andere, der Verkehr, andere Menschen, das Wetter, vollkommen egal. Es geht nur darum: Wie rette ich uns?

Wahnsinnig textlastig ist deine Rolle …

Ja, es kam mir oft vor wie 20 Seiten hintereinander. Hinzu kam ja noch, dass der Karl sich obendrein auch nach "Außen" verkaufen muss. Was ich am Anfang übrigens vollkommen unterschätzt habe, war das zusätzliche Gedöns mit den beiden Telefonen. Am anderen Ende sitzt ja nicht immer der Hosemann (Anm.: Mark Hosemann, der die Rolle des "Lukas" spielt), der mir ins Ohr quatscht, das ist ja jemand anderes aus der Produktion. Da fährt dann ein Auto vorbei, man hört nichts, und dann ist da noch das andere Telefon mit der Freisprechanlage, das natürlich auch die Kinder hören … also, dieses Hin und Her hat mich eine Menge Disziplin und Konzentration gekostet.   

Die Bildsprache ist sofort als Christian Alvarts Regie und Drehbuch zu erkennen  …

wwm1.jpg

Der Hubschrauber - der ist doch da! Oder??

Das freut mich, der kann das ja auch richtig gut. Seine Kameraführung ist speziell. Vor 15 Jahren haben wir "Antikörper" gedreht, eine meiner ersten Kinohauptrollen und eine große Sache für uns, weil wir damit auf dem TriBeCa-Filmfest waren. Das ist eine Vertrauensarbeit mit Christian Alvart, sehr freundschaftlich. Und es ist toll, wenn man jemanden an seiner Arbeit wiedererkennen kann, im positiven Sinne, denn Action können nicht viele, und emotionale Action können noch weniger. Der Film lebt ja von dieser kammerspielartigen Hetzjagd, so nenne ich das mal, in Kombination mit der innerlichen Zerstörung des Karl Brendt. Natürlich habe ich viele Fahrten bei den Aufnahmen gemacht, ein paar davon im Studio, aber allein die Szene mit dem Hubschrauber …

… Bruce Willis lässt grüßen …

… den es nicht gab, diesen Hubschrauber! Allein diese Szene ist doch mega-großartig, oder? Da kann man dem Christian voll vertrauen, das kann echt nicht jeder.

wwm6.jpg

Ich muss zugeben, ich hatte feuchte Hände …

(lacht) Versteh' ich, ging mir genauso, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, obwohl ich ja bei jeder Szene dabei war. Aber das liegt natürlich am Schnitt und der Kamera. Und nochmal zu Bruce Willis: Der Karl ist ja eigentlich gar nicht so ein Typ, der hat ja sogar Flugangst! Aber welche Kraft in uns steckt, was in so einem Bürohengst doch alles vor sich geht, wenn es um alles oder nichts geht, das ist doch immens. Wenn die Kinder, die Karriere, die Ehe, das Leben an sich bedroht ist, welches Potenzial dann in uns steckt - das ist eine tolle Entwicklung. Zum Glück werden diese Superkräfte ja nicht ständig von uns abverlangt (lacht), aber dass er am Ende ein blutverschmierter Actionheld ist, dass man so über sich hinauswächst - das steckt eben in uns drin, egal ob wir Büromensch oder Feuerwehrmann wie Bruce Willis sind.

Sind wir im wahren Leben blind gegenüber vielen Dingen? Der Beziehung, den Kindern, den Geschäftspartnern? Das ist ja eine weitere, wirklich enttäuschende Erfahrung, die er da machen muss mit seinen Geschäftspartnern…

Nee, glaub' ich nicht …

Das ist doch alles eine verlogene Welt …

Ja, klar, aber Geschäftspartner oder der Job sind am Ende eben doch nicht DAS Wesentliche. Wenn es um Leben und Tod geht, dann haben wir den Instinkt, den wir schon seit Tausenden von Jahren in uns tragen. In unserer abgepufferten "Alles-ist-gut-Welt" da wird dieser Instinkt ja nicht gefordert, der scheint dann zu verkümmern. Aber wenn es drauf ankommt, dann ist der da. Dann beweist sich, was für ein Mensch du bist. Wenn man selbst Kinder hat, die natürlich auch Kraft kosten, dann weiß man doch aber, dass dies auch ein Energiereservoir freilegen kann, von dem man vorher gar keine Ahnung hatte, dass man es überhaupt besitzt. Das erlebt der Karl. Wenn - wie bei den Brendts - mal alles auf den Tisch kommt, dann kann man da ja auch wieder was draus machen.

Es sieht zumindest vielversprechend aus.

Eine Läuterung anhand des Schicksals (lacht).

Mit Wotan Wilke Möhring sprach Sabine Oelmann.

"Steig.Nicht.Aus." startet am 12. April in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema